IMG_7661

Ist die Zukunft der Klassik grau?

IMG_7661
Foto: Linus Bahun

Betrachtet man die Entwicklung der Publikumszusammensetzung der klassischen Musik, werden seit circa 15 Jahren zwei Trends deutlich: der Markt wird stetig älter und kleiner. Das Konzert verliert als ästhetische und als soziale Institution an Bedeutung. Was liegt der Entscheidung für oder gegen einen Konzertbesuch zugrunde? Und warum entscheidet man sich als junger Mensch immer seltener für die „Ernste“ Musik? Ein Blick in die Entwicklungsgeschichte des Konzertwesens zeigt, dass mit veränderten Darbietungsformen der Krise auf dem klassischen Konzertmarkt entgegengesteuert werden kann. Das heißt: Man muss das Konzert verändern, um es zu erhalten. Denn die Krise der klassischen Musik ist keine Krise der Musik, sondern eine ihrer Aufführungskultur. Die Tonhalle Düsseldorf hat das Problem erkannt. Mit Veranstaltungsreihen in der „Jungen Tonhalle“ wie 3-2-1 IGNITION, Big Bang und JSO & Tonfrequenz aktiviert sie den Nachwuchs ihres Publikums.

Tatsächlich hat sich der Konzertbetrieb seit dem 19. Jahrhundert nicht erneuert. Noch immer treten Solistinnen im Abendkleid, Dirigenten im Frack auf. Das Publikum muss 90 Minuten still sitzen, schweigen, zuhören und niemals zwischen den Akten klatschen. Raus- und reingehen, stehen, liegen, essen, trinken, lachen oder sogar mitsingen sind undenkbar – egal ob im Jahr 1900 oder 2015. Applaus am Schluss – es ist ein viel zu enges Korsett für Erfolg in der Moderne. Es ist kein Problem der Musik, sondern ihrer Darbietungsweise und die Lösung könnte relativ einfach sein: Nicht nur Kleinkinderkonzerte oder Konzerte für Alte, sondern nur eine vielfältige Konzertlandschaft kann klassische Konzert wieder attraktiv machen. Im letzten Jahr hat jeder vierte Über 60 Jährige ein klassisches Konzert besucht, aber nur jeder Zehnte zwischen 18 und 29 Jahren. Das zeigt eine aktuelle Forsa Umfrage der Körber Stiftung.

Junge Menschen werden kaum erreicht

Als Gründe gegen einen Besuch führen die Befragten neben zu wenig Zeit (37 Prozent) und zu hohen Kosten (35 Prozent) an, dass ihnen das Interesse an Konzerten fehlt (35 Prozent). Besonders junge Menschen erreichen die Konzerthäuser nicht: 45 Prozent der Unter-30-Jährigen nehmen deren Werbung nicht wahr – im Gegensatz zu 16 Prozent der Befragten über 60 Jahren. 25 Prozent der Jungen finden die Atmosphäre in Konzerthäusern elitär. 18 Prozent von ihnen stören sich an unverständlichen Inhalten. »Es wird für den Musikbetrieb in Zukunft verstärkt darauf ankommen, wie die Inhalte aufbereitet und präsentiert werden«, folgert Kai Michael Hartig, Leiter des Bereichs Kultur der Körber-Stiftung. »Eine wachsende Rolle spielen charismatische und glaubwürdige Vermittlerpersönlichkeiten, die es verstehen, Schwellenängste abzubauen, Begeisterung auch für komplexe Inhalte zu wecken und für das offene, neugierige Wahrnehmen zu werben.«

