„Ein Land am Rande des Chaos!“

Afrika – ein riesiger Kontinent mit 53 eigenständigen Staaten ist mehrfach so groß wie das westliche Europa. Können wir uns freimachen von Klischeevorstellungen und Vorurteilen, die wir Europäer lange verinnerlicht haben?  Sind die Afrikaner so afrikanisch wie wir sie uns vorstellen? Unsere Redakteurin Oona Mitchell spricht mit ihrer Oma Regina Ney-Wilkens, die das Land bereist hat.

mittelpunkt — Du warst im Dezember 2012 in Liberia, einem afrikanischen Staat von dem erzählt wird, dass die Spuren des Bürgerkrieges noch immer überall sichtbar sind. Was hast Du dort gemacht?

regina ney-wilkens — Ich habe mit einer Freundin ein befreundetes Ehepaar besucht: den derzeitigen Deutschen Botschafter und seine Frau.  Wir wollten mögliche Kontakte nutzen um zu erfahren, wie sich ein Land nach 15 Jahren Bürgerkrieg durch demokratische Wahlen unter einer jetzt weiblichen Präsidentin entwickeln würde und wir hatten gehofft, mit  interessanten Gesprächspartnern und Organisationen in Kontakt zu kommen, was tatsächlich geklappt hat. Liberia ist ein Land, in dem sich kaum Touristen aufhalten, hin und wieder kommen Journalisten. Zur Vorbereitung unserer Reise haben wir diverse Bücher gelesen, aber keine genaue Karte des Landes bekommen. Es war mir noch nie passiert, dass weltweit kein Stadtplan der Hauptstadt zu kaufen war, die unser Reiseziel war.  Über Gründe dafür kann man nur Vermutungen anstellen.

mittelpunkt — Bis auf Äthiopien wurde der  ganze „Kontinent  Afrika“  vorwiegend im 19. Jahrhundert  durch europäische Mächte kolonialisiert, in Liberia hatten jedoch die Amerikaner direkten Einfluss auf die Entwicklung. Wie ist das zu erklären?

regina ney-wilkens — Ja, das ist geschichtlich wirklich anders gewesen und die (Americo-) Liberianer sehen sich seit 1849 als ersten freien Staat Afrikas — würden also eine koloniale Vergangenheit durch die USA bestreiten. Das erklärt sich aus folgender Geschichte: Im Zuge der Aufklärung fand ein Gesinnungswandel in der französischen und der englischen Gesellschaft und in den Vereinigten Staaten statt; Sklaverei und Sklavenhandel wurde als unmoralisch gesehen und deshalb ihre  Abschaffung  vorangetrieben. So gab es bestimmte Kräfte in Amerika und England, die 1817 die ersten freigelassenen Sklaven per Schiff an der Küste des heutigen Liberia absetzten – die meisten starben zunächst an Malaria und Gelbfieber. Es wurde  die Kolonie Liberia (lat. „liber“ = frei) gegründet.

Jedoch hatten nur einzelne Zuwanderer eine Ausbildung oder einen akademischen Abschluss und so fehlte es an Schul- und Fachwissen für den Aufbau von Demokratie und Wirtschaft in der Kolonie. Die „Naivität“ der dort lebenden Eingeborenen war für die Neuankömmlinge rätselhaft und sie wurde schamlos und ohne Skrupel ausgenutzt,  das Land wurde zu Spottpreisen, mit unlauteren Mitteln oder auch mit Gewalt einfach angeeignet.

Es kam zunehmend zu Konflikten und kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen den Americo-Liberianern als Siedler und den vertriebenen Ureinwohnern, die nun ins unentwickelte Hinterland vertrieben wurden. 1835 wurde die Kolonie bei einem Überfall durch die Ureinwohner schwer verwüstet, es gab Tote und Verletzte. Die Americo-Liberianer erhielten Waffenhilfe aus den USA und England.

Die Ureinwohner wurden und werden teilweise bis heute  –  verachtet und diskriminiert, mit Feindseligkeit behandelt und  wurden von jeglicher politischen Willensbildung und Regierungsbeteiligung ausgeschlossen. „Mischehen“ mit der Urbevölkerung waren  verpönt, deutliche Lohnunterschiedliche zwischen Siedlern und Einheimischen waren üblich, einfache Arbeiten wie das Besorgen der Felder,  die zu den Pflichten der ehemaligen Sklaven gehörten,  mussten nun von den Einheimischen  erledigt werden.

