Übersiedler – oder Flüchtling im eigenen Land?

IMG_3463Nach Angaben der Vereinten Nationen sind derzeit mehr als 65 Millionen Menschen weltweit auf der Flucht. Die Medien berichten oft nur über die Flüchtligskrise in Westeuropa. Dabei zählt der Flüchtlingsstrom in der Ukraine zu den gewaltigsten in Europa seit dem Jugoslawienkrieg. Ein junges trinationales Team beschäftigt sich gerade in einem Dokumentarfilmworkshop in Riwne (Ukraine) mit der Thema der militärischen Auseinandersetzung im Donbass und die damit verbundenen Binnenflüchtlinge.

Mehr als 2,4 Millionen Menschen haben nach Angaben des ukrainischen Sozialministeriums ihre Heimat verlassen und sind vor dem Konflikt im Osten des Landes und der Annexion der Krim aus ihrer Heimat geflohen. Einige haben Asyl in der EU (43.800) beantragt bzw. sind nach Polen, Weißrussland (126.400) oder Russland (911.600) geflohen, doch fast 1,65 Millionen von ihnen suchen Schutz in der Ukraine. (Quelle: Ministry of Social Policy of Ukraine 1/2017, UNO 08/2015, EU 12/2016)

Im Rahmen des trinationalen Dokumentarfilmprojektes, setzen sich jeweils sieben Schülerinnen und Schüler der teilnehmenden Länder filmisch mit dem Thema „Flüchtlinge – damals und heute“ auseinander.

Lea Szukalla und Max Bohmer aus der Gesamtschule Hardt gehören zum Team und sind vom 23. bis 30. April in der Ukraine am Lyzeum Nr. 12 und am geisteswissenschaftlichen Gymnasium von Riwne und sprechen mit Zeitzeugen und Geflüchteten unterschiedlicher Generationen. Betreut und gecoacht wird das junge 21-köpfige trinationale Team von Referenten und Projektleitern „Schulen: Partner der Zukunft“ des Goethe-Institutes, Regisseurinnen von Glocal Films und vom künstlerischen Leiter des „Theatre of displaced people“. (Details zum Programm am Beitragsende)

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Hintergrundinformationen zur ukrainischen Flüchtlingspolitik durch Experten-Interviews

In der Vorbereitung auf die Filminterviews wurden die jungen Filmemacher über die Hintergründe zur aktuellen politischen und gesellschaftlichen Lage in der Ukraine aufgeklärt. In Begegnungen werden persönliche Geschichten während der Unruhen auf dem Maidan erzählt. Wie ein junger Ukrainer den Winter 2013/14, in dem unvorstellbare Gewalt, große Angst und viel Mut aufeinander trafen, den unvergleichbaren Zusammenhalt der Bevölkerung und die große Hilfsbereitschaft erlebte. Und wie die ‚Revolution der Würde’ – ein Aufbegehren gegen Korruption und Lüge – nach der Flucht und Abwahl des Präsidenten gefeiert wurde.

Protests continue in Kiev at Euromaidan, December 29, 2013. In the foreground, a red-and-black flag of the Stepan Bandera All-Ukrainian Organization ″Tryzub″ can be seen. (by Maksymenko, Aleksandr)
Protests continue in Kiev at Euromaidan, December 29, 2013. In the foreground, a red-and-black flag of the Stepan Bandera All-Ukrainian Organization ″Tryzub″ can be seen. (by Maksymenko, Aleksandr)

Mit der Krim Krise entflammten die Aufstände erneut und es bildeten sich freiwillige Armeeeinheiten, denen sich der junge Ukrainer auch anschloss und dort den Sanitätsdienst unterstützte. Während dieser Zeit litten viele von ihnen unter Hunger und Entbehrung. Vieles haben diese kriegerischen Auseinandersetzungen zerstört: Menschenleben, Familien, Existenzen und Heimat. Den Heimatlosen und Geflüchteten bleibt nur die Hoffnung auf den Frieden und eine neue Perspektive (Chronologie der Ukrainekrise).

In der ukrainischen Stadt Riwne unterstützt die NGO Organisation „Ukrayina nasha sim’ya“ Flüchtlinge. Viele Menschen seien traumatisiert, erzählen die Leiterinnen der Organisation in den vorbereitenden Gesprächen auf die Experten-Interviews. Man versuche, die Zugezogenen zu aktivieren, damit sie sich gar nicht erst in ihr Flüchtlingsschicksal zurückziehen können.

Durch die dramatische Wirtschaftslage in der Ukraine suchen viele eine neue Perspektive in der EU.

Infolge des Krieges im Donbass hat sich die Wirtschaftslage in der Ukraine auch außerhalb der Kampfzone dramatisch verschlechtert. Nicht nur Flüchtlinge, sondern auch hunderttausende Ukrainer sind auf der Suche nach einer neuen Perspektive in der Europäischen Union.