Ihr Publikum altere schneller als der Durchschnittsbürger und sterbe schlichtweg aus. Das Ritual des Konzerts komme aus der Mode. Wenn Mittel für kulturelle Bildung gekürzt werden, fehlen Konzerthäusern die Anknüpfungspunkte für ihr Programm. Sie vermeiden das Risiko und beschränken sich zunehmend auf wenige rentable, populäre Klassiker, beschreibt Hartig. »Der Konzertbetrieb der Zukunft braucht aber eine Vielfalt alter und neuer Musik – gerade auch, um neues Publikum anzusprechen. Und sie brauchen Türöffner.« Vielen Konzertbesuchern fällt es schwer, mit komplexen Werken umzugehen, musikalische Eindrücke in Worte zu fassen und sich darüber auszutauschen. »Musikvermittler sind gefragt, die Denkbilder schaffen, zum Hinhören verführen und damit den Konzertbe-suchern neue Erlebnisräume eröffnen«

Foto: Max Zdunek
Foto: Max Zdunek

Die Tonhalle Düsseldorf hat das Problem erkannt. Mit Veranstaltungsreihen in der „Jungen Tonhalle“ wie  3-2-1 IGNITION, Big Bang und JSO & Tonfrequenz aktiviert sie den Nachwuchs ihres Publikums. Erfolgreich wird damit die Vertiefung der Lebenswelten in den drei Hauptangeboten verfolgt: Elektronische Musik in der Reihe Tonfrequenz, selbstmusizierte, lebensnahe Klassik in der Reihe Big Bang und die großen Inszenierung vor großer Leinwand in 3-2-1 Ignition. Dabei sind die fehlenden traditionellen Konzert-Konventionen wohltuend.

Martin Fsicher Tonhalle, Foto Susanne Diesner
Martin Fsicher by Susanne Diesner
Familienmusikfest Tonhalle, Foto Susanne Diesner
Familienmusikfest Tonhalle, Foto Susanne Diesner

Selbst für Kinder von 0 bis 10 Jahren gibt es drei Mal eine Woche geballtes Programm in der „Kleinen Tonhalle“ machen.In dieser Zeit gehört die Tonhalle allein den Kindern, ihren Eltern und Großeltern – ein Angebot bei dem es familienfreundlich, ungezwungen und fröhlich zugeht.

Es fehlt nicht wie in Düsseldorf an neuen Ideen in der klassischen Aufführungspraxis, sondern an Fördergeldern. Momentan werden weniger als zwei Prozent tatsächlich für neue Formen ausgegeben und 98 Prozent für alte Formen aus dem 19. Jahrhundert. Wenn sich die Jugend in 20 Jahren für Klassik begeistern soll, dann muss man die Vielfalt von neuen Aufführungsformen ermöglichen und unterstützen. Ob die Zuhörer in Zukunft dabei stehen, sitzen oder liegen, vielleicht auch vernetzt via Internet im Live-Chat oder mit einem Getränk in der Hand geniessen, bleibt offen.

Derzeit arbeitet die Tonhalle verstärkt im Social Media Bereich. Über twitter, facebook und blogs werden Geschichten und Bilder aus Proben, Konzerten und dem Backstagebereich veröffentlicht. Das Konzerthaus von heute kommuniziert, tauscht sich aus und vermittelt. Interviews mit international bekannten Künstlern, Berichte aus den Orchestern und Gespräche mit Musikern und Mitarbeitern schaffen die Nähe zum Publikum.

IMG_7697

Wer wäre für diesen jungen Medienbereich nicht kompetenter als die junge Zielgruppe selbst. Ein Grund, warum die Tonhalle jedes Jahr eine Freiwilliges Kulturelles Jahr für interessierte Jugendliche und junge Erwachsene ausschreibt. Das Interview mit der derzeitigen FSJ lerin Paula Vollmer, mit der das ClubbingClassic Team einen ganz exklusiven Blick hinter die Kulissen der Tonhalle werfen durften:

Wen es weiter interessiert, schaut einfach mal bei der Tonhalle vorbei: www.tonhalle.de/fsj

Paula Vollmer, FSJ Kultur Tonhalle Düsseldorf
Paula Vollmer, FSJ Kultur Tonhalle Düsseldorf
Etwas Besseres als den Tod findet man immer.

Etwas Besseres als den Tod findet man immer.

