Einmischen – die Mischung muss stimmen!

Der Schulentwicklungsplan 2017 – 2022 für die Sekundarstufe I hat für Aufregung in der Mönchengladbacher Schullandschaft gesorgt. Zur Entscheidung in der Politik steht, mehr Gesamtschulplätze zu schaffen und dafür Hauptschulen in der Stadt zu schließen. Laut Schuldezernent Gert Fischer ist ein Schulneubau wegen fehlender Mittel jedoch nicht möglich. Mehr Gesamtschulplätze können daher nur über Möglichkeit entstehen, die Zügigkeit an den bestehenden Gesamtschulen zu erhöhen (Quelle RP). Wie könnte sich das aber auf die Qualität von Unterricht an Gesamtschulen auswirken?

Als Schülerzeitungsredakteure und Schülervertreter einer Gesamtschule, möchten wir uns mit unseren persönlichen Erfahrungen in die Debatte einmischen. Auf Einladung vom Jochen Klenner hat eine Schülerdelegation der Gesamtschule Hardt den Landtag besucht und den Landtagsabgeordneten um ein Interview gebeten. Das Interview führten Yannick Lange als Schülervertreter und Leonie Roy und Nikolas Proksch aus dem Standpunktteam.

STP: Bildungspolitik ist ein Thema, das uns als Schüler direkt betrifft. Würden Sie der Aussage zustimmen, dass nicht alle Kinder auf dem gleichen Weg zum Ziel gelangen können?

Klenner: Ja auf jeden Fall. Jedes Kind, jeder Mensch ist anders und je nachdem, was jemand kann, sollte man ihn auch fördern, also es darf nicht zu schnell und nicht zu langsam sein.

STP: Laut aktuellen Studien ist in keinem anderen Land der Schulerfolg so stark abhängig von der sozialen und ethnischen Herkunft der Eltern wie in Deutschland. Das verlangt nach einen Schulsystem, das Chancengleichheit bietet. Die Frage ist, ob diese Chancengleichheit mit einem dreigliedrigen Schulsystem umsetzbar ist?

Klenner: Also bei Statistiken, die irgendetwas weltweit darstellen und Deutschland ist sehr weit am Ende, bin ich immer sehr skeptisch. Ich glaube, da ist wirklich vieles, was in Deutschland im Argen liegt, aber da ist auch teilweise Klagen auf einem hohen Niveau. Wir müssen beachten, es gibt weltweit Kinder, die überhaupt keinen Zugang zu Schule haben. Wir erfassen das hier wahrscheinlich genau. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Deutschland das ungerechteste Land ist. Es gibt sicherlich Aufgaben zu machen, ich warne ein bisschen vor der Statistik.

Ein konkretes Beispiel: Mein Sohn wird auch immer älter, der geht nächstes Jahr in die Grundschule. Ich sehe da auch schon im Kindergarten Unterschiede. Es war zum Beispiel Vorlesetag und da merkt man, wo zuhause vorgelesen wird und wo nicht. Wenn sich das also summiert gibt es da schon unterschiedliche Startchancen. Das muss natürlich Schule schaffen, das irgendwie trotzdem hinzukriegen, dass man jeden auch fördert. Ich glaube aber, dass die Schulform damit wenig zu tun hat. Also selbst, wenn man eine Schule hat, eine große Gesamtschule, gibt es dort auch Differenzierung. Darauf kommt es auch immer an, dass die Schule gut ist, dass man es in der Schule schafft zu differenzieren, das kann in einem Gebäude sein.
Aber auch Gesamtschulen in Mönchengladbach sind sehr unterschiedlich – nicht von der Qualität, das kann man nicht sagen – aber von den Möglichkeiten der Abschlüsse und der Zusammensetzung der Schüler. Wir haben auch viele Gesamtschulen, wo gar nicht genug Schüler zusammen kommen, die vielleicht nachher Abitur machen wollen, da wird es natürlich schwer. Aber wir haben jetzt viel über Schulformen und Zeiten gesprochen, aber eigentlich geht es eher um den Inhalt, wie man die Kinder wirklich fördert.

„…wir haben jetzt viel über Schulformen und Zeiten gesprochen, aber eigentlich geht es eher um den Inhalt, wie man die Kinder wirklich fördert.“

STP: Wenn man schon im Alter von zehn Jahren anfängt zu unterteilen und zum Beispiel erkennt, in dem Elternhaus wird vorgelesen und in dem nicht, kann man dann davon sprechen, dass diese Kinder die gleiche Chance haben?

