Herline-Koelbl-Ausstellung-Bischof

Tipp zur Karnevalsflucht: der Bischof in Jogginghose

In diese Falle werden wir nicht tappen: über Karneval zu schreiben, die Pros und Kontras abzuwägen und am Ende zu einem kopflastigen Schluss zu kommen. Wir lassen das. Denn: Entweder man mag klebrige Schminke, Partys bis zum Abwinken und das bunte Straßentreiben oder eben nicht.

Für alle, die sich alljährlich zu Karneval wünschen Sie wären überall, nur nicht im Rheinland, für die gibt es hier einen kochend heißen Hinweis! Zumindest für ein paar Stunden bietet die neue Ausstellung in der Ludwiggalerie Oberhausen eine Pause von Helau-, Alaaf- und Halt-Pohl-Rufen. Auf drei Etagen sind dort zumeist großformatige Fotos von Herlinde Koelbl zu bestaunen — und die, haben es wirklich in sich. Ihre Fotos bilden nicht nur Menschen ab (schon das ist eine hohe Kunst), vielmehr erzählen sie bewegende Geschichten und lassen den Betrachter für Sekunden hinter die Fassade eines Lebens oder einer Persönlichkeit schauen.

Herlinde Koelbl (1939 geboren) studierte zunächst Modedesign und kam erst später zur Fotografie, die sie sich autodidaktisch aneignete. Heute ist sie eine der wichtigsten Fotokünstler Deutschlands. Ihre Fotos wirken simpel und komplex zugleich, scheinen manchmal auf den ersten Blick belanglos und erzählen doch so viel mehr, wenn man sie sich genauer anschaut und den abgelichteten Menschen die gebotene Aufmerksamkeit schenkt. Koelbls Fotos dokumentieren Begegnungen und wirken an der Wand wie soziologische Studien im Mikro-Format: Sie besucht Menschen zu Hause, in ihrem Wohnzimmer, in ihrem Schlafzimmer, an ihrem Schreibtisch. Den Fabrikbesitzer genau so wie den ukrainischen Hausmeister. Die deutsche Autorin genau so wie die amerikanische Prinzessin. Skurrile Menschen genau so wie scheinbar banale. Interviews und kurze Texte der Fotografin sind neben nahezu jedem Bild zu finden.

Vielleicht am verblüffendsten (weil scheinbar so simpel) ist Herlinde Koelbls Serie „Kleider machen Leute“, für die sie Menschen einmal in ihrer beruflichen Uniform und einmal in Alltagskleidung fotografiert hat. Da ist die asiatische Soldatin, die erklärt, dass sie ihre Uniform möge, weil sie darin wie ein Mann respektiert werde. Der Bischof, der tagsüber sein Gewand trägt, das ihm gefällt, am Abend aber lieber auf die Jogginghose umsteigt. Die Nonne, der Soldat, der Metzger, die Domina: Sie alle werden in Alltagskleidung auf einmal zu Menschen.

Fast kann man sagen: In dieser Ausstellung sieht man keine Fotos — man begegnet Menschen.

Auch wenn der Titel sperrig ist („Herlinde Koelbl. Das deutsche Wohnzimmer, Spuren der Macht, Haare und andere menschliche Dinge – Fotografien von 1980 bis heute“) bietet die Ausstellung im Schloss Oberhausen eine wohltuende Abwechslung zur Reizüberflutung auf Instagram und zum jecken Treiben auf den Straßen von Mönchengladbach, Düsseldorf und Köln.


Bis 3. Mai 2015; Ludwiggalerie Oberhausen, Konrad-Adenauer-Allee 46.

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