Kein Märchen, sondern die Motivation vieler Menschen damals und heute, ihre Heimat zu verlassen. Flucht ist kein neues Phänomen, im Gegenteil. Seit Beginn der Menschheitsgeschichte gibt es stets Verfolgung und Flucht auf der einen und Schutz und Asyl auf der anderen Seite.

Deine Stimme zählt – Politiker stellen sich den Fragen der Schüler

Deine Stimme zählt – Politiker stellen sich den Fragen der Schüler

Zu volle Busse, G8 oder G9, Handyverbot an Schulen, Modernisierung der Schulen vor allem im Zusammenhang mit dem Thema Medien – unter anderem zu diesen Themen mussten am Mittwoch den 30.03.2017 die Spitzenpolitiker Christina Kampmann (SPD), Armin Laschet (CDU), Sylvia Löhrmann (GRÜNE), Christian Lindner (FDP), Özlem Demirel (LINKE) und Patrick Schiffer (PIRATEN) im Apollo Variete…

Fake News oder „alternative Fakten“?

Fake News oder „alternative Fakten“?

Jugendliche sind unpolitisch, gesellschaftlich nicht engagiert und interessieren sich nur für ihre persönliche ‚Work-Life-Balance‘. Sind das Fake News, alternative Fakten, Vorurteile oder was steckt da hinter? Politische Bildung und Aufklärung hilft gegen Verführungen von „alternativen Fakten“. Auch wenn Jugendliche am 14. Mai nicht an die Urnen der Landtagswahl 2017 gehen dürfen, wollen wir wissen, wie engagiert sie sind und wie sie über…

Ist die Welt nur noch Unsinn?

Ist die Welt nur noch Unsinn?

Wir haben die Zeit angehalten und uns eine Minute Zeit für Kunst, Sinn und Unsinn genommen. Angelehnt an Erwin Wurms One Minute Sculptures, haben wir in Sekunden aus Schülerinnen und Schülern eine Sofortskulptur kreiert, die nach fotografischer Dokumentation sofort wieder ins Schulleben entlassen wurde. Noch mehr Minuten Kunst von uns und Infos über den Künstler Erwin Wurm gibt es…

Eine Demokratie wird zum Schafott geführt

Eine Demokratie wird zum Schafott geführt

In der Türkei arbeitet das Parlament akribisch daran, sich selbst und damit die parlamentarische Demokratie abzuschaffen. Staatspräsident Erdoğan lässt die Demokratie zum Schafott führen. Er will die ultimative Legitimation des Volkes für einen Ein-Mann-Staat. Mit der Verfassungsreform könnte sich Präsident Erdoğan die Macht mehr als 30 Jahre sichern. 

Ist Europa nicht mehr ‚cool’?

Ist Europa nicht mehr ‚cool’?

Als man am 1. Januar 2002 ein erstes und letztes Mal mit D-Mark und Euro bezahlen konnte, war auch im hintersten Winkel Deutschlands das Thema Europa angekommen. Vor 15 Jahren haben sich Jugendliche in Deutschland noch eher als Europäer, und weniger als Deutsche beschrieben. Die heutigen Jugendlichen haben eine ganz andere Einstellung zu Europa.

Postfaktisch: Risiko ‚Wahrnehmung‘

Postfaktisch: Risiko ‚Wahrnehmung‘

In Zeiten eines baldigen US-Präsidenten Donald Trump, eines Ausstieges Großbritanniens aus der EU – dem „Brexit“ – und des weiteren Aufstieges unheimlicher Geister in aller Welt kann einem schon flau im Magen werden. Auch beim Journalistentag 2016 des Deutschen Journalisten Verbandes (DJV) NRW im Duisburger Landschaftspark Nord herrschte dieser Tenor: Der Vorsitzende Frank Stach eröffnete…

Ein Tag der Spaltung

Ein Tag der Spaltung

Die Wahlnacht ist das herbe Ende eines zermürbenden Wahlkampfes. Es wäre nicht übertrieben, den Tag als eine tiefe Zäsur für die Welt zu beschreiben. Damit ist auch der 9. November um ein historisches Datum reicher. Heute vor 27 Jahren fiel die Mauer in Berlin. Hoffnung und Erleichterung verbinden sich mit dem Tag, an dem sich…