Klenner: Also ehrlich gesagt, die Kinder in dem Beispiel waren drei und das konnte man da schon sehen, man muss also nicht bis zehn warten – das ist leider so. Dann muss man gucken, dass man möglichst schnell hilft, dass im Kindergarten gelesen wird und auch in der Grundschule aufholt wird. Das ist auch keine Bösartigkeit von den Eltern, bei denen keine Zeit ist oder die Bildung auch nicht da ist. Und dann geht es auch nicht darum, ab wann man trennt, sondern man muss schon ab der ersten Klasse sagen, wie kann ich die Schüler fördern, die noch ein bisschen langsamer sind, die noch mehr wissen wollen, schaffe es aber gleichzeitig, bei denen, die schon einiges wissen, dass die auch noch gefordert werden und denen nicht langweilig ist. Das ist genau die Herausforderung zu überlegen, ob das auch langfristig noch so passt mit einem Lehrer vorne.

Das ist natürlich schwer, da müssten echt immer zwei sein, dass man Gruppenarbeit machen könnte, und wenn einer wirklich Hilfe braucht, dass man gucken kann. Ob diese alte Klassenform so zeitgemäß ist, ist eine wichtige Frage, hilft aber aktuell nicht. Wenn man das schon hinterfragt, sollte man das auch richtig machen und das hat dann nichts mit der Schulform zu tun. Was klar ist, ist, dass man später einen Wechsel möglich machen muss, sowohl, wenn man eine Schule nutzen muss, wo es langsamer geht und dass es nicht weiter runtergeht, zum Beispiel, wenn das Gymnasium nicht klappt, auf die Realschule wechselt und dort noch weiter Chancen hat und umgekehrt auch. Es ist natürlich manchmal so, dass manche erst ein bisschen später Lust auf Schule kriegen, das Interesse merken oder es einfach plötzlich besser klappt.

STP: Glauben Sie persönlich also nicht, dass es mit einem bestimmten Schulsystem die individuelle Förderung besonders gut funktioniert?

Klenner: Ein Konzept brauchen wir definitiv, aber nicht eine bestimmte Schulform. Bei meinen Kindern hat das noch ein paar Jahre Zeit. Ich weiß auch nicht, wo sie mal landen werden, das kann man im Kindergarten noch schlecht sagen. Aber da sind eben auch die Eltern gefragt, die Schule auszusuchen, die passt, und ich fand es bisher auch immer gut, dass man eine Auswahlmöglichkeit hat. Früher sollte das Gymnasium auf das Studium vorbereiten, wenn aber natürlich heute jeder aufs Gymnasium geht, dann passt das nicht mehr so ganz, dann muss man da auch andere Dinge machen. Eine Gesamtschule funktioniert eben auch nur, wenn man da eine vernünftige Mischung hat – in Hardt ist das ja so. Das hat auch ein bisschen etwas damit zu tun, dass die Schule auch am Rande der Stadt liegt, und viele, die in Hardt wohnen, auch dort hingehen und wenn man in die Innenstadtschulen guckt, ist auch viel schwerer. Und wenn jemand eine Gymnasialempfehlung hat, werden die Eltern auch das Gymnasium wählen als die Gesamtschulen dort.

„Eine Gesamtschule funktioniert eben auch nur, wenn man da eine vernünftige Mischung hat – in Hardt ist das ja so.“

STP: Die aktuelle PISA-Studie besagt, dass die Unterrichtsqualität für Lernerfolge ausschlaggebend ist. Uns stellt sich daher die Frage, ob sich an XXL-Schulen, die immer größer werden, die individuelle Förderung verbessert, sich verschlechtert der gleich bleibt.

Es kommt leider echt ganz drauf an. Natürlich ist der Vorteil an einer großen Schule, die zum Beispiel vier- oder fünfzügig ist, dass man dort viel besser differenzieren kann. Wenn man also Leistungskurse auswählt, sind die Auswahlmöglichkeiten dort viel größer. Was Fächerauswahl angeht, ist das natürlich schon ein Vorteil. Aber auch, wenn man nach verschiedenen Stufen fördert und das anständig machen will, weil man dann mehr Gruppen hat, die einigermaßen gleich sind. Die Gefahr ist aber natürlich auch, dass das irgendwie untergeht, wenn die Schule so groß ist. Bei kleinen Schulen kennt natürlich jeder jeden. Was man in der Schule schon merkt und dann nachher auch im Berufsleben deutlich wird, ist, dass es nicht so ist, dass die, die die beste Qualifikation haben und am Fleißigsten sind, die meisten Sachen erreichen.

