Drei Praktikantinnen der MedienWerkstatt in der Stadtbibliothek sprechen über ihre ganz persönlichen Leseerfahrungen und darüber, warum Geschichten im Kopf oft stärker wirken als jeder Bildschirm. Farida, Caroline und Janina haben sich mit dem Thema Lesen beschäftigt, weil sie als Praktikantinnen der MedienWerkstatt in der Stadtbibliothek aktuell mehrere Veranstaltungen rund um das Thema Lesen redaktionell begleiten. Dazu gehören unter anderem die Aktion „Lesezeichen“ sowie der Workshop „iPad-Rallye“ mit einer Grundschulklasse unter der Leitung der Medienpädagogin Sabine Kainth. Im Gespräch tauschen sie sich über ihre eigenen Leseerfahrungen aus und darüber, welche Bedeutung Lesen für sie früher und heute hat.

Aktion „Lesezeichen“
In den KinderWelten der Zentralbibliothek Carl Brandts Haus wurde es kürzlich mucksmäuschenstill: Die zweite Klasse der KGS Uedding war zu Besuch, und vorgelesen haben keine Geringeren als Oberbürgermeister Felix Heinrichs, Dirk Kniebaum von der Elfriede-Kürble-Stiftung und Bibliotheksleiter Yilmaz Holtz-Ersahin.
Mit dem Buch „Zwei Freunde und der Hüter des Waldes“ zogen sie die Kinder direkt ins Abenteuer. Jedes Kind bekam sogar ein eigenes Exemplar geschenkt. Genau darum geht es bei der Aktion „Lesezeichen“: Kindern zeigen, dass Lesen kein Schulfach ist, sondern ein Schlüssel. Für Fantasie. Für Wissen. Für Selbstvertrauen.
Drei Perspektiven aufs Lesen
Passend dazu sind Farida, Caroline und Janina in ihre persönlichen Leseerfahrungen eingetaucht. Die drei haben Veranstaltungen rund ums Lesen redaktionell begleitet und selber ganz unterschiedliche Geschichten mit Büchern.
Farida kam nach Deutschland, ohne Deutsch zu sprechen. Ihr Weg? Ein Buch. Dann noch eins. Und nochmal von vorne. Wörter nachschlagen, Sätze verstehen, nicht aufgeben. Lesen war für sie kein Hobby, sondern Rettungsanker. Heute sagt sie: „Lesen hat mein Deutsch verändert und damit mein ganzes Leben hier.“
Caroline wuchs quasi zwischen Bücherregalen auf. Oma mit riesiger Sammlung, eigener Büchereiausweis, halbe Bibliothek durchgelesen. Fantasy wurde später ihr Ding, besonders in der Corona-Zeit. Für sie ist Lesen vor allem eins: Abschalten. Abtauchen. Kopfkino.
Janina war eher Team „Draußen unterwegs“. Lesen kam bei ihr erst mit 14. Heute greift sie vor allem im Urlaub zum Buch als bewusste Pause vom Handy. „Einfach anfangen“, sagt sie. „Handy weglegen und machen.“
Ist Lesen noch cool?
Kommt drauf an, wen man fragt. Klar, TikTok, Streaming und Dauer-Scrollen sind schneller. Aber gleichzeitig wächst eine neue Buch-Community heran. Stichwort: BookTok. Special Editions. Buchmessen. Lesenächte. Lesen ist vielleicht leiser geworden aber nicht verschwunden. Es braucht vielleicht manchmal jemanden, der den Anfang macht. So wie bei der Vorleseaktion zur Eröffnung der Aktion Lesezeichen mit der KGS Uedding.
Bestseller und Buchbesprechungen auf Standpunkt
Beim Standpunkt werden zukünftig Helene und Malina für euch das Bestseller-Regal der Stadtbibliothek im Auge behalten und auch im Internet nach interessanten Büchern für verschiedene Altersgruppen Ausschau halten und regelmäßig eine Buch-Empfehlung in unserer Rubrik ZEIT+SINN besprechen.

Welchen Stellenwert hatte Lesen früher für euch, zum Beispiel in der Grundschule?
Farida: Also als wir ganz neu hier angekommen sind, konnte ich Deutsch noch gar nicht. Ich konnte mich eigentlich nur vorstellen und sagen, wie ich heiße. Ich fand Deutsch aber direkt eine schöne Sprache und dachte mir, es ist schade, wenn man sie nicht kann. Und weil ich hier lebe, musste ich sie ja lernen. Für mich gab es da keinen anderen Weg, als einfach ein Buch zu nehmen und anzufangen zu lesen.
Am Anfang konnte ich viele Wörter nicht aussprechen und wusste oft nicht, was sie bedeuten. Aber ich habe nicht aufgegeben. Ich habe das Buch komplett zu Ende gelesen und mich danach gefragt, ob ich überhaupt verstanden habe, worum es geht. Vieles war noch unklar, also habe ich nochmal von vorne angefangen. Irgendwann habe ich gemerkt: Jetzt verstehe ich es. Da habe ich gemerkt, Lesen ist für mich nicht nur ein Hobby, sondern viel mehr. So habe ich mein Deutsch richtig verbessert.
Wurde dir denn zu Hause in deiner Muttersprache vorgelesen?

