„Keine Techno-Party im Schickimicki-Hotel!“

Eine Hotellobby in einem 4-Stern-Laden in Berlin. Hier treffen wir Korbinian Groll, seines Zeichens DJ, Musikunternehmer und Hornist. Die Location ist so unpassend wie nur irgend möglich: kreativ, innovativ und querdenkend (wozu wir uns selber jetzt auch mal zählen) trifft auf bieder, klassisch und konservativ. In diesem interessanten Spannungsfeld spricht standpunkt-Redakteurin Maren Wagemanns mit dem DJ über inspirierende Konzerte, Musik-Brieselung und die Vorteile von CDs und Vinyl.

standpunkt: Hallo Korbinian, noch mal Danke, dafür dass wir dich in Berlin treffen dürfen. Was macht für dich ein gutes Konzert aus?

Nach einem guten Konzert möchte ich auf jeden Fall um eine Erfahrung reicher sein. Durch die Musik möchte ich Emotionen wahrnehmen.

standpunkt: Erzähl mal, was machst du gerade in der Stadt?

Korbinian Groll: Zur Zeit mache ich eine Ausbildung zum Kaufmann für audiovisuelle Medien bei einer Booking-Agentur.

standpunkt: Wie bist Du zur klassischen Musik gekommen?

Korbinian Groll: Durch meine Eltern, die haben mich auf diesen Pfad gesetzt. Mit sechs Jahren habe ich angefangen Geige zu spielen, dann habe ich Horn gespielt. Das waren so die Anfänge.

standpunkt: Heute hast du sowohl Berührungspunkte mit der klassischen Musik als auch mit anderen Musik-Genres. Worin siehst du das Problem, dass so wenig junge Menschen klassische Konzerte besuchen?

Korbinian Groll: Die Vermittlung der Events ist ein Problem. Jugendliche die mit Klassik sonst wenig zu tun haben können mit Künstler, Stück und Komponist auf dem Plakat wenig anfangen. Vielleicht sollte man von Anfang an mehr Klassik vermitteln, zum Beispiel an den Schulen.

standpunkt: Du bist ja auch beruflich in der Musikbranche unterwegs, wie sieht dein Alltag hier in Berlin aus?

Stressig! (lacht) Ich stehe früh auf, bin dann von 10 bis 19 Uhr im Büro und versuche natürlich aus selber nebenher noch Musik zu machen. Am Wochenende gehe ich raus zum feiern und um Connections zu schließen. Das ist gerade in dieser Branche total wichtig. Und zwischendurch geht’s in den Plattenladen.

standpunkt: Was sind deine Wunschvorstellungen für die Zukunft?

Ich möchte vieles von dem mitnehmen, was ich jetzt in der Booking-Agentur lerne. Ich will aber auch selber als Künstler arbeiten, also als DJ. Eine Kombination wäre gut. Viele fangen so an, machen also einen Job und starten nebenbei als DJ und irgendwann können sie dann davon leben. Ich hoffe, dass ich den gleichen Weg gehen kann.

standpunkt: Das wünschen wir dir! Du arbeitest ja viel als DJ, wer hatte da den größten Einfluss auf dich?

Ein sehr guter Freund von mir. Früher hatte ich mit elektronischer Musik wenig am Hut. Von ihm habe ich dann den ersten Techno-Track zu hören bekommen. Da war ich total hin und weg von den neuen Sounds. Mir hat sich da eine neue Welt eröffnet! Das hat sofort mein Interesse geweckt weil ich vorher schon viele Musikrichtungen untersucht hatte aber hier gemerkt habe: das ist was ganz neues, das gab’s noch nie. Jeder kann eine Gitarre in die Hand nehmen und irgendwas spielen, irgendwie gab es alles schon einmal. Das habe ich früher auch gemerkt, als ich selber in einer Band gespielt habe. In der elektronischen Musik ist das viel experimenteller. Das macht viel für mich aus.

standpunkt: Hast du ein Idol in der Szene? Wer inspiriert dich?