„Die Gefahr ist aber natürlich auch, dass das irgendwie untergeht, wenn die Schule so groß ist.“

In der Schule kommt es auch drauf an, wie sehr mich ein Lehrer begeistern kann. Wichtig ist, dass wir auch Lehrer haben, die das rüberbringen können, also nicht nur fachlich, sondern auch begeistert davon sind, was sie machen. Daher dürfen wir nicht zu sehr auf die fachlichen Dinge gucken – die müssen vernünftig sein – wichtig ist aber auch, dass man in der Klasse Spaß hat und das funktioniert. Das weiß auch jeder, wenn das nicht läuft, hat man keine Lust zu lernen und das kann von so vielen Sachen abhängen.

„In der Schule kommt es auch drauf an, wie sehr mich ein Lehrer begeistern kann. Wichtig ist, dass wir auch Lehrer haben, die das rüberbringen können, also nicht nur fachlich, sondern auch begeistert davon sind, was sie machen.“

STP: Wir empfinden bei uns an der Schule die Anzahl der Schülerinnen und Schüler in einer Stufe als recht positiv und auch die soziale Kompetenz, die sich durch diese „kleine“ Anzahl entwickelt, ist eine gute. Daher betrachten wir die aktuelle Schulentwicklung ein bisschen mit Sorge, die eine Möglichkeit in der Veränderung von der Vier- zur Sechszügigkeit sieht und wir denken, dass diese Persönlichkeit dadurch verloren gehen könnte. Können Sie unsere Sorge nachvollziehen?

Klenner: Ja, ich kann das nachvollziehen, zum Einen mit der Größe, das kann ein Punkt sein. Es gibt aber auch immer mehrere hundert Schüler, denen wir sagen müssen, dass sie leider nicht auf die Gesamtschule gehen können und das sind fast ausschließlich Schüler mit Haupt- oder Realschulempfehlung. Und ich würde sagen, bei jedem der aus Hardt kommt und zur Gesamtschule gehen möchte, würde es mich wundern, wenn er dort keinen Platz bekommt. Jetzt muss man aber auch sagen – Eure Schule hat einen guten Ruf – wenn es Schüler zum Beispiel aus Odenkirchen gibt, die jeden Tag nach Hardt fahren, so funktioniert es eben nicht ganz. Letztendlich ist es so, dass die Diskussion in Mönchengladbach ist, wie man mehr Gesamtschulplätze schafft. Wenn ich ehrlich bin, denke ich nicht, dass wir nicht unbedingt mehr brauchen. Da wir die anderen Schulformen grundsätzlich erhalten wollen, kann man eine andere Schule nehmen. Und wer das ehrlich will, muss sagen, welches Gymnasium er schließt und alles andere ist nicht die wirkliche Wahrheit. Und jetzt war irgendwas, dass man dann Hauptschulen schließt, das löst ja keine Probleme, weil das einfach nur ein Verschieben der Schüler ist und auch dieser Mix auf der Gesamtschule immer schwerer beibehalten werden kann. Am Anfang hat man im Zweifelsfall ganz große Stufen und ist nicht mehr individuell, aber nachher in der Oberstufe hat man dann das Problem, dass man zu wenig Schüler hat und man dann die Kurse nicht richtig hinbekommt. In Hardt hättet Ihr dann das Problem, dass Kooperationen mit anderen Schulen schwer wären, was zum Beispiel Leistungskurse betrifft. Daher muss man dann besonders an Eurer Schule gucken, dass die Mischung da stimmt. Ich glaube eben leider, wenn man da mit irgendwelchen Überzeugungen argumentiert und nicht sachlich, ist es immer schwer, vor allem in der Schulpolitik. Was jetzt wirklich besser ist, weiß ich nicht, das hängt von so vielen Sachen ab, aber man kann auch nicht irgendwelche Sachen zerschlagen, die es gibt, das finde ich schwer.

