Sprecht miteinander, besucht euch gegenseitig!

Eva Mala lebt seit zwei Jahren in Russland, stammt aus Tschechien, gibt Sprachunterricht und interessiert sich für Politik. Als in Russland die Einfuhr von Obst, Gemüse, Fleisch- und Milchprodukten aus Europa verboten wurde, fing sie an auf Facebook zu dokumentieren, was sie isst (standpunkt berichtete). Wie verändern sich die Menschen in einem Land, wenn sie keinen italienischen Käse, französischen Wein und polnische Äpfel essen können? Wir haben uns mit Eva ausgetauscht.

STATEMENTS
☛ „Ich liebe Essen!“
☛ „Die russischen Medien sehen alles durch ihre rosarote Brille.“
☛ „Ich hatte das Gefühl, dass es meine Aufgabe war für klare Verhältnisse zu sorgen.“
☛ „Umso weniger Geld jemand hat, umso weniger gebildet jemand ist und umso weniger jemand gereist ist desto eher stimmt er der russischen Staatspolitik zu.“

Hey Eva! Was hattest du heute zum Mittag?

Alles, was ich esse, kannst du auf meiner Facebook-Seite sehen, das gehört ja zu meiner Arbeit. Da könntest du sehen, dass ich seit einiger Zeit kein Mittag mehr esse. Und nein, das gehört nicht zu einer komischen Diät, die ich mache. Ich liebe Essen! Nur die Motivation etwas zu essen ist ziemlich niedrig. Anstatt also meine Zeit mit Kochen und Essen zu verbringen, investiere ich sie lieber in andere Dinge wie meinen Job, das Projekt meines Freundes, das sich mit kommunistischer Kunst und Architektur beschäftigt, dem Studium der russischen Sprache und dem Schreiben von Artikeln für eine tschechische Zeitung. Jep, ich habe viel zu tun.

Eva Mala schreibt auf Facebook über das Lebensmittel-Embargo in Russland.

Was genau machst du auf deiner Facebook Seite? Worum geht’s bei dem Projekt?

Mein Projekt „365 Days of Russian Ban on Food“ besteht aus drei Arten von Posts. Die erste habe ich schon erwähnt: ich dokumentiere, was ich esse. Da sieht man, wie sich meine Ernährung während des „Ban on Food“ verändert. Die zweite Schicht sind Fotoreportagen aus verschiedenen Geschäften, Supermärkten, Märkten, Restaurants und Bars. So bekommen meine Leser eine realistische Vorstellung von Russland und wie die Dinge hier laufen, wie viel das Essen kostet, was man kaufen kann und was nicht und welches Qualitätsniveau die Waren so haben. Und drittens führe ich dann noch Interviews mit Menschen die hier leben. Das ist wichtig, denn es erweitert meine Sicht um mehrere Meinungen, damit meine Leser verschiedene Meinungen präsentiert bekommen.

In dem ehemaligen Fleisch-Regal ist jetzt Wodka zu finden, nach dem Embargo in Russland.

Wie wie bist du zu dem Projekt gekommen? Gab es eine besondere „Inspiration“?

Für die Entwicklung der politischen Situation in Russland habe ich mich immer sehr interessiert, auch schon, bevor der „Ban on Food“ kam. Dabei lese ich sowohl westliche als auch russische Medien uns muss sagen: Mit beiden bin ich nicht einverstanden. Zum Teil bin ich über Berichte der westlichen Medien gestolpert, die über Ereignisse hier in Russland berichtet haben, ohne dass sie selber vor Ort waren. Für Genauigkeit ist das tödlich! Gleichzeitig sehen die russischen Medien alles durch ihre rosarote Brille. Als das Verbot kam, konnte ich also nicht einfach dasitzen und nichts tun. Ich hatte das Gefühl, dass es meine Aufgabe war für klare Verhältnisse zu sorgen.

Hat sich der Gang durch den Supermarkt verändert, seitdem es den „Ban on Food“ gibt?

Das zu verallgemeinert ist nicht leicht, denn fast alles wird hier in drei Gruppen geteilt. Die ganze Gesellschaft folgt diesem Trend. Man kann immer noch drei soziale Klassen finden: viele Menschen der Unterschicht, eine kleine Mittelschicht und wenige Reiche. Sehr arme Menschen gehen bei Discountern einkaufen oder bauen eigene Lebensmittel Zuhause an, die Mittelklasse geht in normalen Läden einkaufen und kann herumfahren und die reichen kaufen in teuren Supermärkten ein. Was man in allen Läden sehen kann, sind steigende Preise (vor allen Dingen bei Obst und Gemüse), eine schlechtere Qualität (Milch, Fleisch, usw.) und eine kleinere Auswahl an Produkten (zum Beispiel Milchprodukte).

