newSroom im Rückblick: Wie wollen wir mit KI leben?

Die künstliche Intelligenz fasziniert, macht neugierig, eröffnet neue Möglichkeiten und gleichzeitig löst sie aber auch Verunsicherung und Kritik aus. Und gerade weil die Entwicklung so rasant voranschreitet, fällt es vielen schwer, die Chancen und Risiken abzuschätzen. Das wurde schnell im Gespräch deutlich.

Wie intelligent ist künstliche Intelligenz wirklich?

Ein erster Schwerpunkt des Gesprächs war die Frage nach der Eigenständigkeit von KI. Kann sie tatsächlich selbstständig Entscheidungen treffen, möglicherweise sogar gegen menschliche Interessen? Abdelilah vom Gymnasium MatNat brachte dazu ein Experiment ins Gespräch, bei dem KI-Systeme in einem simulierten Unternehmensszenario teilweise drastische Strategien verfolgten, um ihre eigene Position zu sichern.

Dieser Einstieg ins Gespräch ließ Sabine Kainth, die Medienpädagogin der Stadtbibliothek Mönchengladbach, neugierig bei den anwesenden Schüler*innen nachfragen, wieviel Kenntnisse sie von den technischen Grundlagen der KI haben. Ihr kurzer Erklärungsversuch war für den weiteren Diskurs wichtig:Sprachmodelle denken nicht wie Menschen. Sie verarbeiten Texte in kleineren Einheiten, sogenannten Token, und berechnen anhand ihrer Trainingsdaten Wahrscheinlichkeiten für passende Wortfolgen. Ihre scheinbare Intelligenz entsteht durch enorme Rechenleistung und das Training mit großen Datenmengen.

Damit rückte eine weitere Frage in den Mittelpunkt: Wer steckt eigentlich hinter der KI? Elif Koca, stellvertretende Chefredakteurin und zugeschaltet per Zoom, verwies auf Recherchen von Amnesty International zu ausgebeuteten Arbeitskräften auf den Philippinen, die Daten für KI-Systeme aufbereiten. Auch der Umgang mit urheberrechtlich geschützten Büchern und anderen Trainingsmaterialien wurde von Dr. Susanne Vollstädt von der Uni Mainz kritisch angesprochen. Die vermeintlich autonome Technologie ist also keineswegs unabhängig vom Menschen und seinen Entscheidungen.

Schule zwischen Verbot, Überforderung und neuen Lernmöglichkeiten

Besonders intensiv wurde über den Einsatz von KI in Schulen diskutiert. Peggy Gennes, Lehrerin und Digitalisierungsbeauftragte an der Gesamtschule Hardt, beschrieb die Situation als eine Art Bermuda-Dreieck: Es gebe Medienkonzepte und Kompetenzraster, aber häufig sei unklar, wer deren Umsetzung tatsächlich vorantreibt. Einige engagierte Lehrer*innen integrierten KI bereits in ihren Unterricht, viele andere hätten das Thema dagegen noch nicht ausreichend aufgegriffen und am Ende steht es nur im Lehrplan. Wie und ob es umgesetzt wird kann man nicht überprüfen. Dies bestätigt auch Christian Wagner, Lehrer und Digialisierungsbeauftragter an der Geschwister-Scholl-Realschule, wo er auch einen Projektkurs zum Thema Künstliche Intelligenz anbietet.

Auch die Schüler*innen bestätigten diesen Eindruck. Während einige bereits mit KI arbeiten und deren Möglichkeiten im Unterricht kennenlernen, werde das Thema in anderen Klassen und Stufen kaum behandelt. Eine Schülerin aus der Oberstufe kritisierte, dass viele Lehrkräfte noch immer nach alten Unterrichtskonzepten arbeiteten, obwohl KI längst zum Alltag ihrer Schüler*innen gehöre.

Gleichzeitig machte Christian Wagner deutlich, dass auch die Schulen selbst vor Herausforderungen stehen: Es fehlen teilweise technische Ausstattung, geeignete Lizenzen, Zeit und Fortbildungsmöglichkeiten. Lehrkräfte sollen Medienkompetenz vermitteln, müssen sich aber häufig selbst erst in die neuen Technologien einarbeiten.

Einigkeit bestand darin, dass ein pauschales Verbot keine Lösung sein kann. Vielmehr müsse gelernt werden, KI sinnvoll einzusetzen und ihre Ergebnisse kritisch zu hinterfragen.

Wie das funktionieren kann, zeigt ein Beispiel aus dem Unterricht von Peggy Gennes: Eine Lehrkraft nutzt KI als persönlichen Feedback-Assistenten, der handschriftliche Texte erkennt und Schüler*innen individuelle Verbesserungsvorschläge macht, ohne ihnen fertige Lösungen vorzugeben. So wird KI nicht zum Ersatz des eigenen Denkens, sondern zum Werkzeug, um besser zu lernen.