„…dass man dann Hauptschulen schließt, das löst ja keine Probleme, weil das einfach nur ein Verschieben der Schüler ist und auch dieser Mix auf der Gesamtschule immer schwerer beizubehalten wird.“

STP: Wie sähe Ihre Version für die Schullandschaft in Mönchengladbach aus?

Klenner: Was ich mir wünschen würde, aber von dem ich glaube, dass es nicht nochmal wirklich funktioniert, ist, dass wir vernünftige Hauptschulen hätten, die auf eine Ausbildung vorbereiten, wo auch ein praktischer Anteil drin ist und die auch gutes Personal und Themen haben, die auch wirklich auf den Beruf vorbereiten. Außerdem, dass wir vernünftige Realschulen hätten, bei denen man sagen kann, hier hat man alle Möglichkeiten, in verschiedene Richtungen zu gehen und dann vernünftige Gymnasien und Gesamtschulen. Aber es ist leider so – wir haben jetzt noch sieben Hauptschulen. Jetzt überlegen wir uns schon, drei davon zu schließen. In Krefeld gibt es mittlerweile gar keine mehr. Zunächst mal gehen die Kinder in die nächste Schule, in dem Fall in die Realschule und irgendwann sind alle Schulen zu. Und am Ende gäbe es dann halt nur noch die Gesamtschule. Ich sage nicht, dass ich da ein Problem mit hätte, aber dann müsste ich in der Gesamtschule auch wieder differenzieren. Dann hätten wir eine riesige Gesamtschule in der Innenstadt. Aber wenn wir dann ein Gebäude haben, auf dem Gesamtschule draufsteht, und man muss dann trotzdem nach links gehen, wenn man gymnasiale Inhalte macht, in der Mitte Inhalte der Realschule und an der anderen Seite der Hauptschule, habe ich nichts gewonnen, finde ich. Ich glaube nicht, dass dadurch die Chancengleichheit für die Schüler steigt.

„Und am Ende gäbe es dann halt nur noch die Gesamtschule. Ich sage nicht, dass ich da ein Problem mit hätte, aber dann müsste ich in der Gesamtschule auch wieder differenzieren.“

STP: Dieser Mix wäre dann nicht mehr vorhanden, also dass man von allem etwas hat. Dann hätte man vielleicht einen größeren Teil leistungsschwächere Schüler, die dann nicht mehr auf die Hauptschulen gehen können, weil es die nicht mehr gibt?

Klenner: Die Ausdrucksweise leistungsstärker und leistungsschwächer ist vielleicht nicht politisch korrekt – aber das trifft es doch: Ich finde, man kann an der Hauptschule der beste Schüler sein und an der Gesamtschule besteht die Gefahr, dass ich eine große Schule habe und da differenziere, dann weiß man auch was da droht: dass gesagt wird, das ist die Gruppe der Schüler, die einfach schwächer ist und nicht mitkommt. Das Leben in dem Alter ist manchmal schon recht grausam und offen, da muss man gucken, ob das dann wirklich die beste Lösung ist. Übrigens ähnlich bei dem Thema Inklusion: Bei körperlicher Behinderung ist das überhaupt keine Frage, aber bei anderen Dingen muss man gucken, dass der Unterricht für die Klasse noch läuft, das gehört mit dazu und ob das so schön ist, wenn man immer der Langsamste ist, das würde keinem Spaß machen.

STP: Und was sagen Sie konkret wenn Sie entscheiden müssten für die Situation in Mönchengladbach?

Klenner: Ich glaube, ich hätte den Mut, das auszuhalten, dass eben 200 bis 300 Eltern eben nicht den Wuschplatz für ihr Kind bekommen, den sie gerne haben wollen, solange man genug Haupt-, Realschulen und Gymnasien hat, kann es auf die Schule gehen die für das Kind passend ist. Es geht natürlich nicht, dass jemand auf die Realschule gehen möchte und es dann keinen Platz mehr gibt. Oder beim Gymnasium gibt es keine Plätze mehr und man muss auf die Hauptschule gehen. Also das ist schwer, ich habe selber Kinder und für die möchte man natürlich das Beste oder vermeintlich Beste, aber wenn man genauer nachdenkt, kann man sich fragen, ist es wirklich das Beste, dass mein Kind auf eine riesige Gesamtschule geht?

