GESELLSCHAFT, OUT NOW, POLITIK

Die politische Sprache zu Zeiten der Pandemie

„Das Wort hat Macht. Die Macht hat das Wort.“

Theodor Gehrke

Die deutsche Sprache und der Umgang mit ihr sind wunderbar und einzigartig. In der aktuellen Corona-Situation sind wir alle sensibler geworden für die Meldungen aus Radio, Fernsehen, Presse und Social Media zum Thema „Pandemie“. Uns ist allen aufgefallen, dass sich die Sprache innerhalb kurzer Zeit verändert hat und zwar insbesondere im politischen Umfeld. Neue Worte wie zum Beispiel Social distancing, Herdenimmunität, Infektionskette, Infektionsrate, Distanzunterricht, Durchseuchen, Abstandsgebot, Inzidenz (-wert) – um nur einige zu nennen – haben sich in unseren Alltag eingefügt. Die Bedeutung von Worten, Reden und Kommentaren, die die Gesellschaft der Politik derzeit beimisst, ist stark gestiegen. Wir reagieren als Gesellschaft schneller und           unmittelbarer auf Äußerungen, die Politikerinnen und Politiker heute tätigen.

Wir sollten uns mehr auf die politische Sprache konzentrieren, denn sie beeinflusst uns – bewusst oder unbewusst- jeden Tag, nämlich morgens, wenn wir die Zeitung lesen, mittags wenn wir das Radio einschalten, abends wenn wir die Tagesschau bzw. die Nachrichten sehen. Auf den Social Media Plattformen ist sie zu jeder Tages- und Nachtzeit präsent. Wir kommen also ständig mit der politischen Sprache in Kontakt und   somit prägt sie uns. Bei der politischen Sprache geht es immer darum, die Meinung der Gesellschaft zu beeinflussen und während der Zeit dieser Pandemie wurde dies ziemlich deutlich. So geht es generell um den Begriff Pandemie, ein Begriff, der für uns alle heute alltäglich ist, doch war er das auch schon vor Corona? Den Begriff Herdenimmunität kannte man -wenn man ihn überhaupt kannte- nur von Tieren. Den Begriff Lockdown kannte man nur aus Filmen, meistens aus Katastrophen- oder Science-Fiction-Filmen. All diese Begriffe und noch viele mehr prägen uns und unseren Alltag. Insbesondere die Begriffe Pandemie und Lockdown verfolgen uns seit mehr als einem Jahr täglich.

Im Duden wird „Sprache“ als „Fähigkeit des Menschen zu sprechen; das Sprechen als Anlage, als Möglichkeit des Menschen sich auszudrücken“ definiert. Sprache ist also die Grundlage für Kommunikation. Das Wort „Kommunikation“ kommt aus dem lateinischen „communicare“ und bedeutet „teilen, mitteilen, teilnehmen lassen“. Sprache ist also die Fähigkeit dem Gegenüber unsere Gedanken und Gefühle mitzuteilen und sie daran teilhaben zu lassen. Mit Sprache können Informationen und Emotionen an eine Gemeinschaft weitergegeben werden. Es gibt Sprachformen wie die Umgangssprache, die Fachsprache, die Jugendsprache, den Dialekt (bayrisch, sächseln, schwäbeln, etc.) und noch viele weitere. Sprache vereint unterschiedliche Gemeinschaften miteinander bzw. trennt auch Gemeinschaften voneinander. Menschen, die die deutsche Sprache beherrschen, bilden eine Gemeinschaft. Sie sind von denen zu unterscheiden, die diese Sprache nicht sprechen können, dafür aber beispielsweise der englischen Sprache mächtig sind. Neben diesen Unterschieden der Gruppenzugehörigkeit durch Sprache, die gesprochen oder geschrieben wird, findet man auch unterschiedliche Sprachstile wie z.B. die gehobene oder schlichte, bildreiche oder poetische, verständliche oder unverständliche, ordinäre oder ausdrucksstarke, formelle oder informelle Sprache.

