Wie politische Entscheidungen Schule und Studium verändern können

Demokratie klingt oft abstrakt. Für viele wird sie erst dann greifbar, wenn sie den eigenen Alltag betrifft, in der Schule, an der Uni oder im späteren Beruf. Kurz vor wichtigen Landtagswahlen 2026 wird genau das wieder deutlich. Welche Inhalte dürfen im Unterricht noch besprochen werden? Wie frei sind Forschung und Lehre? Und was passiert, wenn politische Kräfte stärker werden, die demokratische Grundregeln infrage stellen?

Am 28. Dezember 2025 hat die Süddeutsche Zeitung ein Interview veröffentlicht, das diese Fragen sehr konkret macht. Die Journalistin Iris Mayer spricht darin mit Andreas Petrik, Professor für Didaktik der Sozialkunde und Politische Bildung an der Universität Halle-Wittenberg. Petrik forscht seit Jahren zu Rechtsextremismus und politischer Bildung und berät Schulen im Projekt „Schule ohne Rassismus“. Er erklärt, was eine mögliche AfD-Regierung für Schulen, Hochschulen und die Demokratie bedeuten könnte, nicht theoretisch, sondern ganz praktisch.

Der Blick ins Ausland zeigt, warum diese Debatte wichtig ist. In den USA lassen sich unter dem aktuellen Trump-Regime politische Entscheidungen beobachten, bei denen Macht, Loyalität und Stärke wichtiger erscheinen als demokratische Regeln, unabhängige Institutionen oder Minderheitenschutz. Petrik warnt davor, ähnliche Entwicklungen zu unterschätzen. Gerade junge Menschen, die noch zur Schule gehen oder studieren, würden die Folgen zuerst spüren. Deshalb haben wir das Interview aus der Süddeutschen Zeitung für euch zusammengefasst, verständlich, sachlich und mit Blick auf das, was Demokratie im Alltag wirklich bedeutet. Dazu wird Elif Koca aus unserer Redaktion noch ein Blick auf die „Politische Bildung“ und ihre Erfahrungen damit im Schulalltag werfen.

Worum geht’s?

Kurz vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt spricht der Politikdidaktiker Andreas Petrik von der Uni Halle darüber, was eine AfD-Regierung konkret für Schulen, Hochschulen, politische Bildung und die Demokratie insgesamt bedeuten würde.

Was befürchtet er bei einer AfD-Regierung?

Petrik geht davon aus, dass Programme für Demokratiearbeit gestrichen würden, etwa „Schule ohne Rassismus“, die Landeszentrale für politische Bildung oder Förderungen für Kultur und zivilgesellschaftliche Projekte. Auch Medienregeln könnten gekündigt werden. In Schulen rechnet er mit Eingriffen in Lehrpläne, Verboten von Gendersprache, Einschränkungen von Sexualkunde und einer sogenannten „neutralen Schule“. In der Migrationspolitik erwartet er mehr Sachleistungen und Sammelunterkünfte mit dem Ziel schneller Abschiebungen.

Was heißt das für Unis und Schulen?

Professoren lassen sich nicht einfach entlassen, aber Gelder können gestrichen und Stellen nicht neu besetzt werden. Das würde besonders kleinere Fächer und kritische Forschung treffen, etwa zu Rechtsextremismus. In Schulen sieht Petrik mehr Spielraum für politischen Druck. Sein Rat an Lehrkräfte: sich absichern, notfalls klagen und den Rechtsstaat nutzen, solange er funktioniert.

Ist Neutralität in der Schule Pflicht?

Für Petrik ist klar: Politik lässt sich in einer Demokratie nicht aus der Schule heraushalten. Lehrkräfte dürfen und müssen Diskriminierung, Ungleichwertigkeit und Demokratiefeindlichkeit benennen. Er verweist auf ein Urteil aus Rheinland-Pfalz, das den Schutz der Demokratie über das Neutralitätsgebot stellt.

Warum fällt Widerspruch trotzdem so schwer?

Viele Lehrkräfte hätten Angst vor Konsequenzen oder Einschüchterung. In Ostdeutschland komme das Gefühl von Ohnmacht hinzu, das aus den Umbrüchen nach 1990 nachwirkt. Das mache es rechten Positionen leichter und hält auch demokratisch denkende Menschen oft davon ab, klar Stellung zu beziehen.

Warum finden Autokratien so viel Zustimmung?

Petrik erklärt das mit Abstiegsängsten und dem Gefühl, keine Kontrolle mehr zu haben. Es seien oft nicht die Ärmsten, sondern Menschen mit unsicherem Wohlstand, die sich nach starken Führungsfiguren sehnen. Wut werde auf Minderheiten projiziert, Eliten pauschal abgelehnt. Das erinnere ihn an Muster aus der Endphase der Weimarer Republik.

Hat politische Bildung versagt?

Er sieht sie als strukturell zu schwach. Ein bisschen Politikunterricht reiche nicht aus, um jahrelange Prägungen auszugleichen. Demokratie müsse viel früher und intensiver gelernt werden als zentrales Fach, nicht als Randthema.

Wie geht man mit AfD-Wählern um?

Petrik warnt davor zu glauben, man könne sie mit Zugeständnissen zurückholen. Studien zeigten, dass das nicht funktioniert. Sinnvoller sei es, Widersprüche in der AfD-Politik offenzulegen, etwa in der Sozial- oder Wohnungspolitik, von der viele ihrer Wähler selbst profitieren.

Und das AfD-Verbot?

Petrik befürwortet eine Prüfung. Für ihn steht fest: Demokratie ist mehr als Mehrheiten. Menschenwürde und Grundrechte stehen darüber. Ein Verbot würde nicht Einstellungen ändern, aber verhindern, dass der Staat eine Partei finanziert, die die Demokratie abschaffen will. Unterm Strich sagt Petrik: KI, Migration oder Schule sind nicht die eigentlichen Probleme. Entscheidend ist, ob eine Gesellschaft bereit ist, ihre demokratischen Grundlagen aktiv zu verteidigen rechtlich, politisch und im Alltag.

(Quelle: https://www.sueddeutsche.de/politik/sachsen-anhalt-landtagswahl-afd-li.3353532, 29.12.25)