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Im Gespräch mit Rita Wermes – die neue didaktische Leiterin in Hardt.

Rita Wermes ist seit einem Schuljahr die ‚Neue‘ im Schulleitungsteam der Gesamtschule Hardt. Die Standpunkt-Redaktion hat sich mit Ihr zu einem Gespräch getroffen und nachgefragt, welche Aufgabenbereiche und Ziele sie als didaktische Leiterin der Schule hat und was ihr privat wichtig ist.

Standpunkt: Frau Wermes, wir sind natürlich neugierig auf Sie als Privatperson und als neue didaktische Leiterin unserer Schule. Können Sie sich kurz vorstellen?

Frau Wermes: Ich wohne in Kempen, habe zwei erwachsene Söhne, bin 60 Jahre alt, Musik- und Deutschlehrerin und kam vor knapp einem Jahr an diese Schule.

Standpunkt: Was machen Sie, wenn Sie nicht in der Schule sind, also was machen Sie privat?

Frau Wermes: Ich mache Musik, spiele viele Instrumente und singe gerne mit anderen zusammen. Außerdem fahre ich Kajak, segle Contender, gehe gerne zum Klettern und zum Joggen. Mich mit Freunden zu treffen, ist das Highlight einer Woche.

Standpunkt: Was haben Sie gemacht, bevor Sie hier an die Gesamtschule gekommen sind?

Frau Wermes: Ich war an einem Gymnasium tätig, das ich mitgegründet habe, da war ich also die erste Lehrerin, als es gestartet ist. In den letzten 18 Jahren habe ich dann zusätzlich MusiklehrerInnen am Studienseminar in Düsseldorf ausgebildet. 

Standpunkt: Wie lange sind Sie jetzt schon an unserer Schule?

Frau Wermes: Komplett seit dem zweiten Halbjahr und erst einmal noch nicht komplett seit den Herbstferien. Das war eine Zeit, in der ich an meiner alten Schule noch unterrichten musste und das hier noch nicht tun konnte.

Standpunkt: Was hat Sie dazu bewogen, sich auf diese Stelle zu bewerben?

Frau Wermes: Ganz ehrlich: Ich wollte nochmal etwas Neues machen und hatte Lust auf neue Herausforderungen. Ich wollte so gerne das, was ich kennenlernen durfte in den Jahren meines Berufslebens, nochmal an anderer Stelle anbieten. An diese Schule wollte ich, weil ich von ihr angetan war. Ich war nicht bereit mein altes System zu verlassen, um irgendwo didaktische Leiterin zu werden, ich wollte hier hin.

Standpunkt: Warum wollten Sie genau hier an diese Schule?

Frau Wermes: Weil sie gut ist. Die Menschen sind nett, es gibt eine große Offenheit, es ist viel Entwicklung da und eine große Vielfalt.

Standpunkt: Haben Sie eigentlich ein Lebensmotto oder ähnliches?

Frau Wermes: Eigentlich habe ich kein Lebensmotto, aber ein tolles Motto für mich wäre: „Et hätt noch immer jot jejange“ oder „immer an das Gute glauben“.

Standpunkt: Um jetzt mal auf die Position der didaktischen Leitung zu kommen. Was bedeutet eigentlich das Wort „didaktisch“?

Frau Wermes: Es geht maßgeblich um die Fragen, was gelernt werden soll und wie Lernen am besten gelingt, und damit immer um Unterrichtsentwickung. Wir lernen aber nicht nur im Unterricht, wir lernen auch in vielen außerunterrichtlichen Situationen. Wie Lernen am besten klappt, Lust auf Lernen machen, Lernen erfolgreich und überhaupt möglich machen, junge Menschen zum Lernen befähigen, Bereitschaft für lebenslanges Lernen wecken … das gehört alles dazu. Didaktik ist demnach immer mit Schulentwicklung verbunden. Kommunikation finde ich ganz wichtig, miteinander sprechen, zusammen Ideen entwickeln und zusammen Schule entwickeln. Ich bin nicht DIE Entwicklerin, denn wer hat denn schon das gesamte, das „richtige“ Wissen? Ein unsympathischer Gedanke! Keiner hat das, jede/r bringt Erfahrungen und Blickwinkel mit und erst dann kann es gut werden. Kooperation und Kommunikation sind die Keimzelle, und die gemeinsame Kraft zusammenzulegen, das ist doch das Beste, was man machen kann. 

Standpunkt: Was ist Ihrer Meinung nach eine didaktische Leitung in drei Sätzen?

Frau Wermes: In drei Sätzen? 

Standpunkt: Oder anders. Was ist Ihre Vision für diese Stelle an der Gesamtschule Hardt?

Frau Wermes: Die Gesamtschule Hardt in ihrer Entwicklung zu unterstützen, das ist das, was ich hier will und dabei bringe ich das ein, was ich kann. Ich schaue, was da ist und dann gucke ich, ob von dem, was ich kann, etwas dazu passt und gebraucht werden kann. Wenn hier etwas entwickelt werden soll, wenn etwas „dran“ ist, dann bin ich dabei und packe mit an. Ich entwickle auch meine eigenen Ideen, aber ob die gut sind, entscheide ich nicht allein. Ich möchte schlicht alles, was ich kann, in den Dienst der Schule stellen, alles, was ich gelernt habe. 

