Der Hass wohnt in Hebron

von Andrea Thomas und Julia Kluttig

Menschenleere Straßen, verlassene Häuser und patrouillierende Soldaten. Kaum zu glauben, das hier einmal blühendes Leben herrschte. Durch die stillen Gassen der Geisterstadt führen Veteranen der israelischen Armee. »Breaking the silence« kämpft vehement für Frieden – ohne jegliche Waffengewalt und zum Ärger ihres Heimatlandes.

Seit etwa zehn Minuten dreht der Junge auf dem Fahrrad monoton seine Kreise. Die Kipa auf dem Kopf manifestiert seine Zugehörigkeit zum Judentum. Im Visier von vier auf ihn gerichteten Kameras und bewacht von einem Soldaten mit Maschinengewehr im Anschlag, der auf dem maroden Dach Position bezogen hat, verbringt er seine Freizeit, hier zwischen den bröckelnden Fassaden der seit langem unbewohnten Häuser in der Geisterstadt Hebron. Auf der Straße patrouillieren schwer bewaffnete Soldaten. Plötzlich erschüttert ein lauter Knall die trügerische Stille. Dann ein zweiter, ein dritter. „Keine Angst, das sind nur Einschläge von Granaten“, meint Avner Gvaryahu lakonisch. Alltag in Hebron. Und plötzlich hat der Begriff Krieg für uns ein lebendiges Gesicht bekommen.

Diese Todesangst, die in jenem Moment aus deren Augen sprach, werde ich wohl niemals vergessen.

Der Einunddreißigjährige arbeitet seit 2004 für die Organisation „Breaking the silence“. Seinen Dienst bei der israelischen Armee hatte er damals gerade beendet. Eine Zeit voller traumatischer Erfahrungen, die zum Umdenken und zur Wende in seinem Leben führen sollte, lag hinter ihm.

„Es war eines Nachts, wir langweilten uns wie so oft. Da kam uns die spontane Idee, Fußball zu schauen. Aber wir hatten keinen Fernseher. Ohne weiter zu überlegen, drangen wir in das nächste Haus einer palästinensischen Familie ein. Es war bereits weit nach Mitternacht“, schildert er sein Schlüsselerlebnis. „Um Ruhe zu haben, sperrten wir die Leute einfach in ein Zimmer ein. Mann, Frau und fünf kleine Kinder. Diese Todesangst, die in jenem Moment aus deren Augen sprach, werde ich wohl niemals vergessen.“ Er macht eine kurze Pause, ehe er mit ernstem Gesicht fortfährt: „Plötzlich habe ich mich gefragt, was wir hier eigentlich tun und stellte mir vor, wie ich selbst an deren Stelle diese Situation empfunden hätte. Ich begriff, dass unser Weg nicht der richtige ist, um Frieden zu schaffen“. Jetzt setzt sich der Vater einer kleinen Tochter aktiv dafür ein, dass auch die anderen Menschen das begreifen. Deshalb führt er Gruppen wie die unsrige an eine der Nahtstellen der Auseinandersetzung zwischen Israelis und Palästinensern, nach Hebron. Die Leute sollen sich selbst ein Bild von der aktuellen Situation machen, es dokumentieren und das Gesehene an die Öffentlichkeit bringen. Egal auf welche Weise. Die Welt muss aufmerksam gemacht werden auf das Unrecht, was hier geschieht.

Gvaryahu beginnt seine Tour bei einem Grabstein am Eingang zur 1968 gegründeten israelischen Siedlung Kirjat Arba, wo religiöse Juden ihrem Stammvater Abraham an dessen Geburtsstätte nahe sein wollen. Inwieweit es Recht oder Unrecht ist, hier im palästinensischen Autonomiegebiet ihre Häuser zu errichten, das stand und steht für sie nicht zur Debatte. Für sie zählt nur der Glaube, den sie aktiv praktizieren. Auf der Grab- platte liegen ein paar Kieselsteine. Das ist jüdischer Brauch. Der Guide übersetzt, was in hebräischen Lettern auf der sandsteinfarbenen Platte steht: „Hier ruht Doktor Baruch Kappel Goldstein. Ohne Fehl und Tadel opferte er sich für sein Volk, die Thora und das Land Israel. Möge Gott diesen Gerechten segnen, sein Blut rächen und seiner Seele ewige Ruhe geben. Als Märtyrer Gottes wurde er am 14. Adar, Purim, im Jahre 5754 (1994) getötet.“

Von den einen als Held und Idol frenetisch gefeiert, von den anderen als Massenmörder zutiefst gehasst, ist Goldstein zum Inbegriff eines fundamentalistischen Fanatikers für die Idee eines Groß-Israels geworden. Es war am 25. Februar 1994, als sich in den Morgenstunden des Ramadans gläubige Moslems vor der Abraham Moschee im Zentrum Hebrons zum Gebet versammelten. Auch Goldstein, der Jude, ist dort. Plötzlich hebt er seine Waffe und eröffnet kaltblütig das Feuer, bis die letzte Patrone leer ist. 29 Menschen sterben im Kugelhagel. Männer, Frauen und Kinder. Unschuldige. Er selbst wird von den Angehörigen der Opfer erschlagen. Aus Wut und Rache, im Affekt. Dieses grauenhafte Massaker gilt als beispielhafter Akt für den Machtkampf zwischen Israelis und Palästinensern um das Heilige Land, der bis heute anhält. Wer die Leidtragenden dieser immer wieder eskalierenden Gewalt sind, soll diese Tour durch Hebron eindrucksvoll vermitteln.

