Zwischen KI, TikTok und Buchseiten

91 Prozent der Jugendlichen nutzen KI. Fast alle sind regelmäßig online. Das Smartphone ist ihr wichtigstes Medium. Und trotzdem lesen 84 Prozent zumindest gelegentlich gedruckte Bücher oder Comics. Was sagt das darüber aus, welche Geschichten junge Menschen heute noch erreichen und vielleicht sogar berühren?

Die Medienwelt Jugendlicher verändert sich rasant. Künstliche Intelligenz ist innerhalb kürzester Zeit vom Experiment zum Alltagswerkzeug geworden: 91 Prozent der 12- bis 19-Jährigen geben in der JIM-Studie 2025 an, mindestens eine KI-Anwendung zu nutzen. 84 Prozent haben bereits ChatGPT ausprobiert. Besonders häufig kommt KI bei Hausaufgaben und zum Lernen zum Einsatz, aber auch bei der Informationssuche. 70 Prozent nutzen KI inzwischen zu diesem Zweck. 

Gleichzeitig ist das Smartphone für Jugendliche allgegenwärtig. 98 Prozent nutzen es regelmäßig, die durchschnittliche tägliche Bildschirmzeit liegt bei 231 Minuten, also knapp vier Stunden. Im Alltag konkurrieren Bücher damit nicht nur mit TikTok, Instagram oder YouTube, sondern auch mit Musikstreaming, Gaming, Serien und inzwischen eben mit KI. Und trotzdem ist das Buch nicht verschwunden. 84 Prozent greifen zumindest gelegentlich zum Buch

Die JIM-Studie des Medienpädagogischen Forschungsverbunds Südwest (mpfs) zeigt für das Jahr 2025 ein erstaunlich stabiles Bild: 84 Prozent der Jugendlichen geben an, zumindest selten ein gedrucktes Buch oder einen Comic zu lesen – Schullektüre nicht mitgerechnet. 35 Prozent lesen regelmäßig, also täglich oder mehrmals pro Woche. Weitere 20 Prozent greifen wöchentlich oder alle zwei Wochen zu einem Buch. 16 Prozent lesen überhaupt nicht. 

Noch interessanter wird der Blick zurück. Über die vergangenen zehn Jahre ist der Anteil der Jugendlichen, die regelmäßig gedruckte Bücher lesen, insgesamt bemerkenswert konstant geblieben. Besonders bei Jungen zeigt sich diese Stabilität. Das Buch behauptet sich also nicht deshalb, weil die digitale Medienwelt schwächer geworden wäre, im Gegenteil. Es bleibt präsent, obwohl das Angebot an anderen Geschichten, Bildern und Erzählformen geradezu explodiert ist. Vielleicht liegt genau darin die spannendere Frage: Was kann eine Geschichte, das ein endloser Feed nicht kann?

Nicht alle lesen gleich. Die Studie zeigt allerdings auch deutliche Unterschiede. Mädchen lesen häufiger und regelmäßiger als Jungen: 42 Prozent der Mädchen greifen mehrmals pro Woche zu einem Buch oder Comic, bei den Jungen sind es 28 Prozent. Gleichzeitig geben 20 Prozent der Jungen an, nie zu lesen – bei den Mädchen sind es 11 Prozent. Auch das Alter spielt eine Rolle. Bei den 12- bis 13-Jährigen gehören 45 Prozent zu den regelmäßigen Leser:innen. Bei den 18- bis 19-Jährigen sind es nur noch 27 Prozent. Und auch die Schulform macht einen Unterschied: Am Gymnasium lesen 37 Prozent regelmäßig, an Haupt- und Realschulen 30 Prozent. Der Anteil der Nichtleser:innen liegt dort bei 23 Prozent, am Gymnasium bei 12 Prozent. 

Das bedeutet allerdings nicht automatisch, dass ältere Jugendliche keine Geschichten mehr konsumieren. Sie begegnen ihnen nur häufiger in anderen Formen: als Serien, Videos, Podcasts, Games oder Social-Media-Inhalte.

Weniger Lesezeit, aber nicht unbedingt weniger Geschichten. Eine Zahl fällt besonders auf: Jugendliche verbringen werktags durchschnittlich 49 Minuten mit Lesen. 2024 waren es noch 61 Minuten. Mädchen lesen im Schnitt 61 Minuten täglich, Jungen 38 Minuten. Gleichzeitig gaben zur Befragungszeit mehr als die Hälfte der Jugendlichen an, gerade ein Buch zu lesen. Von Januar bis zum jeweiligen Befragungszeitpunkt im Juni oder Juli hatten die Jugendlichen im Durchschnitt rund sieben Bücher gelesen, also ungefähr eines pro Monat. Die Spannweite ist allerdings groß: 28 Prozent hatten ein bis zwei Bücher gelesen, rund ein Viertel drei bis fünf und ein weiteres Viertel mehr als fünf. 20 Prozent hatten bis zur Befragung noch kein Buch gelesen. Die Zahlen erzählen damit eine widersprüchliche Geschichte: Das Buch ist keineswegs bedeutungslos geworden, aber die Zeit, die Jugendliche ihm widmen, wird knapper.

