Nur ein Haken

Der folgende Beitrag entsteht in Kooperation mit dem fluter und wird unter der Creative-Commons-Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE erneut veröffentlicht. Er richtet den Blick auf eine Perspektive, die in der Berichterstattung über internationale Konflikte oft nur am Rand vorkommt: den Alltag von Menschen, die zwischen verschiedenen Ländern und Lebensrealitäten stehen.

Ausgangspunkt ist der seit Ende Februar 2026 eskalierte Krieg zwischen dem Iran sowie Israel und den USA, der sich aus geopolitischen Spannungen, insbesondere um das iranische Atomprogramm, entwickelt hat und inzwischen auch zivile Lebensbereiche massiv betrifft. Während militärische Entwicklungen und diplomatische Reaktionen häufig im Fokus stehen, zeigt dieser Text, wie sich der Konflikt im Privaten in Nachrichtenverläufen, Telefonaten und digitalen Kontaktversuchen fortsetzt. Im Zentrum stehen junge Menschen aus dem iranischen Exil in Deutschland, die versuchen, mit ihren Familien im Iran in Verbindung zu bleiben. Ihre Kommunikation ist durch staatliche Internetsperren, hohe Kosten und Unsicherheit geprägt, wodurch selbst einfache Gespräche zu einer Herausforderung werden. Die persönlichen Einblicke verdeutlichen, wie eng globale Krisen und individuelle Erfahrungen miteinander verknüpft sind. Der Anlass für die Veröffentlichung liegt damit nicht nur im aktuellen Kriegsgeschehen, sondern auch in der Frage, welche Rolle transnationale Beziehungen und Netzwerke im Exil in solchen Situationen spielen. Gerade in Ländern wie Deutschland, in denen viele Menschen mit iranischen Wurzeln leben, wird der Konflikt nicht nur politisch diskutiert, sondern auch emotional und familiär unmittelbar erlebt. Der Beitrag dokumentiert diese Perspektiven in Form von Protokollen und Chat-Auszügen. Er will weder bewerten noch vereinfachen, sondern sichtbar machen, wie sich Krieg im Alltag niederschlägt und welche Stimmen dabei sonst oft ungehört bleiben.

Protokolle: Elena Tara Bavandpoori, erschienen am 26. März 2026 im Fluter

Seit Kriegsbeginn versuchen iranischstämmige Menschen in Deutschland Kontakt zu ihren Familien im Iran zu halten, trotz der Internetsperre im Land. Die Fluter Redaktion hat drei junge Menschen nach ihren Chatverläufen und ihrer Sicht auf die Situation gefragt.

Seit Ende Februar 2026 herrscht Krieg zwischen dem Iran auf der einen Seite und Israel sowie den USA auf der anderen. Dabei wurde auch der Oberste Führer der Islamischen Republik Iran, Ali Khamenei, getötet. Gründe für den israelischen und US-amerikanischen Angriff auf den Iran waren laut der beiden Kriegsparteien vor allem Irans Atomprogramm und die Sicherheit Israels. Der Iran reagiert seitdem mit Raketen- und Drohnenangriffen auf Israel und US-Militärbasen in der Golfregion, wodurch sich der Konflikt auch auf andere Länder ausgebreitet hat. 

Die Protokolle wurden Mitte März aufgezeichnet, die Screenshots stammen aus der Zeit zwischen Ende Januar und Ende Februar.

„Ehrlich gesagt bin ich inzwischen abgestumpft“

Parisa, 22, lebt seit einigen Jahren in Nordrhein-Westfalen, aber ist im Iran aufgewachsen. Auf ihren Wunsch wurde der Name verändert. Sie telefoniert täglich mit ihren Eltern im Iran, die dafür Geld bezahlen.