Wir erkunden auf der Al-Shuhada-Straße, der ehemals wichtigsten Haupt- und Durchgangsstraße, die sogenannte Geisterstadt. Alles Leben scheint aus dieser früher pulsierenden Verkehrsader gewichen zu sein. Bedrückend, leblos, unheimlich. Keine lärmenden Kinder, die sich im Spiel streiten, die lachen oder weinen. Keine Leute, die von der Arbeit oder vom Einkaufen kommen. Keine Autos. Aus weiter Ferne ruft der Muezzin zum Gebet. Ein Soldat lehnt, gelangweilt an seiner Zigarette ziehend, an der seit Jahren verschlossenen rostigen Tür eines ehemaligen Ladens. Zwei weitere gesellen sich zu ihm, um unter der kleinen schmutzig grünlich-braunen Überdachung, von der die Farbe blättert, Schatten zu finden. Hier wurden früher türkische Spezialitäten angeboten. So steht es, heute kaum noch lesbar, auf dem grauen Blechschild.

Die käfigartig vergitterten Fenster darüber sollten die Bewohner des Hauses vor Steinwürfen radikaler Siedler schützen. Doch das ist lange her. Seit dem Hebron-Abkommen von 1998 ist Hebron in eine palästinensisch kontrollierte Zone H1 und eine israelisch kontrollierte H2 geteilt, wozu auch dieses Gebiet gehört. Hier leben etwa 700 religiöse jüdische Siedler im Schutze starker Armeeeinheiten. Sie können sich frei bewegen. Dagegen dürfen die etwa 30 000 Palästinenser diese Straße nicht bzw. nur mit ausdrücklicher Genehmigung des israelischen Militärs benutzen. Das führt zu extremen Spannungen. Geschäfte mussten geschlossen werden. Auf Machtmissbrauch beruhende Schikanen, Willkür, Terror und tätliche Übergriffe gehören für sie zum Alltag. An einer Mauer steht „Gased the Arabs!“ Wasser und Gas werden rationiert, von Israel zugeteilt. Dreimal so viel wie ihre ungeliebten Nachbarn müssen die Palästinenser dafür bezahlen. Angesichts der hohen Arbeitslosigkeit von etwa 70 Prozent für viele unmöglich. An manchen Tagen gibt es gar kein fließendes Wasser. Stacheldrahtverhaue, Checkpoints und Betonmauern lähmen das gesamte Leben in diesem Viertel. Rechtlos sind sie geworden, die Araber. Rechtlos im eigenem Land.

Ihr Frust, ihre angestaute Wut sind angesichts dieser Ohnmacht Keimzelle für Aggressionen. Irgendwann explodieren diese wie ein Pulverfass. Auch davon weiß der Tourguide zu berichten. Er deutet auf ein Bild, was so demonstrativ wie plakativ an einer der verschlossenen Türen klebt. Ein jüdisches Ehepaar, ermordet von Palästinensern. Er macht keinen Hehl daraus, dass es immer wieder zu Gewaltakten kommt. Auf beiden Seiten.

Gvaryahu zeigt ein Foto aus dem Jahre 1998. Damals herrschte an diesem Ort noch geschäftiges Treiben. Der pulsierende Markt fungierte als Herz der Stadt. Heute stehen die Häuser leer und sind dem Verfall preisgegeben. Nur ein paar vereinzelte jüdische Familien leben noch hier. Ein am Straßenrand ruhender Hund hebt schläfrig den Kopf. Im Vergleich zu seiner Umgebung wirkt er relativ gepflegt. Die Sonne verleiht dem hellbraunen Fell einen matten Glanz. Ohne Argwohn nimmt er mit halb geschlossenen Augen die drei uniformierten Posten, die näherkommen, wahr. Ein gepanzertes Armeefahrzeug rollt langsam über den Asphalt.

Links ab führt eine holprige Straße bergauf, raus aus der gesperrten Zone, in ein Wohngebiet der Palästinenser. Blasse Kindergesichter hinter Stacheldraht. Neugierig beobachten sie die Fremden. Zumeist misstrauisch. Doch manche lächeln schüchtern oder winken. Ein Dreijähriger, auf einem kaputten Spielzeugauto sitzend, müht sich, den Berg hinabzurollen, was auf nur zwei Rädern nicht so recht gelingen will. Er schiebt sich vorbei an den drei Soldatinnen, welche am Straßenrand im Schatten eines Baumes ihr Mittagsmahl halten. Sie werfen sich in Pose, lächeln, als die Kamera auf sie gerichtet wird. Völlig unbefangen kommen sie mit uns ins Gespräch. Eine von ihnen ist Rachel Goldsmith. Die Neunzehnjährige spricht ein wenig Deutsch. Ihre Großeltern lebten, bevor sie nach Israel auswanderten, in München. Seit etwas mehr als drei Monaten ist sie hier stationiert. Die Frage, ob sie sich nichts Besseres vorstellen könne, als hier in Hebron zu patrouillieren, scheint sie nicht zu verstehen. Vielleicht will sie es auch gar nicht. Stattdessen beißt sie beherzt in ihren Apfel. Das Maschinengewehr liegt auf ihren ausgestreckten Beinen. „Jedes Mädchen hat bei uns ihre Wehrpflicht zu leisten. 21 Monate. Das ist ganz normal.“ Sie hat eine andere Definition von Normalität als wir, denn sie ist in einem Land aufgewachsen, wo nichts normal ist. Plötzlich verlischt das Lächeln auf ihrem Gesicht. „Zwei meiner Freundinnen kamen bei einem Anschlag ums Leben. 2006 in Tel Aviv, meiner Heimatstadt. Eine war 12 Jahre, die andere gerade neun. Sie hatten sich in einem Imbiss etwas zu essen holen wollen, als ein Jihad-Selbstmörder seinen Sprengstoffgurt zündete. Zehn Tote.“ Sie schweigt, starrt geradeaus. Mit solchen und ähnlichen Anschlägen muss man in Israel rechnen. Immer und überall. Deshalb sieht sie ihren Dienst in der Armee als etwas Normales. Man müsse sich verteidigen, schützen im eigenem Land. Jeder habe ein Recht auf diesen Schutz. Und darum sei sie hier in Hebron als eine der etwa siebenhundert Soldaten, welche für die Sicherheit der jüdischen Siedler Verantwortung tragen. Für etwa die gleiche Anzahl an Menschen. Natürlich will sie Frieden. Nichts mehr als das. Wenn Ihr Dienst in der Armee vorbei ist, wird sie studieren. Medizin in Haifa. Als Ärztin anderen helfen, das ist ihr Ziel. Sie nimmt ihre Waffe wieder auf und schlendert mit ihren beiden Kameradinnen den Berg hinunter.

Auch Nir Baram, den wir später in einem Restaurant in Jaffo treffen, hofft auf eine friedliche Zukunft. Baram, 1976 in Jerusalem geboren, arbeitet als Schriftsteller, Journalist und Lektor. So wie die Leute von „Breaking the silence“ setzt auch er sich aktiv für die Gleichberechtigung der Palästinenser und für Frieden in Israel ein. Einige seiner Bücher, wie „Gute Leute“ und „Der Wiederträumer“, wurden mit mehreren Literaturpreisen ausgezeichnet. Er vergleicht Israel mit einem neuen selbst errichteten jüdischen Ghetto mit Mauern und allem, was dazu gehört. Er sieht sich als Patriot für eine multiethnische sowie multikulturelle israelische Gesellschaft, in der auch religiöse Belange respektiert werden. Er glaubt fest an seine Vision von einem inklusiven israelischen Staat, der niemanden ausschließt, wo die Juden nicht die Leitkultur verkörpern. Er plädiert für eine offene israelische Gesellschaft, in der keiner vor dem Anderen Angst haben muss. Und er will sich weiter einsetzen für eine wirkliche Demokratie in Israel. Er weiß, dass immer mehr junge Israelis ähnlich denken wir er. Auch wenn er fest daran glaubt, dass seine Vision irgendwann einmal Wirklichkeit wird, ist ihm bewusst, wie weit man von einer friedlichen Lösung des Konfliktes noch entfernt ist.

Andrea Thomas (55) und Julia Kluttig (19) sind ein eingespieltes Team: mehrere Jahre haben sie für das Schülermagazin WOOLING viel Herzblut und Zeit investiert. Das Nachrichtenmagazin DER SPIEGEL kürte das Magazin aus Seifhennersdorf (Sachsen) zur besten Schülerzeitung 2013. A. Thomas und J. Kluttig reisten mit vier weiteren WOOLING-Redakteuren im November nach Israel, unter anderem auch nach Hebron mit der Organisation »Breaking the silence«. Ehemalige Soldaten der israelischen Armee führten uns durch die Geisterstadt. Wir haben beeindruckende, aber auch schockierende Momente erlebt, die wir in einer Reportage verarbeitet haben.