Andere anwesende Schüler*innen berichten dagegen von Erfahrungen, bei denen KI-generierte Hausaufgaben zu falschen Ergebnissen führten. Gerade in Mathematik konnte es passieren, dass die KI andere Lösungswege verwendet als die im Unterricht erlernten. Wer die Antworten ungeprüft übernimmt, lernt unter Umständen weniger, statt mehr zu verstehen.

Nicht die Nutzung ist entscheidend, sondern wie wir KI nutzen

Ein weiterer Diskussionspunkt waren KI-Scanner, mit denen Lehrkräfte vermeintlich KI-generierte Texte erkennen wollen. Elif machte darauf aufmerksam, dass selbst vollständig selbst geschriebene Texte von solchen Programmen teilweise als KI-generiert eingestuft würden. Das werfe die Frage auf, wie zuverlässig diese Kontrollinstrumente tatsächlich sind und wie Lehrende an Schulen und Hochschulen sie nutzen.

Statt Schüler*innen und Studierende unter Generalverdacht zu stellen, plädierte mehrere Teilnehmende für mehr Transparenz. Ein Beispiel dafür sind Facharbeiten, bei denen dokumentiert wird, wann und wofür KI eingesetzt wurde: etwa zur Recherche, zum Strukturieren, zur sprachlichen Überarbeitung oder zur Auswertung von Informationen.

Auch an Hochschulen gewinnt dieser Ansatz an Bedeutung. Dr. Susanne Vollstädt erklärte aus ihren universitären Erfahrungen , dass der Einsatz von KI zu gewissen Zwecken, wie etwa zur Literaturrecherche, durchaus erlaubt sein könne, solange nachvollziehbar bleibe, wozu KI genutzt wurde.Entscheidend seien daher insbesondere die Transparenz bei der Nutzung von KI und die Wahrung der Eigenständigkeit der Leistungen.

Andere Schulen setzen auf verpflichtende Gespräche während der Entstehung einer Facharbeit und anschließende Präsentationen, ergänzt ein Schüler. Dadurch wird sichtbar, ob Schüler*innen ihre Ergebnisse tatsächlich verstanden haben.

KI und die Zukunft der Arbeitswelt: Bedrohung oder Chance?

Wie verändert künstliche Intelligenz unsere berufliche Zukunft? Auch diese Frage beschäftigte die Runde. Eine Schülerin äußerte die Sorge, dass insbesondere Berufe wie Übersetzer oder Tätigkeiten in der Automobilindustrie zunehmend von KI übernommen werden könnten.

Sam Kobs aus aus dem Redaktionsteam konnte mit ihren beruflichen Erfahrungen entgegengehalten, dass ganze Berufe nicht zwangsläufig verschwinden, sondern sich verändern. Gerade bei Tätigkeiten, die menschliches Vertrauen, Verantwortung und soziale Kompetenz erfordern, sei eine vollständige Ersetzung schwierig. Als Beispiel wurde die Arbeit von Dolmetschern bei notariellen Beurkundungen genannt, bei denen eine verbindliche und verantwortungsvolle Übersetzung erforderlich ist.

Gleichzeitig wurde eingeräumt, dass monotone und wiederkehrende Arbeitsschritte künftig zunehmend automatisiert werden könnten.

Eine wichtige Botschaft von Dorothée Vollmer, der Projektkoordinatorin der Standpunktredaktion, an die jungen Menschen lautete deshalb: Nicht die Suche nach einem vermeintlich KI-sicheren Beruf sollte im Vordergrund stehen, sondern die Fähigkeit, neugierig und flexibel zu bleiben. Lebenslanges Lernen, Kreativität, Eigeninitiative und die Bereitschaft, sich auf Veränderungen einzulassen, werden immer wichtiger.

Macht uns KI bequemer und verlieren wir dabei etwas?

Im Laufe des Gesprächs verlagerte sich der Blick zunehmend auf die gesellschaftlichen Auswirkungen digitaler Technologien. Sina Ricker, Berufsschülerin im mediengestaltererischen Bereich und das erste Mal bei Standpunkt dabei, schilderte ihre kritische Haltung gegenüber KI und sozialen Medien. Sie beobachte, dass manche Menschen KI vor allem dazu nutzten, sich Arbeit abzunehmen, statt sich selbst mit Themen auseinanderzusetzen. Dabei gingen wichtige Fähigkeiten wie kritisches Denken, Hinterfragen und der Austausch mit anderen verloren.

Auch die Kommunikation unter Jugendlichen wurde kritisch betrachtet. Sowohl Sina als auch Peggy Gennes berichteten von zunehmender Ich-Bezogenheit, weniger persönlichen Gesprächen und einem Rückgang von Engagement und eigenen Interessen.