In der aktuellen Situation wird Sprache für die Gesellschaft sowie für den Einzelnen immer wichtiger, da wir in physischer Distanz zueinander lebten und noch leben. Der Sprache wird eine noch größere Bedeutung zugemessen als bisher. Worte werden auf die „Goldwaage“ gelegt. Die Art und Weise, wie Politiker Sprache nutzen ist vielseitig. Im Vergleich zur „normalen“ gesellschaftlichen Alltagssprache hat die politische Sprache ein klares Ziel. Politiker appellieren, informieren, werben und manipulieren mit ihrer Sprache. Sprache ist für Politiker der wichtigste Bestandteil ihrer Arbeit. Denn ohne Sprache und ohne Verwendung von Wörtern kann Politik nicht stattfinden. Man könnte auch sagen, dass das sprachliche Handeln die Politik bestimmt. Und es heißt nicht umsonst: „Sprache ist Macht.“ 

Bei der politischen Sprache sollte man auf die Semantik achten, also auf die Bedeutung hinter der Sprache und den gewählten Worten. Politiker nutzen dabei häufig drei Methoden: Benennen, Besetzen und Beschönigen. Dinge zu benennen ist ein guter Weg, um politische Thesen auf schnellem Weg zu verbreiten und greifbar zu machen. Wenn man beispielsweise ein spezielles politisches Leitbild „Soziale Marktwirtschaft“ tauft oder eine politische Strömung als „Neoliberalismus“ bezeichnet, dann erhält man Schlagwörter, die politische Debatten wesentlich einfacher machen. Die Begriffe zu besetzen bedeutet, sie mit Inhalt zu füllen und ihnen so mehr Gehalt zu verleihen. Das geht besonders gut mit Begriffen wie der oben bereits erwähnten sozialen Marktwirtschaft oder auch mit abstrakten Konzepten wie Freiheit und Gerechtigkeit.

Ideen benennen und besetzen zu können, ermöglicht Politikern einen einfacheren Zugang zu einer breiten Wählerschaft. Mit wenig Worten kann man komplexe Ideen und Sachverhalte kommunizieren. Oft wird ihnen gleichzeitig eine gewisse Bewertung mitgegeben, die sich in folgenden Beispielen verdeutlichen lässt. Der Begriff „Arbeitsamt“ wurde durch den Begriff „Arbeitsagentur“ ersetzt, da die Bedeutung des Wortes „Amt“ häufig mit negativen Attributen besetzt ist, wie zum Beispiel lange Wartezeiten, sehr langwierige, komplizierte und bürokratische Abläufe und unmotivierte Mitarbeiter. So sind zumindest die Klischees. Eine „Agentur“ dagegen klingt frisch, dynamisch, ziel- und serviceorientiert. Begriffe wie „Elite“ oder „Auslese“ assoziiert man ganz schnell mit dem dritten Reich, „Atomkraft“ oder „Kernenergie“ mit (Umwelt-)Katastrophen und Krieg. Die Möglichkeiten Sachverhalte zu benennen und neu zu besetzen birgt jedoch ein großes Missbrauchspotential. Vor allem rechtspopulistische Parteien versuchen oft rechte Ideologien gezielt durch Sprache zu verbreiten. Da geht es dann um Begriffe wie „völkisch“, dass man positiv zu besetzen versucht. Doch dieser Begriff stammt ursprünglich aus der rassistischen Ideologie des Nationalsozialismus. Die große Gefahr bei solchen Begrifflichkeiten ist, dass nationalsozialistische Wörter und damit auch rechtsextreme Ideologien unbewusst wieder in unseren Sprachgebrauch gelangen. 

Das genaue Gegenteil ist aber auch problematisch, wenn politische Sachverhalte extrem beschönigt werden. Dann werden häufig sogenannte Euphemismen, also Beschönigungen, genutzt. Hierzu gehört auch die „political correctness“, die politische Korrektheit. In der ursprünglichen Bedeutung bezeichnet der englische Ausdruck die Zustimmung zu der Idee, dass Ausdrücke und Handlungen vermieden werden sollten, die Gruppen von Menschen kränken oder beleidigen können. Euphemismen kennen wir aus dem Alltag, wenn wir zum Bespiel anstatt sterben, heimkehren oder ableben sagen. Ähnliche Euphemismen findet man in der Politik. Dort werden sie häufig genutzt, um die Wählerschaft zu beeinflussen und Dinge besser erscheinen zu lassen, als sie eigentlich sind. Oft ist von sogenannten „Kollateralschäden“ die Rede, wenn eigentlich die Tötung von Zivilisten gemeint ist. Luftangriffe werden „Luftunterstützung“ genannt, Krieg aus humanitären Gründen wird „Humanitäre Intervention“ getauft und den Feind töten wird durch den Feind neutralisieren ersetzt. Ein weiteres rhetorisches Mittel von dem Politiker oft gebrauch machen sind Leerformeln und Floskeln, die fest in unserem Sprachgebrauch verankert sind. Dazu gehören verschwommene, inhaltslose Aussagen wie „Das ist das Wohl des Ganzen…“ oder „Das ist nicht unser Bier.“. Diese umgangssprachlichen Sätze helfen Politiker durch ihre Einfachheit eine gewisse Nähe zum Publikum aufzubauen und lockern außerdem die Reden auf. Es wird deutlich, dass Sprache ein machtvolles Werkzeug ist, welches sich konstant verändert. Vor allem in der Politik ist dieses machtvolle Werkzeug allgegenwärtig und wird sehr vielfältig genutzt. Politik und die damit verbundene Sprache verfolgt ganz klare Ziele. Die Absichten werden auf den ersten Blick nicht immer deutlich. 