Überraschenderweise hatte ich bei diesem Krieg keine Angst. Ehrlich gesagt bin ich inzwischen abgestumpft. Als im vergangenen Juni der Zwölftagekrieg mit Israel begann, ging es mir viel schlechter. Ich war wie gelähmt und konnte nichts tun. Jetzt funktioniere ich einfach. Ob ich den Krieg will oder nicht, er findet statt. Eigentlich war das schon lange absehbar. Seit den letzten Protesten im Dezember und Januar und der massiven Gewalt gegen die iranische Bevölkerung hatten die USA dem Regime gedroht. In meiner Familie meinten wir fast jeden Tag: „Seid bereit, falls morgen das Internet abgeschaltet wird.“ Das macht das Regime oft, daran haben wir uns gewöhnt.

Menschen im Iran können noch kostenpflichtig über ihr Handy telefonieren, aber kaum über das Internet. Soweit ich weiß, können nur sie uns erreichen, nicht umgekehrt. Meine Mutter rief an und sagte: „Morgen fahren wir in unsere Villa im Norden.“ Sie liegt mitten im Dschungel und ist deshalb relativ geschützt vor Bomben. Sie seien sicher, sagen sie. Gerade rufen sie mich etwa dreimal am Tag an. Wir sprechen nur kurz darüber, wie es ihnen geht und ob etwas passiert ist. Dann legen wir wieder auf. Meine Mutter kauft 30-Minuten-Telefonpakete für ein paar Tage und teilt sie ein. Wegen der hohen Inflation ist das alles teuer. Aber sie können sich das leisten. 

Dass Khamenei getötet wurde, bedeutet leider noch lange nicht den Sturz der Islamischen Republik. Das System ist tief verwurzelt, es hängt nicht an einer einzelnen Person. Wir haben seinen Tod auch nicht gefeiert. Meine Mutter war sogar wütend, weil er sich jetzt für all die Menschen, die er töten ließ, nie vor Gericht wird verantworten müssen. Viele Menschen wünschen sich, dass jetzt einfach schnell alles anders ist. Aber in der Schule im Iran haben wir nie gelernt, Propaganda zu erkennen oder kritisch zu denken. Wie auch, dann würde man ja das Regime entlarven. Solange den Menschen die nötigen Fähigkeiten und Informationen fehlen, wird Demokratie schwer. 

„Ich frage mich: Wie weit soll das gehen?“

Leili, 28, hat einen iranischen Vater, lernt momentan Farsi und studiert. Auf ihren Wunsch wurde ihr Name geändert. Sie hat zu Beginn des Krieges das letzte Mal von ihrer Cousine gehört. 

Diese Nachricht meiner Cousine von Mitte Februar war sehr emotional für mich. Die hat sie über ein Programm auf Deutsch übersetzen lassen, weil mein Farsi nicht so flüssig ist, aber sie gesehen hatte, dass ich viel zum Iran gepostet habe. 

Meine Cousine bezog sich auf eine Studierendeninitiative, von der ich Teil bin und mit der ich versuche, möglichst viele Studierende zu dem Thema zu vernetzen. Mit der Nachricht meinte sie: Bitte sei unsere Stimme für den Iran. 

Seit diesem Chat habe ich selbst nichts mehr von meiner Cousine gehört. Aber ihr Onkel konnte Anfang März meinen Vater erreichen und berichten, dass Teile meiner Familie Teheran verlassen haben. Meine Cousine und ihre Mutter sind jetzt beieinander in einer anderen Stadt. Der Onkel selbst wollte weiter in den Norden fliehen. Mehr wissen wir derzeit nicht. 

Ich war gerade auf einer Demonstration für Freiheit im Iran, als wir hörten: Khamenei ist tot. Viele Menschen begannen zu jubeln, und ich habe erst einmal mitgejubelt. Das hat Überwindung gekostet, denn in mir war viel Unsicherheit. Einerseits dachte ich: Wenn das Regime geschwächt wird, ist das vielleicht etwas Gutes. Andererseits bin ich kein Fan von Krieg und sehe auch das Handeln des Westens kritisch. Während manche noch tagelang in einer Art Feiermodus blieben, kippte meine Stimmung schnell. 

