Im Gespräch über Musik

Interview mit dem Duo Duo Kravets-Kassung

Tobias Kassung und Lena Kravets (Foto: Anna Tena)

Wann haben Sie selbst gemerkt, dass Musik mehr für Sie ist als nur ein Hobby?

Das war bei uns beiden schon sehr früh als Kinder klar.

Lena: ich kam schon mit sechs Jahren auf eine spezielle Schule mit Musikschwerpunkt in meiner Geburtsstadt Taschkent. Taschkent ist die Hauptstadt von Usbekistan, das damals noch Teil der Sowjetunion war. Die Musikausbildung war dort überall sehr streng und umfassend.

Da ich in einer Musikerfamilie aufgewachsen bin, war das Cello schon immer der Mittelpunkt meines Lebens und ich habe mich schon als Kind dem Instrument mit viel Hingabe gewidmet. Ich hatte meinen Unterricht in einem speziellen Musik-Gymnasium, in dem man junge MusikerInnen für ihren beruflichen Weg, als professionelle InstrumentalistInnen vorbereitet hat. Die Musikausbildung war dort sehr streng und umfassend. Neben dem Hauptfach (in meinem Fall Violoncello) hatten wir noch Nebenfächer in Klavier, Orchester, Harmonielehre, Musikanalyse und Musikliteratur. Das Musikgymnasium war mein zweites Zuhause 😉

Tobias: mit sieben Jahren habe ich an der städtische Musikschule in Koblenz mit dem Gitarrenunterricht begonnen. Mit zehn Jahren hatte ich dann schon einen ersten Preis beim Wettbewerb „Jugend musiziert“ gewonnen und immer wieder mal kleine Auftritte bei kulturellen Veranstaltungen in Koblenz gespielt. Da war eigentlich auch schon klar, dass es in eine professionelle Richtung geht. Ich wollte auf jeden Fall schon als kleines Kind immer Gitarrist und Komponist werden.

Was hat Sie jeweils zu Ihrem Instrument (Cello bzw. Gitarre) geführt?

Lena: Ich habe tatsächlich zuerst mit Klavier als Hauptfach angefangen. Nach den drei unerfreulichen Jahren habe ich verstanden, dass mein Instrument Cello ist, und nichts anderes! Ich konnte es schon damals buchstäblich spüren, wie meine Seele und mein Körper mit dem Klang des Cellos resoniert, wie ich mich andocken und durch das Instrument „singen“ kann. Es kling zwar ein wenig kompliziert, ist aber sehr faszinierend, wenn man es plötzlich empfinden kann!

Tobias: mein ältester Bruder hat so ein bisschen auf einer Gitarre gespielt. Das hat mich wohl angezogen und ich muss meiner Mutter gesagt haben, dass ich gern Gitarre spielen würde. Zu meinem siebten Geburtstag hat mir dann meine Patentante eine kleine Kindergitarre geschenkt. Ich habe mich direkt in das Instrument verliebt und jeden Tag darauf gespielt. Ich denke, Kinder wissen instinktiv was ihnen gefällt und was nicht. Wenn es passt., dann ist das wie ein Magnet der einen anzieht.

Was macht für Sie den besonderen Reiz aus, als Duo gemeinsam zu musizieren?

Ganz ganz viel!

Lena: Als ich das erste mal mit Tobias gespielt habe, war es für mich ein ganz besonderer Moment: durch den zarten und weichen Klang der Gitarre, war es für mich plötzlich möglich noch viel raffinierter den Klang zu gestalten, die Melodie singen zu lassen und ganz leise sowie virtuose und laute Passagen auszuspielen. Ich habe gemerkt, dass die Tonhöhen des beiden Instrumenten wunderbar verschmelzen und Musik harmonisch wirken lassen. Nun spielen wir schon seit 15 Jahren zusammen, und ich genieße es Jahr für Jahr mit Tobias neue Programme für unser Publikum zu erarbeiten und gemeinsam zu musizieren.

Tobias: mit Cello zu spielen ist schon sowieso wunderschön! Aber das dann noch mit Lena gemeinsam ist natürlich das beste! Die Klänge der beiden Intsrumente passen einfach super zusammen und ergänzen sich auch perfekt. Das Cello singt und die Gitarre begleitet. Aber die Gitarre kann auch schöne, sanfte Melodien spielen und wild in die Akkorde und Rhythmen gehen.

Gibt es etwas, das Sie sich wünschen, dass das Publikum an diesem Abend neu entdeckt oder anders erlebt?

Ja natürlich! Wir wünschen uns, dass das Publikum Musik entdeckt, die sie davor noch nie gehört haben. Aber die ihnen trotzdem auf Anhieb gefällt, die Herzen berühren lässt und in die Fantasie-Welten entführt!