Wer glaubst du ließt deine Facebook-Seite? Menschen aus Russland und Europa?

Ich kann euch einen Einblick in meine Statistiken geben: Die Hälfte meiner Leser kommt auch Tschechien — klar, da komme ich her. Fast ein Viertel sind Menschen aus Deutschland und der Rest verteilt sich auf Menschen, die zwischen Russland und der Slovakei leben. Mein Projekt mache ich ja auf Facebook, weil ich nicht von irgendjemandem kontrolliert werden möchte oder mich irgendeinem Gesetz unterstellen will. Als Bloggerin hätte ich Probleme, wenn mir mehr als 3000 Menschen folgen. Mir folgen nicht so viele Russen, weil Facebook in Russland nicht so populär ist. Hier findet mehr auf Vkontakte statt.

Was denken die Russen über den „Ban on Food“?

Auch hier kommt es darauf an, mit wem man spricht. Meiner Meinung nach kann man aber folgendes Muster finden: umso weniger Geld jemand hat, umso weniger gebildet jemand ist und umso weniger jemand gereist ist desto eher stimmt er der russischen Staatspolitik zu.

Ganz oben auf deiner Facebook Seite ist ein großes Foto von Wladimir Putin angebracht, der eine Waffe in den Händen hält. Möchtest du erzählen, warum du gerade dieses Foto ausgewählt hast?

Na klar! Im Kontext meiner Seite hat dieses Foto mehrerer Bedeutungen. Erstens: Kein Mensch kann in Land besser repräsentieren als der Präsident. Zweitens: Wenn Nahrungsmittel aus anderen Ländern verboten sind muss du am Ende vielleicht in den Wald gehen und dir dein Abendessen selber jagen. Und drittens spreche ich über sehr ernsthafte Themen, da kann ein bisschen Humor nicht schaden.

Ich denke, wenn es um die Beziehung zwischen Russland und Europa geht, gibt es sehr viele Vorurteile — auf beiden Seiten. Was denkst du?

Das sehe ich genau so und genau das ist der Grund, warum ich Leuten auf beiden Seiten sage, dass sie sich gegenseitig besuchen sollen. Meiner Meinung nach ist es wichtig, sich im Interesse der zukünftigen Generationen zu verstehen und nicht nur vor dem Fernseher zu sitzen, sich mit Freunden über ein Thema auszulassen, in der Kneipe zu sitzen und über Dinge zu sprechen, die man selber nie erlebt hat.

Frauen stehen in Russland nach dem Embargo für Milch an.

Was denkst du ist der beste Weg sich über die momentane Situation zu informieren? Ich denke, dass die Medien auf beiden Seiten beeinflusst sind. Woher beziehst du deine Informationen?

Am besten finde ich die Berichterstattung der Moskau-Times und von Reuters, weil die Leute auf den Straßen in Russland haben und keine eigene politische Haltung verfolgen. Dazu lese ich viele andere, auch russische, Medien aber ihre Berichte passen oft nicht zur Realität.

Es gibt Menschen, die sagen, dass das Essen der beste Weg ist, ein Land kennenzulernen. Verrätst du uns ein russisches Rezept?

Die russische Küche wird nicht so gefeiert wie die vieler anderer Länder. Und weil ich schon seit zwei Jahren hier lebe, kann ich sagen: Das ist nicht grundlos der Fall. Die meisten Gerichte sind nicht gut gewürzt, schwimmen in Mayo und/oder werden kräftig in Dill geschwenkt. Oder aber sie sind extrem süß, wovon ich kein großer Fan bin. Die Hausmannskost ist sehr einfach, Fleisch, Karotten und Zwiebeln sind fast überall drin. Also nichts, worüber man schreiben müsste. Essen, von dem man sagt, dass es typisch russisch wäre, es aber gar nicht ist, schmecken gut (Shashlik aus der Türkei, Pelemeni aus China, Borscht aus der Ukraine). Das Beste was man hier kriegen kann ist Georgisch (oh Gott, du musst Khachapuri probieren), Usbekisch (es gibt kaum etwas Besseres als gut zubereitete Plov oder diese Taschen mit verschiedenen Füllungen) und japanisches Essen (Russen lieben japanische Küche, die echt gut ist, wenn man einige russische Interpretationen der Gerichte vermeidet).

Vielen Dank, dass du dir Zeit genommen hast unsere Fragen zu beantworten.

Alle Fotos auf dieser Seite stammen von Evas Facebook-Seite.

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