Standpunkt: Ideen sind ja oft nur dann gut, wenn man sie zusammen entwickelt.

Frau Wermes: Genau. Es gibt supergute Ideen. Doch ob eine Idee gut ist, beweist sich nicht dadurch, dass eine/r ihre/seine Idee selbst gut findet. Es kommen auch andere mit ihren Ansichten und Perspektiven und Erfahrungen und vor allem mit ihrem Fachwissen und mit ihren Ideen dazu. Und wenn ich dann in eine Situation komme, wo ich merke, jetzt haben wir so viele Gedanken ausgetauscht und finden dann den bestmöglichen Weg, dann bekomme ich eine Gänsehaut. Das hatten wir vorletzte Woche, da haben wir zum Leitbild-Prozess gearbeitet, das war einfach großartig.

Standpunkt: Eine Ihrer Aufgaben ist die Neugestaltung oder Entwicklung des Schulleitbildes der Gesamtschule Hardt.

Frau Wermes: Genau, da sind wir dran, das Leitbild der Schule herauszuschärfen. 

Standpunkt: Unsere Schule ist in so vielen Dingen sehr repräsentativ nach außen und zeigt viel von innen, aber wenn man genauer hinguckt, dann ist es oft so: Ihr seid Sportschule, Europaschule, Internationalität, ihr seid MINT Schule, aber wer sind wir denn eigentlich wirklich? Was ist letztendlich eigentlich unser Fundament? Wer sind wir eigentlich?

Frau Wermes: Ja, da kommt so viel zusammen. Ein Leitbild hat die Aufgabe, genau das zu klären: Was macht uns alle aus? Was ist das, wo wir alle drauf fußen. Es bedeutet auch, dass man zukünftige Entwicklungen daran dann auch prüft, passt das wirklich zu unserem Leitbild? Wir sind uns sicher, dass es ein Leitbild schon gibt, aber es ist noch nicht formuliert. Wie man diese Prozesse hinkriegen kann, haben wir uns überlegt. Das ist gar nicht so einfach, wie kriegt man bei 100 LehrerInnen und 1000 SchülerInnen und den Eltern das herausgefiltert, was uns in der Gesamtschule Hardt verbindet, was uns antreibt und motiviert, wofür wir stehen und was wir gemeinsam haben? Irgendwo gibt es ein Basisfundament. Ich stelle mir das so vor wie eine Stehlampe, die leuchtet und leuchtet in ganz vielen Facetten. Sie hat auch einen Fuß, auf dieser Plattform steht sie und von da muss sie ihren Strom herbekommen. Wo ist denn dieser Fuß, wie ist er, woraus besteht er? Und zu diesem Fuß passt der Rest.

Standpunkt: Was ist ihre Vision, also was sind die Ziele für diese Schule als didaktische Leitung?

Frau Wermes: Dass ich die nicht habe, ist klar, also ich habe die bewusst nicht. Ich bringe ganz große Ohren und Augen mit um zu hören und zu schauen, was ist hier, um dann zu verstehen, wie könnten die nächsten Schritte aussehen und wie kann ich dabei helfen, wie kann ich die Schule  unterstützen. 

Standpunkt: Also was Sie daraus machen ist, dass Sie das Erlebte und Ihre Erfahrung letztendlich hier mit herbringen und sagen: Hier bin ich. Ich würde euch gerne unterstützen, aber ich gebe gar keine Richtung vor, sondern wir gucken, wo wir eigentlich zusammen hinwollen?

Frau Wermes: Ja, so kannst du es beschreiben.

Standpunkt: Wie haben Sie das Kollegium kennengelernt?

Frau Wermes: Es ist so viel schöner, wenn man sich besser kennt! Ich habe jede Kollegin und jeden Kollegen eingeladen und gebeten, mal „auf ein Viertelstündchen“ vorbeizukommen. Ein bisschen miteinander zu reden und zu erzählen, sich etwas kennenzulernen – das macht es schöner und freundlicher. Ich bin davon überzeigt, dass man dann auch besser zusammen arbeiten kann. 

Standpunkt: Es gibt sehr viel Positives an diesem Job, aber was sind eigentlich die Herausforderungen, gerade für die didaktische Leitung?

Frau Wermes: Die enorm zugenommene Belastung der Kolleginnen und Kollegen, darin sehe ich ein Problem. Wir kommen ja manchmal kaum zum Luftholen. Wenn wir mehr Zeit und Muße hätten zur Entwicklung von guten Gedanken, dann würde da so viel Gutes entstehen. Aber die Belastung der Kolleginnen und Kollegen ist in den letzten 15 Jahren dermaßen gestiegen! Eine Vision wäre, dass uns jemand all das, was Verwaltung und Papierkram bedeutet, abnehmen könnte, dass wir nur noch Lehrerinnen und Lehrer sein dürften. Wenn man viel Zeit mit Verwaltung verbringen muss, dann fehlt Zeit für das andere und das tötet auch in gewisser Weise die Motivation. Schlichtweg ist es die zugenommene Belastung der Kolleginnen und Kollegen.

