Sixpack, Protein-Hype und Dauervergleich auf TikTok & Co.: Warum immer mehr Jungen und junge Männer ihren Körper optimieren wollen und wo gesunde Fitness in ungesunden Druck umschlägt.
Früher schien der Schönheitsdruck vor allem Mädchen zu treffen. Heute scrollt man durch TikTok oder Instagram und merkt schnell: Auch Jungs stehen längst unter Beobachtung. Oder besser gesagt: unter Dauervergleich. Überall Sixpacks. Breite Schultern. Definierte Arme. Proteinshakes in der einen, Hantel in der anderen Hand. Wer gerade durch Social Media unterwegs ist, kommt an Fitness-Content kaum vorbei. Und spätestens seit Schauspieler wie Connor Storrie, Hudson Williams oder Pedro Pascal mit ärmellosen Looks über die roten Teppiche laufen, ist klar: Muskeln sind nicht mehr nur Fitnessstudio-Thema, sie sind Fashion.

Das SZ-Magazin nennt diesen Trend „Protein Chic“. Dahinter steckt die Idee, dass ein durchtrainierter Körper gerade zum neuen Statussymbol wird. Nicht nur im Gym, sondern auch auf Laufstegen, in Serien und auf Social Media. Eigentlich ist daran erst einmal nichts falsch. Sport ist gesund. Krafttraining kann Spaß machen. Sich im eigenen Körper wohlzufühlen sowieso.
Schwierig wird es, wenn aus Motivation plötzlich Druck wird. Denn wer täglich Videos mit perfekten Körpern sieht, vergisst leicht, dass diese oft alles andere als Alltag zeigen. Gute Beleuchtung, Bildbearbeitung, der berühmte „Pump“ direkt nach dem Training oder schlicht außergewöhnliche Genetik, all das verschwindet hinter dem Eindruck: So müsste ich eigentlich auch aussehen.
Genau das beobachten inzwischen auch Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Studien zeigen, dass immer mehr Jungen und junge Männer unzufrieden mit ihrem Körper sind. Viele haben nicht mehr das Gefühl, einfach nur fit sein zu müssen. Sie wollen gleichzeitig möglichst wenig Körperfett und möglichst viele Muskeln haben, ein Ideal, das für die meisten Menschen kaum dauerhaft erreichbar ist.
Auf Social Media hat dieser Optimierungsdrang sogar einen eigenen Namen bekommen: Bodymaxxing. Gemeint ist die Idee, den eigenen Körper ständig weiter zu verbessern. Mehr Muskeln. Weniger Fett. Bessere Haut. Markantere Gesichtszüge. Noch gesünder essen. Noch härter trainieren. Noch disziplinierter sein.

Das Problem: Es gibt dabei kein echtes Ziel. Es geht immer noch ein bisschen mehr. Viele Jugendliche kennen das Gefühl. Eigentlich wollte man nur anfangen, regelmäßig Sport zu machen. Irgendwann dreht sich plötzlich alles um Kalorien, Eiweiß, Trainingspläne oder die Frage, ob der eigene Arm auf Fotos groß genug aussieht.
Fitness macht dann nicht mehr frei, sondern setzt unter Druck. Besonders perfide ist, dass Social Media diesen Druck ständig verstärkt. Die Algorithmen merken schnell, wofür wir uns interessieren. Wer sich ein paar Fitnessvideos anschaut, bekommt bald fast nur noch Inhalte mit durchtrainierten Körpern angezeigt. Irgendwann fühlt sich das Außergewöhnliche ganz normal an.
Dabei sieht die Realität ganz anders aus. Die meisten Menschen haben keinen dauerhaft sichtbaren Sixpack. Sie trainieren nicht sechs Mal pro Woche. Sie essen auch mal Pizza, schlafen zu wenig oder haben Tage, an denen sie keine Lust auf Sport haben. Nur sieht man das eben selten im Feed. Auch der aktuelle Protein-Hype gehört dazu. Proteinpudding, Shakes, Riegel oder High-Protein-Pizza vermitteln schnell das Gefühl, Muskeln seien vor allem eine Frage der richtigen Produkte. Ernährungsexpertinnen und -experten sehen das deutlich entspannter: Wer sich ausgewogen ernährt, deckt seinen Eiweißbedarf meist problemlos, auch wenn er regelmäßig Sport macht.

Vielleicht ist genau das die wichtigste Erkenntnis. Es geht nicht darum, keinen Sport zu machen oder Fitness schlechtzureden. Im Gegenteil. Bewegung tut Körper und Kopf gut. Sie baut Stress ab, stärkt das Herz und macht viele Menschen selbstbewusster. Aber Sport sollte dir das Gefühl geben, stärker zu werden, nicht schlechter.Und vielleicht lohnt es sich, sich beim nächsten Scrollen kurz zu fragen: Trainiere ich eigentlich für mich? Oder trainiere ich für ein Bild, das mir ständig gezeigt wird? Der Trend heißt heute „Protein Chic“. Morgen wird er wahrscheinlich anders heißen. Was hoffentlich bleibt, ist die Erkenntnis, dass ein gesunder Körper nicht perfekt aussehen muss. Sondern einer ist, in dem man sich wohlfühlt.
Quellen (Auswahl): Süddeutsche Zeitung Magazin (11.05.2026); American Psychological Association; World Health Organization; Deutsche Gesellschaft für Ernährung; Griffiths et al.; Tiggemann & Zaccardo.
Fotos: Pexel