Am 26. Juli 1847 erklärte der erste Kongress Liberias die Unabhängigkeit des Landes. Die politische Macht blieb auf Kosten der Ureinwohner in den Händen der aus den USA eingewanderten befreiten Sklaven, die Verfassung orientierte sich an der der USA.  Ein Wahlrecht hatte nur, wer Grundbesitz vorweisen und Steuern zahlten konnte.

In Absprachen unter den Westmächten wurde Liberia also nicht von den Europäern kolonialisiert, sondern verblieb in der kompletten Einflusssphäre der USA.

mittelpunkt — Was waren die wichtigsten Ereignisse in Liberia in den letzten 30 Jahren?

regina ney-wilkens — Wie schon angedeutet, fehlte es an liberianischem Fachpersonal für den Aufbau der Wirtschaft und der Führung eines Staates.

So verwundert es nicht, dass politische Unruhen und Revolten losbrachen. 1980 kam Samuel K. Doe durch einen Militärputsch an die Macht. Er gehörte nicht  den Americo- Liberianern an, wurde dann aber trotz Gewaltherrschaft und Korruption  von den USA unterstützt, die ihre Militär- und  Geheimdienstbasis in Liberia erhalten und diesen Stützpunkt im Ost – West Konflikt nicht räumen wollten. Als es 1985 einen Putschversuch gab, richtete Doe bei den „Gio“ und „Mao“  – also anderen Stämmen, ein Massaker an.

Im Dezember 1989 kam es zum Bürgerkrieg in Liberia, der mit einer kurzen Unterbrechung fast 15 Jahre andauerte. Charles Taylor drang von der benachbarten Elfenbeinküste mit Milizen und „Kindersoldaten“ nach Liberia vor. Er terrorisierte Teile der Bevölkerung und beschaffte sogenannte „Blutdiamanten“, um seine Waffenkäufe zu finanzieren. Später konnte Taylor sich selbst zum Präsidenten ernennen.

Durch Spaltungen von Rebellenbewegungen breitete sich das Kriegsgeschehen im gesamten Land aus. Liberia hat nur etwa 3 ½  Millionen Einwohner, von denen Hunderttausende ermordet wurden, 1 Millionen Menschen waren auf der Flucht in benachbarte Länder oder in der Hauptstadt Monrovia gestrandet. Bis schließlich afrikanische und internationale Staaten sowie die UNO mit massiver Unterstützung einer „Frauenrechtsbewegung für den Frieden“  in Monrovia die verschiedenen Kriegsparteien an den Verhandlungstisch zwangen.

Stellvertretend für die vielen mutigen Frauen dieses Widerstandes – es drohte ihnen ständig die Ermordung durch das Taylor Regime – hat Laymah Gbowee, eine junge Liberianerin, 2011 den Friedensnobelpreis erhalten. Sie war im Oktober 2012 im Rahmen der Veranstaltung: „Nobelpreisträger in Mönchengladbach“  zu einem Vortrag in eurem Rathaus eingeladen.

Charles Taylor wurde im Frühjahr 2012 vom Europäischen Gerichtshof in Den Haag wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit verurteilt. Einige von euch haben sicher davon in den Nachrichten gehört.

Währenddessen hatten einflussreiche und begüterte Leute das Land verlassen und während des Bürgerkrieges – also 15 Jahre lang – gab es keine Schule. Man muss sich vorstellen, dass die gesamte Bevölkerung  etwa  bis zum 30. Lebensjahr ohne Schulbildung geblieben ist. Erst in den letzten Jahren ist mit Hilfe der UNO und anderer Unterstützer wieder so etwas wie „Schule“  entstanden. So hat die Präsidentin Ellen Johnson-Sirleaf kaum Fachkräfte für den Wiederaufbau des Landes, hat jedoch versucht möglichst viele Liberianer und vor allem qualifizierte Liberianerinnen, die im Ausland lebten, für die Regierungsämter zu werben, was ansatzweise auch gelungen ist.

mittelpunkt — Wie ist die jetzige politische und wirtschaftliche Lage in Liberia?

regina ney-wilkens — Die politische und wirtschaftliche Situation im Land ist sehr instabil. Die Kluft zwischen der zum großen Teil wohlhabenden amerika-liberianischen Elite und der armen Land- und Urbevölkerung wird größer. Über 80% der Bevölkerung sind arbeitslos – es gibt keine Sozialsysteme wie bei uns. Reguläre Arbeitsplätze wie auf der Gummiplantage gibt es nur wenige.