Und vielleicht ist genau das für die Frage „Welche Geschichten berühren uns?“ entscheidend. Denn Berührung braucht nicht unbedingt viele Stunden. Eine Geschichte kann lange nachwirken, obwohl man nur kurze Zeit mit ihr verbringt.

Das E-Book schafft den Sprung nicht. Wer nun vermutet, dass Jugendliche einfach vom gedruckten Buch auf das Smartphone wechseln, findet dafür in der JIM-Studie wenig Belege. E-Books bleiben eine Nische: 34 Prozent der Jugendlichen nutzen sie überhaupt, zwei Drittel lesen nie digitale Bücher. Nur 16 Prozent greifen mindestens alle zwei Wochen zu einem E-Book. Gedruckte Bücher sind damit weiterhin die deutlich etabliertere Form des Lesens. Das ist bemerkenswert. Denn gerade junge Menschen sind mit digitalen Medien selbstverständlich aufgewachsen. Trotzdem scheint die Digitalisierung des Buches nicht automatisch dessen Zukunft zu sein. Vielleicht hat das gedruckte Buch etwas, das andere Medien schwer ersetzen können: Es verlangt Aufmerksamkeit, schafft einen eigenen Raum und macht aus dem Lesen eine bewusste Tätigkeit.

Eine Medienwelt voller Geschichten. Dabei sind Jugendliche keineswegs geschichtenarm. Ganz im Gegenteil. 96 Prozent nutzen regelmäßig das Internet, 93 Prozent hören regelmäßig Musik. 83 Prozent schauen regelmäßig Videos im Netz. Jeweils rund 70 Prozent spielen mehrmals pro Woche digitale Spiele oder nutzen Videostreaming. Das Smartphone ist mit 98 Prozent das meistgenutzte Gerät. Geschichten sind also überall, nur ihre Formen verändern sich.

Eine Geschichte kann heute ein Roman sein, eine Netflix-Serie, ein TikTok-Video, ein Podcast, ein Computerspiel oder eine persönliche Story auf Instagram. Sie kann drei Minuten dauern oder 600 Seiten haben. Sie kann von einem Menschen erzählt werden – oder mit Hilfe einer KI entstehen. Und gerade deshalb wird eine andere Frage immer wichtiger: Was macht eine Geschichte eigentlich berührend?

Sind es Figuren, in denen wir uns wiedererkennen? Geschichten über Freundschaft, Liebe, Verlust und Erwachsenwerden? Geschichten, die uns Angst machen oder Hoffnung geben? Oder brauchen Geschichten heute etwas anderes, um zwischen all den Reizen überhaupt noch Aufmerksamkeit zu bekommen?

KI kann Geschichten produzieren, aber kann sie uns berühren? Die JIM-Studie liefert darauf keine direkte Antwort. Sie untersucht Mediennutzung, nicht die emotionale Wirkung von Geschichten. Trotzdem liefert sie einen interessanten Ausgangspunkt für die Diskussion. Denn KI wird für Jugendliche zunehmend zu einem Werkzeug, mit dem sie Informationen suchen, sich Dinge erklären lassen oder Inhalte produzieren. 91 Prozent nutzen inzwischen mindestens eine KI-Anwendung. Gleichzeitig halten 57 Prozent die von KI gelieferten Informationen zumindest weitgehend für vertrauenswürdig. 

Damit verändert sich auch unser Verhältnis zu Geschichten und Informationen. Wenn eine KI innerhalb von Sekunden eine Geschichte schreiben, ein Bild erzeugen oder einen Text an den eigenen Geschmack anpassen kann, wird die entscheidende Frage vielleicht nicht mehr sein, wie viel Content wir bekommen können. Sondern: Was davon bleibt bei uns hängen?

Das gedruckte Buch liefert darauf zumindest einen überraschenden Hinweis. Trotz Smartphone, Streaming, Gaming, Social Media und KI ist es noch immer Teil des Alltags einer großen Mehrheit junger Menschen. Vielleicht berühren uns Geschichten deshalb nicht, weil sie besonders neu, schnell oder perfekt sind. Vielleicht berühren sie uns, wenn wir etwas von uns selbst in ihnen entdecken.

Quelle: https://buchmarkt.de/2025/11/17/jim-studie-2025-zur-mediennutzung-von-jugendlichen-zeigt-ki-boomt-aber-buecher-bleiben-ueberraschend-stabil/