Abitur — Und jetzt?

Bald ist es soweit. Nach zwölf langen Schuljahren habe ich endlich mein Abitur und muss nie wieder in die Schule. Doch was haben mir die zwölf langen Jahre gebracht? Eine Abrechnung mit meiner eigenen Schulzeit und unserem Schulsystem.

Es war ein Tag im September vor gut zwölf Jahren. Ein Tag wie jeder andere und doch anders. Es war mein erster Schultag. War es gleichzeitig der Tag an dem ich meine Freiheit verlor? Von seinen Eltern bekommt man immer die mahnenden Worte nahegelegt: „Genieß‘ die Zeit in der du noch spielen kannst“. Als wäre die Schule etwas Schlimmes. Tatsächlich beginnt für die Kleinen ab ihrem sechsten Lebensjahr der Ernst des Lebens. Still sitzen, leise sein, sich melden und zwei Mal für eine Viertelstunde ein bisschen Freigang im Pausenhof. Zumindest begann ab jenem schicksalshaften Tag eine lange Phase an der es jeden Tag nichts anders gab als morgens früh aufzustehen um dann in die Schule zu gehen, aus der man dann anfangs noch am Vormittag, später dann allerdings auch schon mal am späten Nachmittag, entlassen wurde.

Die ersten Schuljahre in der Grundschule waren in der Hinsicht noch durchaus erträglich, lernte man doch dort Schreiben, Rechnen und Lesen, also jene wenigen Dinge, die man nicht schon nach der nächsten Abfrage schon wieder vergessen hat. Nach vier Jahren, in denen die Welt noch einigermaßen in Ordnung war, wurden meine Klassenkameraden und ich in drei Boxen gesteckt und in die weiterführenden Schulen geschickt. Damit wurde bestimmt, ob es einige Jahre später mal ein Studium oder doch eher eine Berufsausbildung werden würde. Im zarten Alter von etwas mehr als zehn Jahren wird über unsere Zukunft entschieden, obwohl noch nicht einmal annähernd abzusehen ist was wir später einmal werden möchten und wie es um unsere Fähigkeiten abseits der Schulnoten steht. Ich für meinen Teil gehörte ab sofort zu dem ausgewählten Personenkreis, dem die zweifelhafte Ehre zuteilwurde die höchste Schulbildung die es in Deutschland gibt, zu genießen.

Die Zeit nahm ihren Lauf und der ewige Zyklus des Schullebens ging weiter, getaktet in Dreiviertelstunden der Wissensaufnahme. Je weiter man in der Leiter der Klassenstufen nach oben steigt, desto irrelevanter wird wohl auch der behandelte Stoff, auch wenn sich schon in früheren Jahren erste Gedächtnislücken auftaten: Ich, ein Abiturient, der seine schulische Laufbahn mit einen Schnitt von, sagen wir mal 1,9 beenden wird, bin nicht in der Lage jedem deutschen Bundesland seine Hauptstadt ohne größeres Nachdenken zuzuordnen. Soweit zum Thema Grundwissen. Entweder habe ich massive Gedächtnisprobleme und habe mich nur mit viel Talent durch die letzten Schuljahre gemogelt oder diese Tatsachen zeichnen ein Bild über die Qualität unseres Schulsystems. Ich befürchte wohl letzteres, wobei das Gemälde eher einem erhängten Strichmännchen aus Hangman gleicht, als dem Werk eines bekannten Künstlers und das sage ich leider nicht um die Schuld für meine Unwissenheit irgendeinem Bildungspolitiker in die Schuhe zu schieben.