Ich würde eher sagen, der mir imponiert. Da gibt es zum Beispiel Jeff Mills, ein totaler Pionier in der Szene, der macht total interessante Sachen.

standpunkt: Wir haben schon darüber gesprochen, dass sich in der Musik viel wiederholt. Was erklärt deinen Stil besonders?

Techno generell ist sehr weit gefächert. Und in der elektronischen Musik gibt es ja nicht nur Techno, sondern auch House, Deep House und so weiter, aber Techno finde ich spannend weil ich auf die Anfänge stehe, auf diese Wave-Generation. Aber auch neue Sachen die produziert werden finde ich spannend.

standpunkt: Was ist für dich das beste am DJing?

Die Kommunikation mit Leuten ohne Sprache. Man kann Teil einer Party sein, von dieser leicht abgelegenen Position aus und trotzdem per Musik mit den Leuten kommunizieren und ein Feedback bekommen.

standpunkt: Wie glaubst du wird sich das DJing in der Zukunft verändern?

Gute Frage! Es kommt auf die Musikrichtung und die Künstler an. Viele testen neue Technologien, probieren aber auch viel in Richtung „Live“  aus weil dieses DJ-Ding für viele auch ein bisschen ausgelutscht wirkt. Die Entwicklung ist spannend. Vielen wird es durch die digitale Sparte aber auch zu leicht gemacht. Jeder kann sich mit einem Laptop hinsetzen, etwas zusammenwischen und am Ende weiß niemand: hat er sich jetzt etwas dabei gedacht oder nicht?

standpunkt: Und was wird sich bei der elektrischen Musik verändern?

Da sehe ich viel in Richtung cross-over. Durch einen Kollegen habe ich eine Gruppe kennengelernt, die arabische Folklore mit elektronischer Musik verbinden. Das ist total experimentell, total neu und spannend.

standpunkt: Lass uns über Musik-Streaming sprechen. Du magst CDs. Aber wie siehst du in Zeiten von Spotify und Co die Zukunft des Musikmarktes?

Uff, schwierige Frage. Ich weiss nicht, wie sich das Kaufverhalten der Menschen entwickelt. Fakt ist, dass Musik viel leichter zugänglich geworden ist. Prinzipiell kann ja heute auch jeder mit Controller und Synthesizer selber Musik im Schlafzimmer produzieren, gerade elektronische Musik. Das ist dann sofort global verfügbar. Von der Idee kommt auch das der Idee dieser Streaming-Portale nah. Ich halte da ehrlich gesagt wenig von, weil das oft mit Werbung verbunden ist und man durch Vorschläge vorgegeben bekommt was man hört. Ich will selber entscheiden und auch selber nach Musik suchen damit ich mir eine eigene Meinung bilden kann – also keine ständige Berieselung.

standpunkt: Stimmt, viele schauen auch einfach nur darauf was „in“ ist.

Ja, und da sehe ich dieses Problem der Schnelllebigkeit. Viele lassen sich nur berieseln und hören gar nicht mehr bewusst zu. Das gilt auch nicht nur für elektronische Musik. Diese Idee „Das Lied finde ich super, ich gehe auf YouTube und poste es dann auf Facebook“ – im Endeffekt bereichert mich das doch nicht. Eine Platte lädt ja auch zur Auseinandersetzung mit der Band ein … wenn Musik nur einem Mausklick entfernt ist, ist das viel schwieriger.

standpunkt: Das Erleben ist dir also wichtig. Was macht dann für dich ein gutes Live-Konzert aus?

Der Künstler auf jeden Fall – klare Sache. Die Inszenierung muss stimmen, gerade bei elektronischer Musik wird viel mit Licht-Show und Visuals gearbeitet. Und die Location ist wichtig: in einem Schickimicki-Hotel kann ich keine Techno-Party abhalten.

standpunkt: In deinem Job organisierst du ja auch Künstler, die durch die ganze Welt touren. Wo sind zur Zeit die Hotspots?

New York – obwohl ich selber noch nie da war. Dann aber auch Rom, Barcelona, Mexiko … da müssen alle der Szene zu den Festivals und Events hin.

standpunkt: Korbinian, danke für dieses Gespräch!

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