Wir haben ja ein ganz neues Stück im Programm: die Sonate für Cello und Gitarre mit dem Titel „Ein Traum vom Frieden in drei Szenen”. Das ist unser gemeinsames, eigenes Stück. Tobias hat es komponiert, danach haben wir gemeinsam weiter daran verbessert und gearbeitet. Lena spielt eine große eigene Kadenz im ersten Satz, die das Publikum in die arabische Welt verführt. Eine friedliche Welt, die Heimat. Dann aber im zweiten Satz wird es sehr wild, das ist die Vertreibung, die Flucht. Und im letzten Satz kommt dann eine wunderschöne, ergreifende Melodie. Das ist die Hoffnung. Hoffnung auf ein friedvolles, gutes Leben. Eine Hoffnung und ein Wunsch der uns alle auf dieser Welt vereint.

Was würden Sie jungen Menschen sagen, die bisher noch keinen Zugang zur klassischen Musik gefunden haben?

Habt gar keine Berührungsängste! Geht einfach mal in das nächste Konzert oder in die Oper. Egal was gespielt wird. Es gibt soviel tolle Musik hier zu entdecken. Mönchengladbach hat z.B. ein super Orchester. Da lohnt sich jedes Konzert und die Eintrittspreise sind eigentlich nie teuer. Es gibt immer große Ermäßigungen für Jugendliche. Einfach neugierig sein und hingehen!

Interview mit Moderator Javier Álvarez Fuentes

Jaget Álvarez Fuentes

Was reizt Sie persönlich an diesem offenen Konzertformat, das stärker auf Dialog als auf klassische Werkeinführung setzt?

Was mich an diesem Format besonders reizt, hat viel mit meiner eigenen Erfahrung als Zuhörer zu tun. Ich habe relativ spät mit Musik angefangen und bin davor mit meiner Familie ab und zu in Konzerte gegangen. Wenn ich ehrlich bin… habe ich mich gelangweilt. Ich hatte keinerlei Beziehung zu dieser Musik – aber auch nicht zu den Menschen, die sie gespielt haben. Für mich waren sie völlig fremd. Es gab keinen Anknüpfungspunkt: weder zur Musik noch zu den Personen.

Was mich an diesem Format begeistert – und das haben wir auch intensiv mit den beteiligten Musiker:innen besprochen – ist die Idee, über Musik zu sprechen, ohne direkt über Musik zu sprechen. Wenn es einmal technisch oder spezifisch wird, ist das völlig in Ordnung. Aber im Kern geht es darum, die Menschen hinter den Instrumenten sichtbar zu machen: diejenigen, die mit einer Partitur arbeiten, daraus eine musikalische Idee entwickeln und diese dann mit dem Publikum teilen. Sie kennenzulernen ist, glaube ich, ein sehr direkter und menschlicher Zugang zur Musik.

Wie bereiten Sie sich auf einen Abend vor, bei dem das Gespräch eine so zentrale Rolle spielt?

Ich denke, das Wichtigste ist, sich intensiv mit den eingeladenen Künstler:innen und ihrem Repertoire auseinanderzusetzen. Das Format soll sich wie ein Treffen unter Freund:innen anfühlen – Menschen, die sich schon lange kennen und nebenbei auch Musik miteinander teilen.

Natürlich gibt es eine gewisse Struktur, aber entscheidend ist, so gut vorbereitet zu sein, dass man diese Struktur im richtigen Moment auch loslassen kann. So viel zu wissen, dass Raum für Spontaneität entsteht.

Was ist Ihnen wichtig, damit sich auch Menschen ohne Vorkenntnisse angesprochen fühlen?

Wie schon gesagt: Ich glaube, wir müssen vergessen, dass das hier ein Konzert ist, oder ein Vortrag – oder sogar, dass wir uns in einer Bibliothek befinden. Genau deshalb arbeiten wir auch mit einer kleinen szenografischen Gestaltung, um den Raum zu verändern.

Das Ganze ist eher wie ein Treffen in einem Wohnzimmer. Es gibt kein Publikum im klassischen Sinne – wir sind alle Teil dessen, was passiert. Wir befinden uns mitten im Gespräch und schauen gemeinsam, wohin es sich entwickelt.

Wenn jemand bereit ist, auf einen Geburtstag zu gehen, wo er nicht alle kennt, sollte es kein Problem sein, zu unserem Konzert zu kommen und neue Menschen kennenzulernen, die etwas anderes machen.

Welche Rolle spielen spontane Momente in Ihrer Moderation?

Für mich ist das Spontane zentral. Aber das bedeutet nicht, dass es unstrukturiert oder unorganisiert ist.