Fast eine Million ukrainische Flüchtlinge leben in Russland. Die Verbindungen der beiden Länder sind eng, es gibt kaum eine russische Familie ohne Verwandte in der Ukraine und umgekehrt. Der Krieg im Donbass und die Krim-Annexion haben nicht nur der Wirtschaft geschadet, sondern auch viele Familien zerstört. Viele Ukrainer aus dem Osten mussten sich entscheiden, ob sie in den selbsternannten Volksrepubliken Luhansk und Donezk bleiben, oder innerhalb der Ukraine oder zu Verwandten nach Russland ziehen wollen. Die Binnenflüchtlinge heißen in der Ukraine offiziell „Peresilenzy“ (Übersiedler).

Die Bezeichnung „Flüchtling“ ist in der Ukraine umstritten.

Die Regierung der Ukraine bezeichnet ihren Einsatz als anti-terroristische Operation und nicht als Krieg, weil es keine Kriegserklärung gibt. Flüchtlinge sind nach der Genfer Konvention diejenigen, die verfolgt werden oder vor Kriegs- und Konfliktsituationen fliehen. Die „Peresilenzy“ in der Ukraine entsprechen dieser Definition und haben daher eigentlich einen Flüchtlingsstatus. Die Bezeichnung „Flüchtling“ ist in der Ukraine jedoch nicht unumstritten, denn damit würde man – entgegen der Regierungslinie – anerkennen, dass eine Kriegssituation vorliegt.

Auch in der Berichterstattung scheint bei diesem Thema die Intension der Regierung eine große Rolle zu spielen. Sonst wäre kaum zu erklären, warum die „Binnenflüchtlinge“ kaum Erwähnung finden.

Flüchtlingsorganisationen fordern weniger Diskriminierung von „Binnenflüchtlingen“

Vertreter von Flüchtlingsinitiativen appellieren an die Medien, endlich über die Flüchtlingssituation zu berichten. Sie bedauern es, dass die „Binnenflüchtlinge“, wenn sie überhaupt Erwähnung finden, vor allem im Zusammenhang mit der gestiegenen Kriminalitätsrate thematisiert werden. Die Flüchtlingshelfer wünschen sich endlich auch einmal positive Berichterstattung. Sie fordern ein Wahlrecht, ein Ende der Diskriminierungen und finanzielle Zuwendungen. Integration im eigenen Land muss mehr Wert sein als monatlich gerade mal 15 Euro, die ein arbeitsfähiger allein stehender Binnenflüchtling an Unterstützung bekommt. Das ist auch in der Ukraine viel zu wenig, um zu überleben.

Lyzeum Nr.12 in Riwne
Lyzeum Nr.12 in Riwne

Die Geschichte des Landes kennen und aktuelle Probleme verstehen

Das trinationale Filmprojekt wird bei dem ersten Treffen in der Ukraine also nicht nur die Flüchtlingssituationen aus der gemeinsamen Geschichte von Ukrainern, Polen und Deutschen, sondern auch die aktuelle Flüchtlingslage in der Ukraine beleuchten und daraus Themen für zwei Dokumentarfilme entwickeln. Bis zum fertigen Film gibt es aber in den Workshops noch viel zu tun:

Auf dem Programm stehen am ersten Tag neben dem Kennenlernen der Technik (Kamera + Ton) praktische Übungen wie gefilmte Interviewrunden, bei denen mit Bildausschnitten und natürlichem Licht die Herausforderungen sein werden. In einer weitere filmischen Aufgabenstellung zum Thema ‚Begrenzungen, Eingrenzung und Ausgrenzung‘ werden Kenntnisse zum Bildaufbau und Narrativ vermittelt.

Am Ende des Tages findet in einem Brainstorming mit allen Teilnehmern eine inhaltliche Auseinandersetzung mit der Flüchtlingsthematik statt. Außerdem wird der technische Aufbau der Experten-Interviews für den zweiten Tag festgelegt.

Der zweite Tag beginnt mit einer inhaltlichen Vorbereitung auf die Experteninterviews: Die ukrainische Flüchtlingspolitik – Einführung und Betrachtungen aus der historischen und gegenwärtigen Perspektive (Historisch: Das Massaker von Wothnyien und seine Folgen auf die Flüchtlingsströme nach Polen; gegenwärtig: Die militärische Auseinandersetzung im Donbass und die damit verbundenen Binnenflüchtlinge).

Im Anschluss werden die vorbereiteten Interviews mit den Experten gefilmt und hieraus können sich auch die beiden geplanten Filmthemen entwickeln.IMG_3465

Lea mit einigen ihrer Teamkolleginnen
Lea mit einigen ihrer Teamkolleginnen
Geisteswissenschaftlichen Gymnasium von Riwne
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Ein Team bei der Textarbeit zur Filmeinleitung
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