In Monrovia sieht man noch deutlich viele durch den Bürgerkrieg zerstörte Häuser. Etliche americo-liberianische Besitzer dieser Grundstücke sind nach dem Bürgerkrieg nicht zurückgekehrt, ihre Grundstücke liegen brach und wurden teilweise durch Vertriebene und Gestrandete aus dem Hinterland besetzt. Einfache Hütten und Slums sind in der Hauptstadt entstanden. Die Menschen scheinen alle vor ihrer Hütte einen Marktstand aufgebaut zu haben. Jeder probiert, irgendetwas zu verkaufen, um zu überleben.

Im Land – auch in der Hauptstadt – gibt es keine Stromerzeugung und -versorgung und man sagte uns, dass dieses auch noch 4 – 5 Jahre dauern könne. Wer es sich leisten kann, hat einen eigenen Stromgenerator vor der Haustür. Und noch immer ist kaum Infrastruktur vorhanden: es gibt kein Trinkwasser und keine Kanalisation, keine geregelte Müllentsorgung, nur wenig ausgebaute  Straßen, keine Bahnlinie und keinen öffentlichen Nahverkehr, kein öffentliches Telefonnetz, keine Post und keinen Briefkasten. Eine Industrieansiedlung erfolgt nicht, weil die Strompreise zu hoch sind und trotz verbesserter Gesetzeslage die Korruption „blüht“.

Die Armut ist allgegenwärtig – auch 10 Jahre nach dem Ende des Bürgerkrieges. Um erneuten Unruhen vorzubeugen, muss Veränderung her.

mittelpunkt — Welche Chancen auf Veränderung hat die Regierung von Ellen Johnson-Sirleaf?

regina ney-wilkens — Bei einer Amtszeit der Präsidentin von 6 Jahren ist E.J.Sirleaf nun in ihrer zweiten Regierungsperiode. Viele Gesetzesentwürfe sind auf „den Weg gebracht“ und auch verabschiedet. Aber  sie hat keine Regierungsmehrheit und viele Senatoren und Abgeordnete besitzen keine Fähigkeiten und auch nicht den Willen, ihr Mandat verantwortungsvoll auszuüben. In der Regierung befinden sich auch einige für den Bürgerkrieg hauptverantwortliche Personen. Auch mit diesen Kräften muss sich die Regierung arrangieren, um das Land nicht erneut ins Chaos zu stürzen.

Und es gibt kein Personal, um die Gesetze auch durchzusetzen. Das Antikorruptionsgesetz ist gut, nur kümmert sich niemand darum.

Trotz der Armutsbekämpfungsstrategie der Regierung mangelt es erheblich an wirtschaftlichen und sozialen Rechten wie z.B. an Beschäftigung, Bildung, Erziehung, Gesundheit und gesundem Wasser. Wie soll man das bewerten, wenn angesichts einer hohen Kriminalität  weiterhin überwiegend Straflosigkeit besteht! Angesichts dieser Entwicklung wäre eine Prognose für die Zukunft reine Spekulation.

mittelpunkt — Wie würdest Du die schulische Situation in Liberia beschreiben?

regina ney-wilkens — Durch den Bürgerkrieg hat praktisch eine Generation lang kein Schulbetrieb stattgefunden. Die Regierung hat zwar einen kostenlosen Grundschulbetrieb zugesagt, praktisch muss jedoch jeder Schulplatz bezahlt werden. Nach der Statistik gibt es in Liberia 53 % Analphabeten – bei Frauen 65 %. Ob im ganzen Land inzwischen der Schulbetrieb wieder aufgenommen ist, konnte uns niemand sagen. Bei den knappen Regierungsbudgets geht die Investition in die Schulbildung fast gegen Null!

Wir haben eine sehr gut ausgestattete private Schule in Monrovia – die „American International School of Monrovia“ – besucht und waren erstaunt über die gute Ausstattung mit Arbeitsmaterialien in den großen klimatisierten Klassen- und Pausenräumen. Die Klassenstärke betrug 7 bis 17 Kinder, wir haben den Unterricht einer Klasse mit 9 Kindern verfolgt, da kann man wirklich gut lernen! Alle diese Kinder werden nach dem Abitur wohl im Ausland – überwiegend in Amerika – ihr Studium aufnehmen.

