GESELLSCHAFT

Was dauert da so lange?

Ein Kommentar von Ivana Baumann.

Heute morgen, nachdem ich das sechsundzwanzigste Snoozen meines Weckers hinter mir gelassen habe, entschied ich mich dazu, Instagram zu öffnen. Ein Prozess, den ich mittlerweile als ziemlich routiniert beschreiben würde. Die vielleicht sogar zum guten Ton gehörenden 20 Uhr Nachrichten der Gen Z. Es ähnelt dem Bild meines Vaters, den ich – als ich noch Zuhause wohnte – jeden morgen mit Sicherheit am Tresen der Küche antreffen würde, zwischen den Händen die bereits mit Kaffeetassenrändern versehene Tageszeitung. Aber ich schweife ab.
Nach ein/zwei oder doch vierunddreißig (zu schnell verliert man den Überblick, wenn alles gleich aussieht) recht irrelevanten Selbstdarstellungen und Motivationssprüchen scrolle ich fast an einem Post der Tagesschau vorbei. Die Headline: Flüchtlingslager Moria in Flammen. Ich halte kurz inne, wie so oft bei Posts über Katastrophen. Darauf folgt schnell die Scham über mein Privileg, dass ich hier gerade zwischen Daunen und Baumwolle gut geschützt mein Bett wärmen darf. Da fallen mir die Hashtags #wirhabenplatz und #leavenoonebehind wieder auf. Wie kann es möglich sein, dass – und ich rede hier „nur“ über die 13.000 Menschen im Camp Moria – diese Menschen nicht schnellstmöglich aufgenommen werden? Wobei wir diesen Platz doch tatsächlich haben. Im gleichen Zug überkommt mich erneut die Scham, dieses Mal über mein Unwissen. Ich realisiere, dass ich die politischen Hintergründe nicht mehr verfolgt habe und eigentlich keine ausreichende Ahnung habe, weshalb der Status Quo auf Lesbos so ist, wie er nunmal ist.
Ich erinnere mich an einen Artikel des Tagesspiegels, der im März veröffentlicht wurde und google erneut danach. Es liege an einer noch ausstehenden Genehmigung der Europäischen Kommission, dass bisher noch keine Evakuierungsflugzeuge geschickt werden konnten, wobei sowohl finanzielle Mittel, als auch platztechnische Kapazitäten gegeben und zugesichert seien. Das war, wie bereits erwähnt, im März.
Und auf die Gefahr hin, dass ich sowohl politische Voraussetzungen, als auch andere Eckpunkte damit außer Acht lasse, stelle ich offiziell die Frage:

Was dauert da so lange?

Was ich ebenfalls nicht verstehe, ist das Unverständnis all derer, die das Dasein der Menschen im Camp überhaupt hinterfragen. Ist denn keinem bewusst, dass – um die somalische Lyrikerin Warsan Shire sinngemäß zu zitieren – kein Mensch sein Kind in ein Boot setzen würde, es sei denn, das Wasser ist sicherer, als das Land?

Durch die vergangenen Monate haben wir alle gemerkt, dass alles, was laut Politik „nicht so einfach ginge“, wenn es beispielsweise um den Klimaschutz geht, nun doch ziemlich schnell funktioniert hat. Ich rede hierbei nicht von den verlorenen Jobs oder Existenzkrisen, sondern von den enormen finanziellen Maßnahmen. Und bevor einer nun die Augenbraue in Richtung Haaransatz zieht, nein, ich möchte hierbei nicht auch noch auf unsere Klimapolitik oder die Corona Pandemie eingehen, sondern nur hinterfragen, warum Dinge über so lange Zeit versichert und ausgesprochen, jedoch nie oder nur schleppend umgesetzt werden, wenn doch offensichtlich auch von heute auf morgen alles auf den Kopf gestellt werden kann.
Damit sich der Kreis meiner Gedankenfetzen jedoch wieder schließt und ich im Geiste den kritischen Kommentaren bereits ein leises „go“ zurufen kann, möchte ich abschließend den letzten Post auf Instagram, den ich sah, bevor ich die App mit brennenden Augen auf dem Weg ins Badezimmer schloss, zitieren…

„Europa, schämst du dich nicht? Denn ich habe mich schon für viel weniger geschämt.“