„…aber wenn man genauer nachdenkt, kann man sich fragen, ist es wirklich das Beste, dass mein Kind auf eine riesige Gesamtschule geht?“

Wenn man sicher sein könnte, dass der entsprechende Mix kommt, dann kann man über alles reden. Wenn man aber sagt, man hat so viel Nachfrage für alle möglichen Schüler der verschiedenen Leistungsstärke, dass man einfach noch eine Klasse ergänzen kann, dann glaube ich, kriegt man das vernünftig hin, wenn man die Schulen vernünftig ausstattet und genug Lehrer hat. Aber es ist ja nicht so, es wären dann meistens Kinder mit Haupt- oder Realschulempfehlung.

Je nachdem, über welche Schulen wir reden – ich will jetzt auch nicht Schulen kaputtreden – kann ich das auch nachvollziehen, je nachdem, wie der Zustand der Schule ist oder wie viele Lehrer da fehlen, aber es bringt auch nichts, wenn sich jeder die einigermaßen guten Schulen aussucht und man bei dem Rest nichts tut.

STP: Was würden Sie Schülern für ihre Zukunft mit auf den Weg geben?

Klenner: Was ich bei der Diskussion über G8 und G9 erlebt habe, ist, dass man sich nicht unter Zeitdruck setzen sollte, weil wir alle noch bis 70 arbeiten. Es ist oft so, dass man Geld verdienen möchte, arbeiten möchte. Das ist auch alles schön, aber es wird immer schwerer, sich danach vielleicht nochmal diese Zeit zu nehmen und wirklich zu merken, was sind meine Interessen. Es ist echt schade, wenn Leute irgendwo in etwas „reinschlittern“, irgendwas Jahrzehnte machen, wobei sie eigentlich denken, ich könnte eigentlich etwas anderes viel besser. Ich finde das übrigens gar nicht so schlecht, dass wenn man mit dem Abitur fertig ist, man erstmal eine Ausbildung macht. Ich meine – klar ist das ein bisschen was anderes – man verdient Geld, es schadet nicht wirklich. Früher war das ganz klassisch, wobei in der Baubranche oder in der Medizin ist das noch recht üblich, dass man etwas Ahnung von der Praxis hat. Wer meint, das Studium bereitet einen supertoll auf einen Job vor, ich weiß aus eigener Erfahrung, beim Radio war eigentlich genau das Gegenteil der Fall, weil das nur labormäßig vorbereitet. Eigentlich kann ich für das Studium grundsätzlich sprechen. Ich bin der Meinung, Lebenspraxis und Erfahrung sind wirklich das Allerwichtigste.
Wichtig ist, dass man sich wirklich die Zeit dafür nimmt, die man braucht. Ich weiß, wie schwer das ist: Man guckt Richtung Abiturklausuren und dann geht es auch schon los mit der Uni und man muss schnell etwas auswählen. Es ist auch die Frage, wenn man sagt, ich faulenze jetzt nur drei Jahre lang, ist das natürlich etwas Anderes als wenn man sagt, ich möchte im Ausland etwas erleben und den Horizont erweitern, das wird später immer schwerer. Wenn man aus dem Job mal für ein Jahr weg will, muss man erstmal gucken, wie man das finanziert bekommt. Ich finde man hat heute durchaus die Zeit, vor allem was Familienplanung angeht, das ist heute ja erst Mitte 30, bis das konkret wird. Das war früher anders.

„Ich bin der Meinung, Lebenspraxis und Erfahrung sind wirklich das Allerwichtigste.
Wichtig ist, dass man sich wirklich die Zeit dafür nimmt, die man braucht.“

Das heißt jetzt nicht, dass man die ganze Zeit Party machen sollte, aber man sollte das auch genießen. Und eine Arbeit, die einem Spaß macht, ist mehr wert, als 200 Euro im Monat mehr Bezahlung. Also wenn man das schafft, etwas zu finden, wo man wirklich Spaß hat, das ist viel wert. Da sollte man lieber ein bisschen warten, bis man den richtigen Beruf gefunden hat. Das kann sich natürlich auch ändern. Ich kenne genug, die mit 40 entschieden haben, ich mache jetzt doch noch was anderes, aber das ist auch schön. Also nicht zu verbissen, aber das Leben auch ernst nehmen.

STP: Herr Klenner, wir bedanken uns für das Interview.

Impressionen vom LandTAG (fotos d.vollmer)

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