Eigentlich denkt man, dass Kolonien Geschichte sind. Doch genau das stellte Prof. Dr. Marianne Bechhaus-Gerst bei ihrem Vortrag zur Eröffnung der Ausstellung „Kolonialrevisionismus im Rheinland 1919-1943“ am 21. Januar in der Zentralbibliothek Mönchengladbach infrage. Gemeinsam mit Bibliotheksleiter Yilmaz Holtz-Ershain wurde deutlich: Kolonialismus wirkt politisch und gesellschaftlich bis heute nach.
Ein Beitrag von Nikos Kosmeridis

Nach dem Ersten Weltkrieg verlor Deutschland alle Kolonien. Trotzdem hörte das koloniale Denken nicht auf. Im Gegenteil: Viele Menschen glaubten weiter an ein Comeback des deutschen Kolonialreichs. Dieser sogenannte Kolonialrevisionismus war eine Mischung aus politischer Forderung, Propaganda und Wunschdenken. Mit Plakaten, Schulmaterial, Ausstellungen und sogar Kinderspielen wurde vermittelt: „Unsere Kolonien kommen zurück.“ Besonders im Rheinland war diese Bewegung stark.
Spannend und erschreckend sind die Parallelen zu heute. Schon damals wurde mit Angst gearbeitet: Angst vor wirtschaftlichem Abstieg, vor Bedeutungsverlust, vor „den anderen“. Kolonien galten als Lösung für alles: billige Rohstoffe, Macht, Lebensraum. Afrika wurde als „leer“ dargestellt, obwohl dort Menschen lebten. Diese Denkweise rechtfertigte Gewalt, Unterdrückung und Rassismus und genau solche Bilder und Argumente tauchen auch heute wieder auf, wenn von „Überfremdung“, „Raum“ oder angeblich minderwertigen Menschen die Rede ist.
In der anschließenden Diskussion ging es um den aktuellen Gegenwind gegen die Aufarbeitung von Kolonialgeschichte. Holtz-Ersahin und Bechhaus-Gerst machten klar, dass es heute wieder Versuche gibt, diese Debatten zu stoppen, etwa durch Angriffe auf Umbenennungen von Straßen oder auf Bildungsarbeit. Dabei gehe es nicht darum, Geschichte zu löschen, sondern sie neu zu erzählen: aus Sicht der Opfer und der Menschen, die Widerstand geleistet haben, statt aus Sicht der Täter.

Bechhaus-Gerst zeigte, wie tief koloniales Denken bis heute verankert ist. Auch bekannte Persönlichkeiten wie Konrad Adenauer waren überzeugte Kolonialbefürworter, ein Aspekt, der in vielen Biografien kaum erwähnt wird. Solche blinden Flecken seien kein Zufall, sondern Teil einer Erinnerungskultur, die lange weggeschaut habe.
Gleichzeitig gibt es Hoffnung. Die Ausstellung Kolonialrevisionismus im Rheinland 1919-1943 wandert durch verschiedene Städte und wird insbesondere an öffentlichen Orten und Schulen gezeigt. Gerade Jugendliche interessieren sich stark für diese Themen, stellen kritische Fragen und wollen wissen, was ihre Städte mit Kolonialismus zu tun hatten. Doch genau diese Auseinandersetzung steht unter Druck, nicht nur in Deutschland, sondern weltweit, wenn Bücher verschwinden oder Rassismus verharmlost wird.
Die zentrale Botschaft des Abends: Kolonialismus ist kein abgeschlossenes Kapitel. Viele heutige Formen von Rassismus, Ausgrenzung und rechter Ideologie haben hier ihre Wurzeln. Wer verstehen will, warum bestimmte politische Fantasien wieder salonfähig werden, muss auch zurückschauen. Nicht aus Nostalgie sondern um aus Geschichte zu lernen.













Die Ausstellung „Kolonialrevisionismus im Rheinland 1919-1943“ ist im Rahmen eines von der Landeszentrale für politische Bildung NRW geförderten Projekts entstanden.
Sie kann zu den Öffnungszeiten der Zentralbibliothek Carl Brandts Haus besucht werden:
MO–FR 10 – 22 Uhr, SA 10 – 18 Uhr, SO 12 – 18 Uhr