Mir ist klar, dass dieser Krieg Teil eines größeren geopolitischen Konflikts ist. Ich sehe Berichte über bombardierte Wohnhäuser und zerstörte Energieinfrastruktur und frage mich: Wie weit soll das gehen? 

In meinem Umfeld gibt es unterschiedliche politische Vorstellungen. Manche sehen Reza Pahlavi, den Sohn des ehemaligen iranischen Schahs, als mögliche Übergangsfigur. Mit ihnen war ich Mitte Februar auch auf Reza-Pahlavi-Demos in München und Brüssel. Aus meiner Sicht könnte er eine Übergangsregierung oder den Weg zu demokratischen Wahlen ermöglichen. Aber ich habe ihn niemals als Schah gesehen. Andere lehnen ihn strikt ab. Trotzdem versuchen wir, im Dialog zu bleiben, weil uns ein Ziel verbindet: Solidarität mit den Menschen im Iran und ein Ende der Gewalt. 

„Ich sitze auf gepackten Koffern“

Nico, 27, aus Frankfurt, schreibt in unregelmäßigen Abständen mit Verwandten im Iran. Auf seinen Wunsch wurden einige persönliche Angaben verändert. 

Meine Verwandten und ich tauschen uns meist über den Alltag aus. Doch der ist inzwischen oft trist und belastend. Meine Familie lebt zum Glück nicht im Epizentrum des Krieges, trotzdem ist die Sorge groß. Niemand weiß, wie sich der Krieg entwickelt. Es geht ihnen den Umständen entsprechend gut – das heißt: eigentlich schlecht, aber sie halten durch. Was sie trägt, ist die Hoffnung, dass dieser Horror bald endet. 

Es ist ein Krieg, aber ich habe seit diesem Jahr auf ein internationales Eingreifen gewartet und sehe darin auch eine Form von humanitärer Intervention, ohne zu beschönigen, dass dabei auch Unschuldige sterben. Die Proteste vor dem Massaker im Januar, bei dem staatliche Sicherheitskräfte landesweit Abertausende Protestierende getötet haben, wirkten auf mich wie der letzte friedliche Versuch vieler Menschen, das Regime zu stürzen. 

Als bestätigt wurde, dass Khamenei tot ist, fiel mir eine große Last von den Schultern. Für viele steht er für die Unterdrückung seit der Gründung der Islamischen Republik vor 47 Jahren

Ein zukünftiger demokratischer Iran wird damit leben müssen, dass unterschiedliche Meinungen nebeneinander bestehen. Diese Vielfalt auszuhalten, muss man erst lernen. Entscheidend wird sein, starke Institutionen und einen Rechtsstaat aufzubauen, in dem alle Menschen gleich sind. Mir bereitet auch die Zersplitterung der iranischen Opposition im Exil Sorgen. Reza Pahlavi spricht von einem säkularen und demokratischen Iran. Alles Kennzeichen, die Hoffnung machen, damit kein Machtvakuum entsteht. Ich sehe das aber auch nicht ganz unkritisch. Er ist da der zentrale Akteur. Eine Zentralisierung der Macht finde ich prinzipiell gefährlich. Am Ende sollte die Bevölkerung selbst an der Wahlurne entscheiden, wie sie künftig regiert werden will.

Am liebsten wäre mir gewesen, dass sich bis jetzt schon buchstäblich der Staub gelegt hätte und wir gemeinsam Nouruz, das persische Neujahr am 20. März, im Iran hätten feiern können. Wahrscheinlich werde ich mich noch länger gedulden müssen, aber ich sitze auf gepackten Koffern. Wenn es irgendwann möglich ist und für mich und meine Familie keine Gefahr besteht, würde ich so viel Zeit wie möglich dort nachholen.

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE.