Party – Kunst – Musik?

Fotografie: Timo auf der Heiden
Fotografie: Timo auf der Heiden

Sie sind egoistisch, spaßorientiert und interessieren sich weder für Kunst noch für ihre Nachbarn – für ihr Handy hingegen sehr. So oder so ähnlich lauten die gängigen Vorurteile über Jugendliche. Nicht nur das Institut für Jugendkulturforschung hat „Jugend und Zukunft“ analysiert und ist dabei auf interessante Entdeckungen gestoßen. Auch der Standpunkt versucht mit Hilfe seiner Museumstester einen Irrtum aufzuklären:

„Jugendliche interessieren sich nicht für Kunst und gehen daher nicht ins Museum.“

Dazu trafen Jugendliche auf der Veranstaltung „Wie sieht das Museum der Zukunft aus?“ mit Museumsverantwortlichen, Ausstellungsmachern und Kunstvermittern aus Mönchengladbach zusammen.

Müssen Museen sich verändern, um junge Menschen anzusprechen? Und wie können Museen zu attraktiven Orten für Jugendliche werden? Diese Fragen diskutierten Redakteure von ***standpunkt*** am Dienstag bei einem Podiumsgespräch im Museum Abteiberg in Mönchengladbach. Unter dem Titel „Wie sieht das Museum der Zukunft aus?“ hatte die Kunsthistorikerin und Kommunikationsdesignerin Elke Backes ins Museum eingeladen, um mit jungen Menschen, interessierten Besuchern und Kunstexperten über neue Ideen in der Kunstvermittlung zu sprechen. standpunkt feierte zudem eine Premiere: vor einem 150-köpfigen Publikum stellen Ivana Baumann, Selin Yildirim und Linus Bahun das jüngste Projekt der standpunkt-Familie vor: die Museumstester.

„Die Museumstester spiegeln Museumsverantwortlichen und Ausstellungsmachern, Momentaufnahmen und Meinungsbilder aus Sicht junger Menschen“, so Ivana Baumann, Redakteurin bei standpunkt. Verstärkung aus dem Publikum bekamen die jungen Moderatoren von Nele Gormanns, Nikolas Proksch, Alina Lynch, Rebecca Lücke, Pauline Oliver und Sean Levy aus dem Museumstesterteam. Neben den ersten Testergebnissen, die sie unter anderem aus Besuchen des Kolumba in Köln und des Museum Abteiberg in Mönchengladbach gewonnen hatten, konnten sie auch Wünsche und Visionen ihrer Mitschülerinnen und Mitschüler in die Diskussion einbringen. Auf jeden Fall bot das Aufeinandertreffen ganz unterschiedlicher Anspruchsgruppen einen spannenden Aufschlag, um über die „Zukunft der Museen“ nachzudenken.

Hier zum RP Artikel

standpunkt stellt Meinungsbilder in Form von O-Tönen von Teenagern den Aussagen von Kunstpädagogen gegenüber. standpunkt bietet zudem Hintergrundinformationen über Anforderungen und Herausforderungen, die ein Museum heute zu bewältigen hat, in einem Beitrag von Elke Backes an, um auch Wunschvorstellungen und Visionen zu relativieren. Ziel ist es, mit diesen Denkanstößen alle an einen Tisch zu bringen und vielleicht mit neuen Erkenntnissen auf allen Seiten etwas zu bewegen.

Warum ist es so schwer, Jugendliche für ein Kunstmuseum zu begeistern?

Ob Unternehmen, Dienstleister, Organisationen oder gemeinnützige Vereine, aber auch öffentliche Einrichtungen, wie zum Beispiel das Städtische Museum Abteiberg, kämpfen um Aufmerksamkeit und Akzeptanz bei den jugendlichen „Zielgruppen“. Viele versuchen in ihrer Ansprache besonders hip daherkommen, was jedoch bei den Angesprochenen meist anbiedernd und lächerlich wirkt.

„Weniger spießig… es passend für Jugendliche machen, auf deren „Niveau“ (mir fällt gerade kein anderes Wort ein, aber das passt auch nicht ganz) was machen…aber bloß nicht über Graffiti – da meinen die meisten Erwachsenen, dass Jugendliche damit zu überreden sind. Aber das sieht sofort nach Überreden aus und ist eigentlich uncool.“

Jugendliche sind auf der Suche nach Orientierung, Verlässlichkeit und  Anerkennung. Daher sollte auch ein Museum die Wünsche und Bedenken von Jugendlichen zwischen 14 und 17 Jahren in ihre Pädagogik mit einbeziehen. Die Kommunikation sollte daher ehrlich, authentisch und motivierend sein.

Die Tatsache, dass es die Zielgruppe Jugendliche als solche gar nicht gibt, sondern, dass sie aus einer Vielzahl einzelner Gruppen besteht, hat zur Folge, dass man nicht die breite Masse von Jugendlichen ansprechen kann, sondern sich auf Interessensgruppen konzentrieren sollten. Ziel ist also keine breite Ansprache, sondern individualisierte Angebote an die einzelnen Interessensgruppen.

„Heutzutage kann man sich das nötige Wissen problemlos in einer 45-Minuten-Doku aneignen (Youtube usw.), wofür sollte ich da noch ins Museum gehen … ;-)“

„Jugendliche haben heutzutage einfach andere Interessen. Klar ist Bildung wichtig, freiwillig und privat würde ich aber auch in kein Museum gehen. :/“

Marktforscher gehen davon aus, dass sich das wenig kalkulierbare Verhalten der Jugendlichen noch verstärken wird. Dadurch kann das Verständnis der Generationen füreinander verloren gehen. Crossmediale Kommunikation über das Internet, Handy und im Printbereich sowie die Kombination mit verschiedenen Medien und Events werden daher immer wichtiger.

„Ich mag Museen sehr gerne, bin aber zum Beispiel auch nicht der große Fan von Gemäldegalerien mit schwerpunktmäßig klassizistischen Bildern und kirchlichen Motiven. Es gibt allerdings genügend interessante und spannende Ausstellungen. Was meiner Meinung nach fehlt, ist die Interaktivität und Multimedialität. Wenn ein Bild oder eine Skulptur zum Beispiel nicht mehr vollständig vorhanden ist, warum dann nicht mit einer Art Hologramm rekonstruieren? Diese Kopfhörer, die man sich ausleihen kann, sind einfach nicht mehr zeitgemäß. Vielleicht könnte man den Jugendlichen auch noch einen Anreiz bieten, indem man auf die Eintrittskarte Rabatt gibt wenn Sie zum Beispiel ein bestimmtes Ausstellungsstück finden und ein gelungenes Foto über einen Code posten oder so.“

Der Museumsbesuch sollte sich vom Unterricht in der Schule unterscheiden, Gesprächsorientierung statt Vortrag, denn nur über das Gespräch und den Dialog findet man den Weg zu Jugendlichen. Dieser Meinung ist auch die Projektkoordinatorin Dorothée Vollmer. Das bedeutet in erster Linie für die Kunstvermittlung, dass mehr Eigenaktivität statt reiner Rezeption gefordert ist. Bei der kommunikativen Führung wird aus dem traditionellen Museumsführer ein Gesprächsleiter, der gerade seine jungen Teilnehmer aktiv in die Auseinandersetzung mit dem künstlerischen Werk einbindet und sie in ihren persönlichen Eindrücken ernst nimmt.

„Ich bin selbst eigentlich doch etwas an Kunst interessiert, habe schließlich nicht umsonst eine gute Kunstnote, aber ich würde nicht in ein Museum gehen. Viele Bilder finde ich einfach nur recht hässlich und mich nerven dabei vor allem diese Kritiker, die sich vor ein Bild stellen und glauben, perfekt erklären zu können, was sich der Künstler dabei dachte, als er es gemalt hat. Dabei sind es oft einfach nur ein paar Leute ohne richtige Proportionen vor einem unrealistischen Hintergrund. Natürlich kann man die Grundidee heraussehen, ob das Bild Verzweiflung, Fröhlichkeit oder sonst etwas ausdrückt, aber sicher nicht, was jeder einzelne Aspekt daran aussagt. Und genau das wollen die Museumsführer uns weismachen. Das gefällt mir nicht.“

Das Selbst-Finden, Entdecken und Selber-Tun ist das, was Jugendliche motiviert, sich mit weitergehenden Informationen zu beschäftigen, die erst zu fundiertem und sicher verfügbarem Sachwissen führen, weiß Dorothée Vollmer als Kunst- und Medienpädagogin aus ihrer täglichen Erfahrung. Dieser Prozess ist aber auch rational und emotional bestimmt von den persönlichen Erfahrungen und dem Umfeld der Jugendlichen. Um das zu steuern und  pädagogisch zu wecken, müssen junge Menschen zu bewusstem Sehen, Beschreiben und zum Schlussfolgern angeregt werden. Denn emotional erleben kann man nur, wenn man das Ganze begreift.  Eine erste kreative didaktische Ansprache kann nur gelingen, wenn sie Bezug zu den jugendkulturrelevanten Lebenswelten mit ihren Sprachcodes hat, in denen Jugendliche sich mit ihren Alltagserfahrungen und Wünschen wiederfinden.

„Viele von uns sind nicht an Kunstmuseen interessiert, weil dort die meiste Kunst schlecht zugänglich ist. Viele Bilder erfordern einen gewissen Blick und gesellschaftliches, biographisches, historisches oder politisches Hintergrundwissen, um es einigermaßen zu entschlüsseln. Wenn man bloß eine Interpretation auf einem Schildchen dargeboten bekommt, ist es nicht das gleiche Erlebnis. Außerdem ist es für sie wahrscheinlich ziemlich trocken, es fehlen Erfahrungswerte, die sie mit dem neuen Input vergleichen können.“

„Auf der unmittelbaren Sinnesebene haben die meisten von uns noch kein wirkliches Gespür für ästhetische Subtilitäten (meiner Erfahrung nach selbst die meisten Erwachsenen nicht). Da wird gerade so noch erkannt, dass Andy Warhols Bilder ganz „cool“ aussehen, aber das über Jahre perfektionierte Farbenspiel eines Monet wird schlichtweg übersehen. Das ist ja auch nichts Schlimmes, es gibt schlichtweg Wichtigeres im Leben der meisten Menschen. Aber es geht halt eine Menge von dem Bild verloren auf dem Weg zum Betrachter.“

Eine Auseinandersetzung mit Kunst unterschiedlicher Epochen aber mit den Medien der Zeit kann gelingen, wie diese Beispiele aus Kunst- und Medienprojekten von Dorothée Vollmer zeigen:

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Anna-Lena Weißenfels
Fotografie: Anna Lena Weißenfels

Auf jeden Fall hat sich Gottfried Helnwein darauf persönlich beim Standpunkt gemeldet und Interesse an einem Interview bekundet und sich auch so eine Kunstvermittlung gewünscht!

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