Farida: Ja, früher hat mein Vater uns oft Kindergeschichten in unserer Muttersprache vorgelesen. Hier in Deutschland war das dann schwierig, weil wir keine deutschen Bücher hatten. Aber wir haben uns gedacht, das, was unser Vater früher für uns gemacht hat, können wir auch selbst weitermachen. Also habe ich angefangen, mir selbst vorzulesen, und meine Geschwister auch. Das war so der Anfang, wo wir gemerkt haben: Wenn wir nicht aufgeben, können wir Deutsch lernen.
Und wie war das bei dir, Caroline?

Caroline: Lesen war bei mir schon als Kind ein sehr großer Teil. Vor allem meine Oma hat mich da total geprägt. Sie hatte zu Hause einen riesigen Bücherschrank, fast wie eine kleine Bibliothek. Ich hatte auch einen Büchereiausweis und habe gefühlt die halbe Bücherei gelesen.
Ich habe sogar heute noch dasselbe Bücherregal wie früher, nur mit anderen Büchern drin. Ich war zwar auch draußen, aber oft war ich lieber drinnen und habe gelesen. So mit 13 oder 14 ist das ein bisschen weniger geworden, aber während Corona, als man mehr Zeit hatte, bin ich wieder richtig ins Lesen reingekommen, vor allem Fantasy. Heute lese ich meistens im Urlaub, weil Schule und Schulstress einfach viel Zeit kosten.
Und wie war es bei dir, Janina?

Janina: Bei mir war Lesen in der Kindheit nicht so ein großes Thema. Ich war eigentlich immer draußen mit Freunden unterwegs. Abends wurde mir zwar vorgelesen oder ich habe mir Bilder angeschaut, aber selbst lesen wollte ich eher nicht. Das kam erst später, so mit 14. Heute lese ich auch eher im Urlaub, zum Beispiel am Strand, wenn ich nicht die ganze Zeit am Handy sein will.
Was fasziniert euch heute am Lesen?
Caroline: Vor allem die Geschichten. Man kann dem Alltag ein bisschen entfliehen und in eine andere Welt eintauchen. Man lernt neue Figuren kennen und erlebt ihre Geschichten mit.
Findet ihr, dass es für die heutige Generation schwerer ist, sich auf Geschichten einzulassen?
Farida: Ich glaube schon. Viele Kinder wachsen heute mit Tablets und Handys auf. Das hängt aber auch stark von den Eltern ab. Wenn Kinder die ganze Zeit am iPad sind, haben sie natürlich weniger Lust zu lesen. Sie sind von sehr vielen schnellen Medien umgeben, und da ist es schwieriger, sich auf ein Buch zu konzentrieren.
Welchen Stellenwert hat Lesen heute, wenn man so über Coolness nachdenkt?
Caroline: Das kommt total darauf an, mit wem man darüber redet. Manche sagen direkt: „Lesen? Nee, gar kein Bock.“ Aber es gibt auch viele, die Bücher richtig feiern, Special Editions sammeln oder auf Buchmessen gehen. BookTok ist zum Beispiel in den letzten Jahren richtig groß geworden, und da sind vor allem junge Leute dabei. Es kommt also echt auf die Person an.
Was würdet ihr Jugendlichen in eurem Alter raten, die sagen, Lesen ist nichts für sie?
Janina: Einfach anfangen. Handy weglegen und lesen. Das Handy lenkt uns alle extrem ab.
Caroline: Ja, und sich Zeit nehmen. Man muss das ein bisschen üben, sich auf eine Geschichte einzulassen. Im Urlaub klappt das oft besser, zum Beispiel am Strand. Im Alltag ist das schwieriger, wenn man abends im Bett liegt und doch wieder zum Handy greift.
Also braucht man auch die richtige Umgebung?
Alle: Ja, auf jeden Fall. Man muss sich entspannen können und wenig Ablenkung haben. Das kann man hier in der Zentralbibliothek oder aber im Urlaub.
Vielen Dank für das Gespräch.



Hier ein paar Impressionen aus den Veranstaltungen in der Zentralbibliothek, die das Team der MedienWerkstatt redaktionell begleitet hat. Impressionen aus dem medienpädagogischen Workshop „IPad-Ralley“ (Fotos: Farida Safari)
Impressionen von der Eröffnungsveranstaltung „Aktion Lesezeichen“ mit dem Oberbürgermeister Felix Heinrichs, dem Bibliotheksleiter Yilmaz Holtz-Erhain und dem Stiftungsvorstand Dirk Kniebaum (Fotos: MedienWerkstatt)



