Wenn man sich mit Freund:innen trifft, gibt es bereits eine gemeinsame Geschichte: Man weiß, wer der andere ist, was er gemacht hat, was ihn interessiert. Es gibt bestimmte Themen, die das Gespräch tragen, aber es ist ganz natürlich, dass auch andere Erinnerungen oder Anekdoten auftauchen.

Deshalb ist die Vorbereitung so wichtig. Je mehr wir über die Musiker:innen wissen, desto freier kann sich das Gespräch entwickeln.

Was macht für Sie einen gelungenen Konzertabend aus – gerade in einem so besonderen Rahmen wie einer Bibliothek?

In meiner persönlichen Erfahrung ist ein Konzert dann gelungen, wenn man vergisst, was man gerade tut.

Wenn ich dirigiere, bin ich ganz in der Musik – es existiert nur dieser Moment mit dem Orchester. Wir versuchen nicht, Musik zu machen – sie passiert einfach. Alles andere tritt in den Hintergrund: der Rahmen, die Zeit, das Publikum, das Licht.

Das ist auch mein Ziel für dieses Format: dass das Publikum vergisst, wo es ist. Dass sich der Raum in ein eigenes Wohnzimmer verwandelt. Und dass am Ende das Gefühl bleibt, wirklich etwas mit den Musiker:innen geteilt zu haben – vielleicht sogar, ihnen als Menschen näher gekommen zu sein.

Interview mit dem Veranstalter (Verein der Musikfreunde)

Der Vorstand+Beirat des Vereins der Musikfreunde zusammen mit Teilnehmenden während des Konzertes des Sinfonieorchesters Opus125, das der Verein 2025 unterstützt hat.

Wie ist die Idee zur Reihe musik+ entstanden?

Die Reihe musik+ ist aus unserer Erfahrung entstanden, dass klassische Konzerte besonders dann berühren, wenn sie in einen größeren Zusammenhang eingebettet sind. In früheren Projekten haben wir Musik bereits mit besonderen Orten, neuen Programmen und gesellschaftlichen Themen verbunden. Diesen Ansatz haben wir weiterentwickelt.

Ein wichtiger Ausgangspunkt war auch unsere Reihe „Musik im Haus“. Dort haben wir klassische Musik bewusst aus dem traditionellen Konzertsaal herausgeholt und in persönlichere Räume gebracht. Mit musik+ gehen wir diesen Weg weiter: Musik steht nicht für sich allein, sondern wird Teil eines gemeinsamen Erlebnisses, bei dem Austausch und neue Zugänge im Mittelpunkt stehen.

Was unterscheidet dieses Format von klassischen Konzertformaten?

musik+ ist mehr als ein klassisches Konzert. Neben der Musik spielen auch Gespräche, Inhalte und Begegnungen eine wichtige Rolle. Das Publikum hört nicht nur zu, sondern wird aktiv mit einbezogen.

Ein besonderes Merkmal ist die Gestaltung des Raumes: Der Wandelsaal wird zum Wohnzimmer, die klassische Bühne wird aufgelöst und zu einer offenen Konzertlandschaft. Dadurch entsteht eine entspannte Atmosphäre, in der sich Publikum und Künstler auf Augenhöhe begegnen. Musik wird gemeinsam erlebt, persönlicher und unmittelbarer als in einer traditionellen Bühnensituation.

Welche Rolle spielt die Zusammenarbeit mit der Stadtbibliothek?

Die Stadtbibliothek ist für uns ein idealer Partner. Sie ist ein Ort der Offenheit, der Bildung und des Austauschs, genau das passt zu unserem Konzept.

Hier treffen Musik, Literatur und gesellschaftliche Themen ganz selbstverständlich aufeinander. Gleichzeitig bietet die Bibliothek einen Raum, in dem sich das Publikum frei bewegen, verweilen und das Konzert auf eigene Weise erleben kann.

Warum war es Ihnen wichtig, Jugendliche einzubinden?

Wir möchten junge Menschen nicht nur als Publikum gewinnen, sondern sie aktiv beteiligen. Ihre Ideen und Sichtweisen bringen neue Impulse – auch für uns als Veranstalter.

Für musik+ haben Jugendliche gemeinsam mit einer Szenografin den Raum gestaltet. Sie haben eine Umgebung geschaffen, die bewusst locker und einladend ist. So entsteht ein Rahmen, in dem man sich wohlfühlt, Musik anders erleben kann und leichter ins Gespräch kommt. Uns war wichtig, dass junge Menschen das Format wirklich mitprägen.

Welche Perspektiven sehen Sie für die Zukunft solcher Formate?

Wir sind überzeugt, dass Formate wie musik+ wichtig für die Zukunft der klassischen Musik sind. Sie schaffen neue Zugänge, sprechen unterschiedliche Generationen an und verbinden Musik mit aktuellen Themen.

Foto: Anna Tena