Auf dem Lehrplan der Oberstufe stehen viele Themen, die in den vorhergehenden sechs Jahren am Gymnasium schon auf die eine oder andere Art durchgenommen wurden. Was sagt es über das Schulsystem aus, dass die wenigsten Schüler in der elften Klasse Biologie in der Lage sind die Merkmale, die ein Insekt definieren, zu nennen und damit Stoff der sechsten Klasse zu rezitieren? Man könnte sich fragen: „Wozu haben wir das überhaupt gelernt, wenn wir es fünf Jahre danach schon wieder vergessen haben?“ Beschäftigt man sich mit dieser Frage kommt schnell die erschreckende Erkenntnis: Wir haben die letzten Jahre unseres Lebens verschwendet. Zumindest einen Großteil davon, denn es bleibt vielleicht noch ein Fünkchen Hoffnung. Es gibt schließlich doch ein Paar Dinge, die man während dieser langen Zeit, die man in der Institution Schule verbracht hat behalten konnte. Ein kleines Beispiel: Abiturienten sind in der Lage diverse mathematischen Kurven darauf zu untersuchen, ob sie sich nach links- oder rechtskrümmen oder können geheime Botschaften im Aufbau eines Gedichtes zu finden. Allerdings kann man mit diesem Wissen weder seine Miete zahlen, noch in irgendeinem Beruf Karriere machen, es sei denn man möchte seine glorreiche Schulzeit um ein Vielfaches verlängern und den Lehrerberuf einschlagen. Vielleicht lassen sich ja so aufgebaute Wissenslücken wieder schließen. Lernen braucht ja schließlich seine Zeit und wenn diese Zeit im G8 anscheinend ausgiebig dafür genutzt wird sich Fakten, Formeln und Daten ins Gedächtnis zu pressen nur um sie anschließend schlicht und einfach wieder zu vergessen, sollte man niemanden einen Vorwurf machen, der sich im Nachhinein doch etwas intensiver mit dem Schulstoff auseinandersetzen möchte. Damit man mich nicht falsch versteht: Eine gute und breite Allgemeinbildung ist großartig. Aber möglichst viele Dinge in möglichst wenigen Schulstunden ein einziges Mal aufzuschreiben und anschließend ein einziges Mal wieder aufsagen zu müssen, trägt eher weniger zu einer solchen Allgemeinbildung bei.

In wenigen Monaten werde ich mein Abiturzeugnis in den Händen halten, die Schule verlassen und nie wieder dorthin zurückkehren. Das Zeugnis kommt dann in einen Ordner, zusammen mit den anderen vierundzwanzig Zeugnissen, die ich während meiner Schullaufbahn angesammelt habe. Die vielen Zahlen auf den Papierbögen sagen einiges über mich aus. Zum Beispiel wie oft ich mich gemeldet habe, wie gut ich mich eingeschleimt habe, wie gut ich das Faktenwissen aus dem Schulbuch wiedergekäut habe oder wie gut der Spicker war, den ich mir gebastelt habe. Doch über eines geben sie keine Auskunft. Über das was wirklich zählt, nämlich über meinen Charakter. Der hatte in den letzten Jahren leider nur wenig Zeit sich zu entwickeln, zumindest nicht im Klassenzimmer. Alles was ich in meinem Leben bisher gelernt habe, was mir später einmal wirklich weiterhelfen wird habe ich nicht in der Schule gelernt. Ich kann Autofahren, Klavier spielen, weiß einigermaßen wie ich eine Internetseite einrichte und kann mir Spaghetti Bolognese kochen und mir die nötigen Zutaten davor im Supermarkt besorgen oder mir eine Fahrkarte am Automaten kaufen. Das sind Dinge, die sich selbstverständlich anhören und es auch sein sollten, jedoch hat laut der Pisa-Studie aus dem vergangenen Jahr fast jede fünfte Jugendliche Schwierigkeiten dabei sich an einem Ticketautomaten die richtige Fahrkarte zu kaufen.  Selbstverständlich gibt es neben der Schule auch noch das Elternhaus als wichtigste Säule für die Erziehung eines jungen Menschen. Doch es gibt Fälle, in denen das Elternhaus als Basis versagt. Dann sollte die Schule diese jungen Menschen auffangen, sie fördern und ihnen zu einem besseren Leben verhelfen. Das Bildungs- und Schulsystem in Deutschland versagt hier. Die Zukunftschancen hängen stark davon ab, wie viel Geld die Eltern haben.

