Gerade wird ein internationaler Konflikt sehr konkret. Der US-Präsident Donald Trump erklärte öffentlich, die USA müssten Grönland kontrollieren. Seine Begründung: nationale Sicherheit. Grönland liege strategisch wichtig in der Arktis, dort gehe es um Militär, Rohstoffe und Macht gegenüber Russland und China. Grönland selbst und auch Dänemark wiesen diese Aussagen klar zurück. In Europa löste Trumps Vorgehen große Kritik aus. Viele Fachleute warnten davor, dass alte Machtlogiken wieder stärker werden.
Der Konflikt zeigt, dass Machtansprüche auf Gebiete kein abgeschlossenes Kapitel der Geschichte sind. In der Politik spricht man bei solchen Entwicklungen oft von Neoimperialismus. Damit sind moderne Formen von imperialem Denken gemeint. Staaten erobern heute meist keine Kolonien mehr wie früher, versuchen aber trotzdem, Einfluss und Kontrolle über Gebiete zu gewinnen. Politische Akteure greifen auch heute auf historische Erzählungen, Sicherheitsargumente und nationale Gefühle und vermeintliche historische Verantwortung zurück, um ihre Ansprüche zu rechtfertigen und zu begründen.

Dass solche Denkweisen nicht neu sind, zeigt ein Blick in die deutsche Geschichte. Nach dem Ersten Weltkrieg verlor Deutschland alle Kolonien. Trotzdem war das koloniale Denken nicht verschwunden. Besonders im Rheinland entstand zwischen 1919 und 1943 eine Bewegung, die die Rückgabe der Kolonien forderte. Diese Strömung wird Kolonialrevisionismus genannt. Deutschland hatte keine Kolonien mehr, hielt aber an der Vorstellung fest, ein Recht auf sie zu haben.
Getragen wurde diese Bewegung von ehemaligen Kolonialbeamten, nationalistischen Gruppen und politischen Netzwerken. Sie nutzten Plakate, Texte und Veranstaltungen, um ihre Ideen zu verbreiten. Kolonialherrschaft wurde dabei als etwas Gutes und Notwendiges dargestellt. Gewalt, Unterdrückung und Rassismus wurden kaum erwähnt. Ziel war es, möglichst viele Menschen emotional zu erreichen und für politische Ziele zu gewinnen.

Historikerinnen und Historiker sehen im Kolonialrevisionismus eine frühe Form des Neoimperialismus. Es ging weniger um echte Kolonien als um Macht, Einfluss und nationale Größe. Diese Denkweisen bereiteten auch den Boden für den Nationalsozialismus und trugen zur Radikalisierung der Gesellschaft bei.
Ähnliche Muster lassen sich auch heute erkennen. Russland begründet Gebietsansprüche mit seiner Geschichte als Großmacht. China nutzt historische Erzählungen, um seinen Einfluss in Asien zu stärken. In den USA wird im Fall Grönland mit Sicherheit argumentiert, um Kontrolle über ein fremdes Gebiet zu fordern. In allen Fällen wird Geschichte vereinfacht erzählt, um politische Unterstützung zu bekommen.
Eine aktuelle Ausstellung in der Stadtbibliothek Mönchengladbach zeigt gerade, wie solche Ideen entstehen und warum sie bis heute wirken. Mehr zur Veranstaltung und Ausstellungseröffnung „Kolonialrevisionismus im Rheinland 1919–1943“ mit Prof. Dr. Marianne Bechhaus-Gerst und dem Leiter der Stadtbibliothek Yilmaz Holtz-Ershain von Niko Kosmeridis.