Besonders intensiv wurde über die Wirkung von Plattformen wie TikTok und Instagram diskutiert. Die Algorithmen seien darauf ausgelegt, Nutzer möglichst lange auf den Plattformen zu halten. Das ständige Scrollen könne Aufmerksamkeit und Konzentration beeinträchtigen und dazu führen, dass viel Zeit verloren gehe.

Sina berichtete von ihren persönlichen Erfahrungen, nachdem sie Instagram und TikTok aus ihrem Alltag entfernt hatte. Anfangs habe ihr die Inspiration aus den sozialen Netzwerken gefehlt. Mit der Zeit habe sie jedoch festgestellt, dass gerade ohne den ständigen digitalen Input neue eigene Ideen entstehen können.

Daraus entwickelte sich eine interessante Diskussion über Langeweile und Kreativität. Langeweile wurde nicht als etwas Negatives, sondern als wichtiger Freiraum für eigene Gedanken und Ideen beschrieben. Die Runde unterschied dabei zwischen passivem Konsum und gezielter digitaler Nutzung: Wer zunächst selbst eine Idee entwickelt und anschließend KI als Werkzeug einsetzt, arbeitet anders, als jemand, der sich stundenlang von Algorithmen durch Inhalte treiben lässt.

Medienkompetenz ist eine gemeinsame Aufgabe

Die Verantwortung für einen bewussten Umgang mit digitalen Medien wurde nicht allein den Jugendlichen zugeschrieben. Vielmehr müsse Medienkompetenz als gemeinsame Aufgabe verstanden werden getragen von Eltern, Schulen, Politik und den Plattformbetreibern selbst.

Dr. Susanne Vollstädt verglich den Umgang mit digitalen Medien mit dem Vorlesen eines Buches: Einem kleinen Kind gebe man schließlich auch nicht einfach ein Buch in die Hand und überlasse es sich selbst. Man begleite es beim Lesen. Beim Smartphone geschehe häufig genau das Gegenteil: Kinder bekämen ein Gerät, ohne ausreichend Unterstützung dabei zu erhalten, wie sie damit umgehen sollten.

Auch die Politik müsse Rahmenbedingungen schaffen und Plattformen stärker in die Verantwortung nehmen. Ein pauschales Verbot von Smartphones oder sozialen Medien greife zu kurz, wenn gleichzeitig die notwendige Medienbildung fehle.

Ein praktisches Beispiel für einen bewussteren Umgang waren schulische Handy-Challenges, bei denen Schüler*innen zeitweise auf ihre Smartphones verzichten. Einige berichteten, dass sie die Erfahrung zunächst als schwierig, später aber als befreiend empfunden hätten. Gleichzeitig wurde deutlich, wie groß der soziale Druck sein kann, ständig erreichbar zu sein.

Ein Gespräch ohne einfache Antworten

Am Ende des newSroom-Gesprächs stand keine einheitliche Haltung zur künstlichen Intelligenz. Dafür waren die Perspektiven zu unterschiedlich. Während im Gespräch die Möglichkeiten betont wurden, wurde auch kritisch auf die gesellschaftlichen Folgen und die Gefahr, eigene Fähigkeiten und Entscheidungen an technische Systeme abzugeben, geschaut.

Die Diskussion zeigte aber auch, dass sich die unterschiedlichen Positionen keineswegs ausschließen müssen. KI kann ein hilfreiches Werkzeug sein, wenn Menschen verstehen, wie sie funktioniert, ihre Ergebnisse überprüfen und selbst die Kontrolle behalten. Sie kann aber auch dazu führen, dass Menschen bequemer werden, weniger hinterfragen und zunehmend eigene Denkprozesse auslagern.

Eine zentrale Erkenntnis zog sich deshalb durch den gesamten Abend: Nicht die Frage, ob wir KI nutzen, sollte im Mittelpunkt stehen, sondern wie wir sie nutzen wollen.

Und vielleicht ist gerade die Fähigkeit, neugierig zu bleiben, Fragen zu stellen, unterschiedliche Perspektiven auszuhalten und sich eine eigene Meinung zu bilden, die wichtigste Kompetenz für die Zukunft.

Aus dem Gespräch sind zugleich neue Ideen für die journalistische Arbeit entstanden: ein Podcast, in dem junge und ältere Generationen ihre unterschiedlichen Sichtweisen auf KI diskutieren, ein Selbsttest zum eigenen Social-Media-Verhalten. Aber auch Themen, die sich mit der Frage, ob das Medienverhalten oder das Gefühl der Überlastung mit dem zurückgehenden Engagement junger Menschen in Vereinen und Ehrenämtern zusammenhängt.

Wir haben beim newSroom nicht nur über KI gesprochen, somdern Menschen mit unterschiedlichen Erfahrungen zusammengebracht , vermeintliche Gewissheiten hinterfragt und Raum für neue Themen und Perspektiven geschaffen. Vielleicht haben diese mehr Wirkung und Aufmerksamkeit außerhalb von Schule und Hochschulen.