Die Schule des Waisenheims in Monrovia und eine von uns auf dem Land besuchte Schule bot uns eine andere Wirklichkeit. 33 Kinder befanden sich als Heimkinder dort, 112 sind SchülerInnen von außen. Einmal die Woche kommt für 2 Stunden eine belgische und eine schwedische Lehrerin in eine Klasse – sie haben Bücher und Hefte für ihre Schülerinnen und Schüler organisiert. Sonst gibt es keine Bücher und kein Papier in der Schule. Der übliche Unterricht findet mündlich und auf Tafeln mit Kreide statt. Nur die älteren SchülerInnen haben Tische und Stühle, die ganz Kleinen haben noch nicht einmal einen Sitzplatz, außer dem Lehmboden. Das Schulgelände ist von einer hohen Mauer umzäunt und durch ein eisernes Tor verschlossen. Es gibt zwei Bäume auf dem Gelände, die ein wenig Schatten spenden, die Unterrichtsräume haben keine Fensterscheiben. Jetzt in der Trockenzeit ist es heiß und stickig, es fällt schwer,  sich zu konzentrieren. Allen rinnt der Schweiß am Körper herunter. Zum Schutz vor der Sonne hängen grobe Leinensäcke in den Türen. Es gibt keinen Strom und damit auch keine Klimaanlage, weder in den Schulräumen noch in den beiden winzigen Schlafräumen der Heimkinder. Sie schlafen hier zu zweit in einem Bett – im Raum der Mädchen stehen 5 Etagenbetten – kein Schrank – kein Stuhl – kein Spielzeug. Die „Küche“ ist eine offene Rundung mitten auf dem Schulplatz mit einer Feuerstelle auf dem Boden, zum Kochen oder einnehmen einer Mahlzeit sehen wir keine Tische, keine Stühle. Aber man ist stolz auf den eigenen Trinkwasserbrunnen.

Als wir einige Tage später im Distrikt Grand Cape Mount auf dem Land in Richtung Sierra Leone  eine Schule mit etwa 800 Schülern besuchen, ist unsere Überraschung groß. Die Schule ist viel zu klein für alle Kinder. So gehen morgens die Kleinen und nachmittags die Älteren in die Schule. Es gibt keine Bücher, keine Hefte, keine Stifte, keinen Strom, keinen Kopierer, keinen Computer…..und keinen stromerzeugenden Generator im Dorf, nichts. Der Unterricht findet für die Lehrer als Vorbereitung im Kopf und in der Praxis an der Klassentafel statt. Wir sind völlig erschüttert! Wie kann ein Land  seine Bürger zu vernünftigen Schulabschlüssen und anschließenden Ausbildungen qualifizieren und die eigene Regierung und die Wirtschaft beleben, wenn alle Voraussetzungen dafür nicht da sind!

Später finden wir heraus, dass es seit dem Ende des Bürgerkrieges keine Buchhandlung in Monrovia gibt und wir erfahren nicht, ob es überhaupt im Land eine gibt. Man erzählt uns aber, dass es auch an der Universität in etlichen Fachbereichen kaum oder keine Bücher gibt. Auch deshalb studieren die Wohlhabenden im Ausland – die Studienabschlüsse in Monrovia haben ein niedriges Niveau. Der BA Universitätsabschluss entspricht dem Stand der „9.Klasse“ in Deutschland!

mittelpunkt — Wie sind die Aussichten für die weitere Entwicklung in Liberia?

regina ney-wilkens — Das ist wirklich schwer zu sagen! Ich glaube, dass sich die gesamte Finanz- und Unterstützungspolitik der sogenannten „Geberländer“ grundsätzlich verändern muss. Noch immer erfolgt  die internationale finanzielle Unterstützung überwiegend an die Regierungen der afrikanischen Länder, was in großem Umfang zur persönlichen Bereicherung Einzelner in dunklen Kanälen verschwindet. Als Gegenleistung erhalten die Geberländer für ihre Unternehmen noch immer zu „Spottkonditionen“  Landkauf, Möglichkeiten von Tropenholzexport, beste Bedingungen für Öl-, Gold- oder Diamantengewinnung.  Das ist dauerhafte Korruption auf beiden Seiten und solange das so bleibt, werden afrikanische Staaten zum Aufbau ihrer Infra- und Wirtschaftsstrukturen für die gesamte Bevölkerung nichts gewinnen. Liberia zählt zu den ärmsten Ländern der Welt, trotz seines Reichtums an Rohstoffen. Trotz fruchtbarer Böden ist es von Nahrungsmittelhilfe abhängig.

Ich glaube, dass Bildung und Ausbildung der gesamten Bevölkerung notwendige Voraussetzung für jedwede Entwicklung in Liberia ist und hier jede Anstrengung für die Zukunft gerechtfertigt ist. Natürlich kann Bildung auch nicht den Job garantieren, jedoch ist ohne sie keine Weiterentwicklung und Verbesserung möglich! ×

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