Ho Chi Minh lässt grüßen

Ho Chi Minh lässt grüßen

Vietnam ist ein Land voller Kontraste. Zwar wehen noch die roten Fahnen aber der Übergang von Marx zu Money ist nicht zu übersehen. Einstige Schlachtfelder der Revolutionen und Kriege sind zu touristischen Schauplätzen geworden. Vietnam und Kambodscha zählt zu den spannendsten Regionen Asiens, die es neu zu entdecken lohnt. Beeindruckend sind die Zeugnisse großer Kulturen, die…

Russlands Jugend im Wandel der Zeit

Russlands Jugend im Wandel der Zeit

Jugendliche in Russland kennen die Sowjetära nur noch aus Erzählungen. Die heutige Generation ist geboren in einer Zeit des Umbruchs. Die 90er Jahre unter dem ersten demokratischen Präsidenten Boris Jelzin brachten viel Veränderung und einige offene Fragen. Was macht Russland im 21. Jahrhundert aus? Welche Werte prägen die Gesellschaft der aktuellen Putin-Ära?

Flüchtlinge im Klassenraum – Gelingt eine Inklusion?

Flüchtlinge im Klassenraum – Gelingt eine Inklusion?

Die wachsende Zahl von Zuwanderern aus Kriegsgebieten wie Syrien oder dem Irak haben die deutsche Gesellschaft spätestens seit dem massiven Anstieg im Spätsommer 2015 vor eine gewaltige Herausforderung gestellt. 441.899 Erstanträge zählt das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) für 2015, bis zum August 2016 kommen weitere 564.506 dazu. Der Flüchtlingszuzug fordert die Deutschen in…

Credits auf Kredit?

Credits auf Kredit?

Die Hausarbeit gegen Bezahlung? Das Geschäft mit den arbeitsaufwändigen studentischen Leistungsnachweisen ist nicht neu. Sogenannte Ghostwriter sind nicht nur in der Literaturszene oder Politik unterwegs, sie werden auch immer öfters von Studenten in Anspruch genommen. Ist eine fremd geschriebene Hausarbeit überhaupt legal? Kann sich da nicht jeder seine Studienleistung erkaufen, der zwar nicht studierfähig ist, aber genug Geld hat? Was…

standpunkt magazin zum download

standpunkt magazin zum download

Willkommen im standpunkt Magazin! In der diesjährigen Standpunkt Ausgabe präsentieren wir auf 144 Seiten einen dreidimensionalen Raum, der Platz für junges Denken schafft. 9qm Ausstellungsfläche für kulturelle und gesellschaftliche Themen — 9qm zum Kritisieren, Philosophieren und Entdecken. Unser Raum ist virtuell aber nicht zwangsläufig digital.

Habt Ihr schon zugestimmt?

Habt Ihr schon zugestimmt?

Und den Button bei den neuen Nutzungsbedingungen von Whatsapp gedrückt oder doch noch beim Runterscrollen des Kleingedruckten gezögert? Wir haben für Euch mal das Kleingeschriebene GROSS geschrieben: „Damit wir unsere Dienste betreiben und bereitstellen können, gewährst du WhatsApp eine weltweite, nichtexklusive, gebührenfreie, unterlizenzierbare und übertragbare Lizenz zur Nutzung, Reproduktion, Verbreitung, Erstellung abgeleiteter Werke, Darstellung und Aufführung der Informationen (einschließlich der Inhalte), die du auf bzw. über…

„Ich lese keine Comics. Das sind Graphic Novels“

„Ich lese keine Comics. Das sind Graphic Novels“

In den Feuilletons deutscher Zeitungen sind Graphic Novels mittlerweile unverzichtbar und auch die großen Verlagen haben sie für sich entdeckt. standpunkt empfiehlt Grafic Novels als Lektüre – nicht nur für den Strand!