Von Englisch zum Weltgeschehen: Geht das auch an anderen Schulformen?

Die drei Redakteurinnen Sofija, Annika und Ida von einer Gesamtschule haben sich das MUN-Projekt am Nelly-Sachs-Gymnasium in Neuss genau angeschaut. Sie finden die Idee spannend und können sich vorstellen, ein ähnliches Projekt auch an ihrer Schule anzubieten. Gleichzeitig haben sie aber Zweifel, ob die Mitschüler:innen es genauso ernsthaft und diszipliniert annehmen würden wie die Teilnehmer:innen der etablierten MUN-AG am Nelly-Sachs-Gymnasium. Gemeinsam mit der Standpunkt-Redakteurin und MUN-Teilnehmerin Elif diskutieren sie in einem Gespräch über die Möglichkeiten, die ein solches Projekt bietet, aber auch über die Herausforderungen, die bei der Umsetzung an ihrer eigenen Schule auftreten könnten.

Kann dieses Projekt auch in anderen Schulformen umgesetzt werden?

Ida: „Ja, also ich meine auf jeden Fall, man braucht definitiv die richtigen Menschen, die das nicht nur als Pflicht sehen, sondern auch als etwas Freiwilliges, wo sie ihre Meinung vertreten möchten und vielleicht etwas für die Gesellschaft machen. Meint ihr, bei euch an der Schule gab es Menschen, die sich nur angemeldet haben, damit sie nicht in den Unterricht müssen, oder war das wirklich bei allen so, dass sie einfach Lust hatten zu diskutieren und zu kommunizieren?“

Elif: „Also ich glaube wirklich, dass die Teilnehmer*innen aus Interesse dabei sind, einfach aus dem Grund, weil die Konferenzen ein wenig anspruchsvoll sind. Man kann nicht einfach im Council sitzen und nichts machen, weil meistens kriegt man auch Punishments dazu – also man bekommt sozusagen eine Strafe, wenn man zu wenig redet, gar nichts macht oder zum Beispiel stört. Während den Konferenzen ist schon ein bisschen Disziplin angesagt, aber manche Schüler:innen überlegen sich vielleicht auch, ob sie damit einfach die Schule schwänzen können, wenn sie sich anmelden.“

Ida: Ja, also ich kann mir auf jeden Fall vorstellen, dass es bei uns an der Schule so wäre, dass viele sich nur deswegen anmelden wollen. Und deswegen würde ich Sophia vielleicht auch mitgeben, dass es wichtig ist, dass Leute hingehen, die das wirklich freiwillig machen wollen, die Lust darauf haben und sich engagieren.“

Annika: Aber um das zu erreichen, müssen wir die MUN AG auf jeden Fall noch gut darstellen und die Anreize klar machen.“

Sofija: „Ja, wir müssen dann gucken, dass wir, wenn wir das an unserer Schule umsetzen, auf jeden Fall die möglichen negativen Seiten beachten, also was passiert, wenn jemand nichts macht, und inwiefern die Disziplin gewährleistet wird.“

Elif: „Ja, ich glaube auch, dass man, wenn man so ein Projekt beschließt, eigentlich sehr schnell eine Community aufbaut, weil MUN ein großes internationales Netzwerk ist. Es gibt hier an unserer Schule zum Beispiel auch Teilnehmer:innen aus den Niederlanden, aber MUN-Konferenzen gibt es wirklich überall auf der Welt.“

„Und ich glaube, wenn es an einer Schule wieder eingeführt wird, findet man schnell andere Schulen, die das auch anbieten, und kann Austausch betreiben, so wie wir es machen. Wir sprechen uns immer ab, wann die Konferenzen stattfinden, arbeiten zusammen, besuchen gegenseitig die Veranstaltungen. Der Einstieg mag zwar schwer sein, aber danach ist man gut in der MUN-Community integriert, weil es einfach viele Teilnehmer:innen gibt, die das machen wollen, auch in Deutschland.“

Welche Themen bieten die Konferenzen?

Elif: „Es kommt auf die Konferenz an. Jede Konferenz steht unter einem Oberthema. Zum Beispiel ist es bei uns dieses Jahr ‚Humanity at the Tipping Point – Survival or selfdestruction‘. Es thematisiert diesen Kipppunkt zwischen einem Weg, der die Menschheit rettet, oder egoistischem Handeln einiger Länder, das die Menschheit ins Verderben führt. Darunter werden dann verschiedene Themen diskutiert, wie wir gerade gesehen haben.“

„Es gibt viele unterschiedliche Councils, zum Beispiel die WHO oder den Human Rights Council, und dort werden unterschiedliche Themen behandelt. Im WHO-Council, wo ich jetzt zum Beispiel bin, geht es zum Beispiel um die Zugänglichkeit von Medizin in Ländern mit niedrigem Bruttoinlandsprodukt – also wie man sicherstellt, dass die Menschen Zugang dazu haben. Es ist wirklich sehr unterschiedlich, und man findet auf jeden Fall ein Thema, das zu den eigenen Interessen passt.“

Wie sieht es mit der Reichweite und dem Nutzen aus?

Ida: „Erreicht ihr am Ende auch etwas, oder läuft das nur unter euch?“

Elif: „Also man hat definitiv eine große Reichweite, weil auch Politiker:innen und öffentliche Persönlichkeiten aufmerksam werden. Zum Beispiel war gestern eine Journalistin eingeladen, die gerade bei RTL arbeitet. Sie hat die Schüler:innen inspiriert und ihren Lebensweg erzählt, wie sie von unserer Schule ihr Abitur gemacht hat und später in den Journalismus kam. Man lernt viele Persönlichkeiten kennen, das ist auf jeden Fall ein Gewinn.“

„Und am Ende bekommt man immer ein Zertifikat für die Teilnahme, das man in den Lebenslauf einfügen kann. Es kommt gut rüber, weil man hier viele Fähigkeiten erlernt, die normale Abiturient:innen oft nicht haben: Diskussionsführung, Zusammenarbeit und Englisch zum Beispiel. Ich würde schon sagen, dass man dadurch mehr Gewinn hat, als nur teilzunehmen.“

„Ja, ich kann mir auch vorstellen, dass viele Schüler:innen durch dieses Projekt generell für Politik begeistert werden und sich dafür interessieren, ihre Zukunft zu gestalten, vielleicht sogar einen entsprechenden Berufsweg zu wählen.“