Standpunkt: Wie wählen Sie als didaktische Leitung zeitgemäße und akut notwendige Fortbildungsthemen für das Kollegium aus?

Frau Wermes: Da bist du schon direkt am Punkt. Meistens suche nicht ich das aus, die Kollegen sagen, was ihnen fehlt und was sie sich wünschen.

Standpunkt: Ich darf mir das dann so vorstellen. Die LehrerInnen kommen auf Sie zu und sagen Ihnen „Ich bräuchte ein Fortbildung für..“?

Frau Wermes:  Ja, auf den/die Einzelne/n geschaut ist das so. Jede Woche kommen Anträge auf mich zu, da hat, jemand eingetragen, ich möchte zu der und der Fortbildung gehen. Alles, was an Fortbildungsangeboten bei mir ankommt, schicke ich nämlich weiter ans Kollegium, entweder mache ich dann Fotos für alle oder ich maile die Information direkt gezielt an einzelne Personen weiter. Denn wenn es was für die Naturwissenschaftler ist, dann muss sich der Deutsch- oder Geschichtslehrer ja nicht damit auseinandersetzen und noch eine weitere Mail kriegen – gerade weil die Mail-Flut eh schon so hoch ist. Das heißt, alle Angebote, die hier ankommen, gebe ich weiter und dabei bin ich natürlich aufgefordert, an die richtigen Personen weiterzuleiten. Wenn dann jemand sagt, sie/er möchte zu einer Fortbildung gehen, dann ist das erstmal klasse, denn sich regelmäßig fortzubilden ist wichtig. Wir LehrerInnen sind dazu sogar verpflichtet. Vor dem Hintergrund der Belastung, die wir alle so haben, ist es tatsächlich so, dass eine Fortbildung u.U. nochmal eine Anstrengung obendrauf ist. Man geht zwar weg und muss nicht unterrichten, aber man muss ja auch an den Unterricht denken, den man dann nicht selbst erteilt, nach Möglichkeit Aufgaben für die Schüler hinterlassen, und das ist in manchen Fächern gar nicht so leicht. 

Standpunkt: Sie bekommen die Flyer für die Fortbildungen dann per Post, machen dann ein Foto und leiten es weiter an das Kollegium?

Frau Wermes: Meistens kommen digitale Ausschreibungen an, die kann ich dann so weiterleiten. Wenn was per Post kommt, dann mache ich ein Foto und schicke dies weiter. Ich lege außerdem alles aus, was gedruckt ankommt, ich filtere nicht, nur dann, wenn etwas überhaupt nicht für uns infrage kommt. 

Standpunkt: Welche Fortbildungen laufen gerade oder welche gab es zuletzt?

Frau Wermes: Die sind sehr vielfältig. Es gab u.a. Fortbildungen zum Thema Gewaltprävention, zur Unterrichtsentwicklung, eine Rettungsschwimmer-Fortbildung, dann viele Fortbildungen zum digital gestützten Lernen, zu außerunterrichtlichen Themen, zur Prüfungsfortbildung, zum Fächer-verbindenden bzw. -übergreifenden Arbeiten und Fortbildungen zum Thema „Wie bilde ich Lehrer aus?“. 

Daneben gibt es auch Fortbildungen, an denen wir alle zusammen teilnehmen. Diese finden dann hier bei uns statt. Bei der letzten – sie war am Ascherwittwoch, da hattet ihr einen Pädagogischen Tag – haben wir uns im Bereich Inklusion weitergebildet.

Standpunkt: Was macht Ihnen besonders Spaß an dieser Stelle?

Frau Wermes: Was mir wirklich Spaß macht, ist die Mischung von Unterrichten – denn ich unterrichte leidenschaftlich gerne – und dem, was wir gerade besprochen haben. Die Kommunikation mit den Leuten und zusammen Ideen zu entwickeln, das ist das Schönste,  und das passiert ja in guten Musikstunden auch im Unterricht. Schüler und Schülerinnen für Musik zu begeistern und sie ihnen verständlicher zu machen und näher zu bringen, macht mir Freude. Dann zusammen kreativ zu sein, setzt dem die Krone auf. Da kann man durchaus eine Parallele sehen zu den Situationen, in denen wir KollegInnen im Team zusammen kreativ sind und Ideen entwickeln mit dem Ziel, die Schulentwicklung vorantreiben. 

Standpunkt: Vielen Dank für das Gespräch Frau Wermes.

Das Gespräch führte Marie Sophie Neumann für standpunkt. Konzept Illustration, D.V.

Rita Wermes, seit 2021 didaktische Leiterin der Gesamtschule Hardt