Ich schreibe diesen Text zwischen einer Menge anderer Hausaufgaben, Schulaufgaben für die ich lernen müsste und dem Referat, dass ich nächste Woche halten soll, dem üblichen Stress eines Gymnasiasten kurz vor dem Abitur. Alle sind so darauf fokussiert die nächste Klausur erfolgreich hinter sich zu bringen, dass sie wie im Hamsterrad mit ihrer wöchentlichen Routine beschäftigt sind. Während unser Deutschlehrer die Wochen bis zum schriftlichen Abitur runterzählt, kommen wir schon nur mit Mühe und Not dazu uns für unsere normalen Prüfungen vorzubereiten. Gleichzeitig sollen wir auch noch nach einem Beruf Ausschau halten, den wir den Rest unseres Lebens ausüben wollen, möglichst schnell natürlich, damit es nach dem Turbostudium gleich losgehen kann mit dem Einzahlen in die Sozialversicherung. Doch für wichtige Dinge wie die Berufsorientierung bleibt erst recht keine Zeit.

Dass eine der wohlhabendsten Nationen der Welt mit ihrer wichtigsten Ressource, seiner Jugend, so fahrlässig umgeht, kann nichts Gutes bedeuten. In der Schule wird so viel Zeit darauf verschwendet Wissen zu vermitteln, dass erst gehört schon wieder vergessen wurde, dass man ruhig ein paar Schulstunden pro Woche für wichtigere Dinge als Faktenwissen aufwenden könnte, in denen die Schüler Erfahrungen sammeln können, sich ausprobieren können, ohne für jedes Scheitern verurteilt zu werden und so mehr über sich selbst, ihr Stärken, Interessen und Leidenschaften herauszufinden, damit wir die Schule nicht nur ausgelaugt und erschöpft mit nichts als einem Abiturzeugnis verlassen, sondern mit einer eigenen und gereiften Persönlichkeit.

Was Schule momentan leistet und leisten kann oder sollte liegt momentan weit auseinander. Vielleicht ist mein Anspruch zu hoch, vielleicht ist es auch eine große Unverschämtheit, was ich hier von mir gebe, angesichts der Tatsache dass viele Kinder nicht einmal die Möglichkeit haben lesen und schreiben zu lernen. Doch es ließe sich genau das ändern, wenn man begreift, dass die Schule nicht nur ein Ort sein kann, an dem man Fakten lernen sollte, denn die kann man bei Bedarf immer nachschlagen. Vielleicht geht Allgemeinbildung, wie sie am Gymnasium gelehrt wird mit seinen Kurvendiskussionen und Gedichtanalysen auch zu weit. Anstatt seine Kapazitäten darauf zu verschwenden jedem alles beizubringen, könnte man die Kurvendiskussionen den Matheüberfliegern beibringen und die Gedichtanalyse den zukünftigen Literaten. Die Folge: in der Zeit, in der ich mich mit den leidigen Matheübungen rumschlagen müsste, kann ich anfangen zu lernen wer ich bin, was meine Begabungen sind. Kann ich Dinge ausprobieren, die normalerweise nur wenn überhaupt nachmittags nach der Schule Zeit haben, wie zum Beispiel der Sport im Verein oder auch schulische Angebote wie die Schülerzeitung und die Theatergruppe, die eigentlich genau das sind, was die Schule ein kleines Stückchen besser macht. Eine grundlegende Reform des Schulsystems, dass allen gleich gute Chancen bietet, die persönlichen Begabungen, Talente und Neigungen fördert und Schüler hervorbringt die bereit für ein Leben außerhalb des Klassenzimmers sind bleibt wohl Wunschdenken. Bis dahin heißt es, lernen für die Bioklausur nächste Woche Montag.


Über den Autor | „Ich bin 18 Jahre alt, bald mit der Schule fertig und interessiere mich für spannende Geschichten und wie man sie erzählen kann, egal ob geschrieben, fotografiert oder gefilmt. Deswegen will ich nach dem Abitur ‚irgendwas mit Journalismus machen‘.“

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