Frames gibt es häufig in der Politik, denn sie sind ein starkes Hilfsmittel, um das Meinungsbildung und das Handeln der Wählerschaft zu beeinflussen. Obwohl man heute die sozialen Medien als eine wichtige Möglichkeit nutzt, um Menschen zu beeinflussen, setzen Politiker das Framing ihrer Sprache häufig in Live-Diskussionen oder bei Fernsehansprachen ein. Sie verwenden Sprache, um Slogans zu kreieren, die die Wählerschaft erreichen und ansprechen. Diese können dann später zu einer Art Sprechgesang werden. Ein bekanntes Beispiel stammt vom ehemaligen US-Präsidenten Donald Trump. Dieser nutzte die Abkürzung „MAGA“ für den Slogan „Make America Great Again“. Aus dem Englischen übersetzt, bedeutet «frame» Rahmen, «framing» ist das Einrahmen. Der Ausdruck Frame wurde vom Sozialwissenschaftler Gregory Bateson geprägt. Er sah in der Rahmung von kommunikativen Handlungen eine wesentliche Bedingung dafür, dass sich Gesprächsteilnehmer orientieren können und Verständigung gelingt. Dahinter steckt eine (unbewusst oder bewusst eingesetzte) Kommunikationsstrategie, bei der ein Sender einem Empfänger eine bestimmte Botschaft durch eine gezielte Wort- und Themenwahl vermittelt. Das zu Vermittelnde wird durch Verfasser und Rezipienten in ein Deutungsraster eingeordnet beziehungsweise gerahmt. Durch die Wahl der Sprache bestimmt man also den Rahmen durch den man die Welt, aber auch sich selbst betrachtet. Durch diesen Rahmen betrachten wir ein Thema und werden dadurch in unserer Wahrnehmung beeinflusst. Framing-Effekt oder Framing bedeutet, dass unterschiedliche Formulierungen einer Botschaft – bei gleichem Inhalt – das Verhalten des Empfängers unterschiedlich beeinflussen. Mithilfe von Frames lässt sich etwa begreifen, weshalb in der westlichen Berichterstattung häufig Themen wie Islam und Terrorismus in Verbindung gebracht werden. Politische Wahlkämpfe werden im Journalismusgerne mit Pferderennen verglichen, sodass der Wettkampf-Charakter in den Vordergrund tritt. Ein drittes Frame- Beispiel wäre die David-gegen-Goliath-Metapher, mit der in der Vergangenheit etwa der Israel-Palästina-Konflikt gerahmt wurde. Damit wurde er auf den Kampf zweier ungleicher Gegner reduziert, wobei der vermeintlich unterlegenen Partei Sympathie entgegengebracht wird. Benutzt man die Aussage „Bereits 50 %“, dann erzeugt das ein Bild von Fortschritt und erreichten Zielen, während „Immer noch 50 %“ mit Stillstand und Scheitern verbunden sind. Es wird deutlich, dass das erste Beispiel ein sehr viel positiveres Bild hinterlässt. Das zweite Beispiel „Immer noch 50 %“ ist dagegen klar negativ geframt. Frames kommen überall vor, wo es Text und Sprache gibt, zum Beispiel in der Werbung, in Gesprächen mit Freunden und Kollegen, aber auch im Journalismus und in der Politik, wo Objektivität besonders wichtig ist. Das Erzeugen von Bildern und Assoziationen kann durchaus ein Teil der lebhaften Sprache bleiben, jedoch muss die Objektivität beispielsweise in der journalistischen Berichterstattung bewahrt bleiben. Wertende oder bewusst verzerrende Frames haben im Journalismus demnach keinen Platz. Denn andernfalls können Sachverhalte oder Personengruppen bei ständig gleich geframten Darstellungen völlig verzerrt wahrgenommen werden.

