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Die Aufmerksamkeitsspanne eines Goldfisches

Ein Video auf YouTube, dass länger als 5 Minuten dauert oder ein Artikel mit der Lesedauer von 3 Minuten, wirst Du rein statistisch nicht zu Ende verfolgen. Unsere Aufmerksamkeitsspanne ist nämlich noch nicht einmal so lang wie die eines Goldfisches, behauptet eine Microsoft Studie. Goldfische haben neun Sekunden und Menschen mittlerweile nur noch acht Sekunden Aufmerksamkeitsspanne.


Während der nächsten Minute, in der Du diesen Artikel liest, werden 500 Stunden Material auf YouTube hochgeladen. Wenn Du all diese YouTube-Videos anschauen möchtest, die in der nächsten Stunde hochgeladen werden, dann wirst Du dafür 82 Jahre brauchen.


Die Digitalisierung hat uns zur schnellsten Wissensgesellschaft gemacht, die die Welt je gesehen hat und gleichzeitig ist unsere kognitive Kapazität, dieses Wissen zu verarbeiten nicht in gleichem Maße größer geworden. Hinzu kommt, dass wir eine immer größere Menge von Informationen zur Verfügung gestellt bekommen, die wir in immer kürzerer Zeit verarbeiten müssen.
Vorteilhaft ist diese rasant wachsende Daten und Informationsmenge beispielsweise bei der Erforschung des Coronavirus. Hierzu werden täglich hunderte von neuen medizinischen Forschungsergebnisse zu einem relativ kleinen Wissensgebiet veröffentlicht. Insgesamt wird das Wissen aber immer unübersichtlicher.


Unser Gehirn ist ein sehr ökonomisch arbeitendes Organ. Jene Bereiche, die wir nicht aktiv nutzen, werden zurückgebaut. 

Wenn man beispielsweise irgendwann Englisch oder Französisch gelernt hat und diese Sprachkenntnisse nicht regelmäßig anwendet, da sie nicht benötigt werden, dann wird dieses Wissen nach und nach aus dem Gedächtnis gelöscht, um neue Kapazitäten freizuschalten. Der Neurobiologe Gerald Hüther kritisiert zum Beispiel, dass Abiturienten bereits zwei Jahre nach ihrem Abitur nur noch 10 % von dem, was sie in der Schule gelernt haben, wissen.
Ein weiteres interessantes Phänomen ist die Tatsache, dass sich der Mensch immer schlechter in Städten oder Landschaften zurechtfindet, da er verstärkt die Navigationssysteme in Autos oder Smartphones nutzt. Das ist damit zu erklären, dass unser Gehirn zwei grundsätzliche Fähigkeiten des Denkens hat, wie der israelisch-US-amerikanische Psychologe David Kahnemann in seinem Buch „Schnelles Denken, langsam Denken“ aufzeigt.


Wir haben ein schnelles, intuitives Erfassen von Situationen und wir haben ein langsames, in die Tiefe verarbeitendes Denken.

Beide Fähigkeiten zu denken brauchen der Mensch. Die Herausforderung liegt darin, dass uns im digitalen Zeitalter das langsame und tiefe Denken immer schwerer fällt. Ursache sind die permanenten Ablenkungen, denen wir in Form von WhatsApp- und Push-Mitteilungen oder anderer Informationen ausgesetzt sind, die piepsen, summen oder aufploppen. Diesen Ablenkungen können wir uns nur schwer entziehen. Einer Versuchsreihe der University of Virginia zufolge, fällt es Menschen immer schwerer sich länger zu konzentrieren und Langweile auszuhalten. Langeweile bedeutet aber auch die Abwesenheit von Ablenkung. Langeweile ist die Basis, auf der kreative Prozesse und neues Denken entstehen. Daher müssen wir lernen uns, Pausen und Auszeiten von Ablenkungen zu nehmen.


Wieso triggern uns die digitalen „BINGs“ oder „RINGs“ und andere digitale Impulse? 

Ursächlich hat der Botenstoff „Dopamin“ in unserem Gehirn damit zu tun. Dopamin wird immer dann ausgeschüttet, wenn man etwas Neues entdeckt. Allein der Eingang der Information weckt Neugierde, Freude oder Überraschung. So regt selbst eine noch so unwichtige neue Nachricht die Dopaminausschüttung an. Und diese ist um so stärker, je farbiger oder bewegter die Botschaft oder Nachricht ist, wie zum Beispiel in Form von Fotos oder Videos.
Seit 2014 haben mehr als die Hälfte aller Menschen in Deutschland ein Smartphone. Dieses technische Gerät belohnt uns mit kleinen Dosen Dopamin, sobald wir ein Bild ansehen oder uns in Clicks verlieren, die uns ablenken. Das dies Suchtpotenzial hat, merkt man, wenn die Impulse oder Nachrichten nachlassen und man nach neuer Ablenkung sucht und die ablenkungsfreie Zeit nicht aushalten kann.

Dieses Stand-by-Verhalten verhindert, sich in andere Themen zu vertiefen. Wir bleiben so gedanklich nur an der Oberfläche. Fälschlicherweise wird dies oft als Fähigkeit zum Multitasking interpretiert. Leider verhindert dies aber eine tiefere Auseinandersetzung mit einem Thema und das Entwickeln neuer Ideen und Erkenntnisse. Folglich gibt es wenig befriedigende Lösungen und damit auch keine Dopaminausschüttung.


Die Errungenschaften unserer Kultur sind einer tiefen Aufmerksamkeit zu verdanken.

Hinter jedem erfolgreichen Buch, Kunst- oder Bauwerk, Erfindung oder medizinischen oder technologischen Fortschritt stehen Menschen, die sich intensiv und über lange Zeit auf ein Thema konzentriert und damit auseinander gesetzt haben. Diese Fähigkeit kommt uns im digitalen Zeitalter immer mehr abhanden. Dabei ist nicht die neue digitale Technologie dafür verantwortlich, sondern wie wir mit ihr umgehen.

Neue Technologien sollen den Alltag unterstützen und erleichtern, aber nicht wertvolle analoge Fähigkeiten ersetzen.

Kreativität und Forschergeist setzt Konzentrationsfähigkeit, Beobachtungsgabe und Neugierde voraus. Es gilt mehr denn je, dass wir lernen, ausserhalb der „BINGs“ oder „RINGs“ Dinge umfassend und tief wahrnehmen zu können. Man muss sich Zeit nehmen, damit das Analoge und die Stille Platz im Alltag finden.