In der Politik wird versucht mit bestimmten Worten, die verwendet werden, entweder indirekt (unbewusst) oder direkt (bewusst) einen politischen Standpunkt zum Ausdruck bringen zu wollen. Das kann so subtil sein wie ein Akzent oder die Art und Weise, wie Menschen angesprochen werden. Politiker sind in ihrer Sprache immer auf Interaktion ausgerichtet, dazu gehören auch Unterbrechung, Debatten und Verhandlungen. Dabei neigen sie dazu, vage zu bleiben und zu sein. Auf diese Weise überlassen sie es der Wählerschaft, das Gesagte so zu interpretieren, wie sie es verstehen möchten.

Die Pandemie hat sich so stark wie noch nie auf die politische Sprache ausgewirkt. Den Menschen werden Wörter vermittelt, die sie so noch nie gehört haben. Es werden deutlich mehr Abkürzungen und Fachbegriffe benutzt wie zum Beispiel die „MPK“ für Ministerpräsidentenkonferenz oder die „AHA-Formel“, also Abstand halten, auf die Hygiene achten und im alltäglichen Geschehen die Maske tragen. Natürlich werden in so einer Ausnahmesituation, in der ein Virus die ganze Welt beeinflusst und bewegt bzw. zum Stillstand bringt, auch Fachbegriffe verwendet wie zum Beispiel das Wort Pandemie oder der Fachbegriff „Superspreader“. Dabei handelt es sich um eine bestimmte infizierte Person, die für viele Neuinfektionen sorgt und auf diese Weise viele weitere Menschen anstecken kann. Man könnte sicherlich ein ganzes Glossar mit diesen neuen Fachbegriffen, Abkürzungen und Wortneuschöpfungen anlegen. Die Reden der deutschen Bundeskanzlerin zeigen wie wichtig es ist, eine neue (Ausnahme-)Situation der Gesellschaft zu erklären und zu erläutern, denn nicht jeder Haushalt ist ein bildungsstarker Haushalt. Die Gesellschaft muss mit einbezogen werden und sie muss auch aufgeklärt werden. Am Anfang der Pandemie wurde das sicherlich vorbildlich gemacht, doch mittlerweile befinden wir uns schon seit über einem Jahr weltweit in dieser Ausnahmesituation und einige Politiker vergessen das. Denn sie erklären teilweise bestimmte Maßnahmen und Fachbegriffe nicht mehr. Dementsprechend spaltet und verärgert das die Gesellschaft. Viele Bürger fühlen sich nicht mit einbezogen und machtlos. Das führt zu einem gesellschaftlichen Diskurs nicht nur in unserem Land, sondern auch weltweit. Die Pandemie bestimmt das Handeln jedes einzelnen Individuums auf der Welt. Laut des Leibniz-Instituts für Deutsche Sprache gab es etwa 1.000 neue Wortschöpfungen durch Corona. Es ist Fakt, dass die Sprache von Politikern appellhafter, dramatischer und wenig optimistisch geworden ist. Die Bevölkerung wird gebeten, Regeln und Maßnahmen zu befolgen. Diese werden jedoch nur fachsprachlich erklärt, wenn es überhaupt detailliert erklärt wird. Es fühlt sich so an, als wolle man gar nicht so genau ins Detail gehen, sondern die Gesellschaft vielmehr ruhig halten. Seit den Fernsehansprachen von Merkel von März 2020 bis zum März 2021 hat sich pandemisch einiges geändert. Wir können nun impfen und haben viel mehr über die Übertragung und das Virus und seine Mutationen gelernt. Die politische Sprache aber ist gleichbleibend verklausuliert und undurchsichtig geblieben. Es lässt sich vermuten, dass das Undurchsichtige die politische Sprache ausmacht. Man würde sich wünschen wollen, dass in Zeiten einer Pandemie direkt und verständlich zu den Bürgern gesprochen und kommuniziert wird. Wie sehr Sprache unsere Gesellschaft beeinflusst, zeigt sich natürlich auch im Sprachgebrauch der Bürger. So wurde „Corona-Pandemie“ von der Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS)14 zum Wort des Jahres 2020 gekürt.

Es wird klar, wie wichtig Sprache ist und wie wichtig es dementsprechend auch ist klar und deutlich zu kommunizieren und das ganz allgemein, unabhängig von der Politik. Würden man sich nicht manchmal wünschen, dass Politiker die Sprache aus den Erklärvideos der Sendung mit der Maus benutzen würden, um jedem mit einfachen Mitteln dieses Virus,  seinen Einfluss auf unseren Alltag, auf unser Verhalten und unsere damit verbundene Verantwortung zu erklären?