Sommerzeit. Für viele beginnt jetzt das Reisen. Raus aus dem Alltag, rein in neue Orte, neue Bilder, neue Pläne. Zwischen Traumzielen, Social-Media-Feeds und der Suche nach dem „perfekten“ Erlebnis stellt sich aber auch die Frage, was unterwegs eigentlich wirklich zählt.
Reisen klingt oft nach Ziel: nach Orten, die man gesehen haben muss, nach Bildern, die man mitbringt, nach Momenten, die möglichst besonders wirken sollen. Unterwegssein dagegen ist weniger eindeutig. Es passiert zwischendurch, auf Wegen, in Pausen, in Begegnungen, die nicht geplant waren. Der folgende Beitrag von Sarah Steinweg nimmt genau dieses Unterwegssein in den Blick: eine Soloreise in die schottischen Highlands.

Schottische Highlands – Schroffe Berge, Wind, der über die Landschaft fegt, wunderschöne Seen, die vor der Kulisse glitzern.
Genau der richtige Ort, um wandern zu gehen. Ganz allein!
Alleine zu verreisen war für mich keine spontane Entscheidung aus dem Nichts sondern eine Entwicklung. Ein Ausdruck von wachsendem Selbstvertrauen und Fähigkeiten. Ich war zuvor schon zwei Mal in Schottland. Zuerst als Roadtrip mit dem eigenen Auto, dann mit einer Freundin und Zelt auf dem Fernwanderweg West Highland Way und schließlich allein mit meinem Zelt.
Warum die Highlands, warum dieser Weg? Ich hatte auf dem West Highland Way vom Great Glen Way gehört, ein einfacherer und kürzerer Weitwanderweg über ca. 125km. Der Start ist in Fort William, im Norden von Schottland. Seitdem ging mir die Idee nicht mehr aus dem Kopf. Campen unter freiem Himmel, komplett losgelöst von Check-in & Check-Outs, von Zeitplänen und Frühstückszeiten, dafür verbunden mit Natur, Wetter und unglaublicher Weite.
Allein zu verreisen ist für Viele undenkbar. Nicht immer ist es das Risiko, das Menschen davon abhält, sondern auch die Sorge, dass es langweilig wird und man Erlebnisse nicht mit jemandem teilen kann. Aber sind Erlebnisse nur wertvoll, wenn du sie mit jemanden teilst? Auf dem Weg begegnet man so vielen Menschen unterschiedlichsten Alters, Motivationen und Geschichten. Aber eins haben alle gemeinsam: Wir teilen den Weg und den Willen, diesem bis zum Ziel zu folgen. Jeder auf seine Weise.
Stell dir vor, du wanderst mehrere Stunden in der friedlichen Stille des Waldes und kommst an einem Wanderer vorbei, der gerade Pause auf einer Bank macht. Man grüßt sich, lächelt. Jetzt anzuhalten und miteinander zu reden ist komplett deine bewusste Entscheidung und kein Muss, keine Erwartung. Ich habe es immer sehr genossen, jeden Menschen auf dem Weg kurz kennenzulernen und die positive Energie eines Jeden mit auf meinen Weg zu nehmen. Allein zu sein, bedeutet nicht, einsam zu sein! Im Gegenteil. Ich erlebe es so, dass allein zu Reisen Menschen wieder dafür öffnet, innezuhalten und sich Zeit für andere zu nehmen – als bewusste Entscheidung und mit Wertschätzung gegenüber dieser Verbindung, die entsteht.
Wir schauen draußen jeden Tag runter auf unser Handy. Es tut so gut Menschen mit einem Lächeln zu grüßen und zu sehen, wie das Lächeln erwidert wird. Ein kleines bisschen mehr Menschlichkeit bereichert so ungemein viel. Es gab auf dem ganzen Weg keine einzige schlechte Erfahrung mit anderen Wanderern. Alle waren neugierig aufeinander, ungezwungen und haben ihre eigenen Lebensgeschichten gerne geteilt.
Am meisten bewegt haben mich Interaktionen, die Geschichten werden und damit in Erinnerung bleiben. Ich kam nach einer Nacht mit wenig Schlaf an einer Weggabelung an. Mein kleines Buch war wenig hilfreich und ich sah kein Schild, dem ich folgen konnte. Neben mir entlud ein älterer Mann, mit Sicherheit an die 70, sein Mountainbike. Derart beeindruckt, entschloss ich mit, nach dem Weg zu fragen. Das ausgeschilderte Museum konnte er nicht empfehlen und er erkläre mir den Weg. Hoffnungsvoll fragte ich nach einem Cafe in der Nähe, den Schlafmangel spürte ich jetzt schon. „Nicht in den nächsten 10 Meilen“, war die Antwort und enttäuscht ging ich weiter.
Ein paar Stunden später kam mir bergab der gleiche Mann entgegen, er hielt an. Seine kleine Tour wären knapp 40 Meilen, und die gute Nachricht: Nur noch 5 Meilen. Weiter ging es also. Ziemlich erschöpft kam ich im besagten Ort an. Das ausgeschilderte Cafe leuchtete mir entgegen und ich hielt zielstrebig darauf zu – geschlossen! Ich beschloss, mich umzuschauen und entdeckte ein merkwürdiges Schiff, auf dem Eagle Inn stand, vielleicht also doch zumindest etwas zu essen?
Es war niemand in der Nähe und ein vorsichtiger Blick hinein zeigte nur Stufen, die hinunterführten. Ich ging hinein. Was für eine Entdeckung! Die Wände waren vollkommen übersät mit Schwertern aus Fantasy Filmen, Figuren und allerlei Schiffsdeko zierten jede freistehende Fläche, eine gemütliche bar zur Rechten und große Holztische zur Linken. In der Mitte, zwei Hunde. Kein Mensch zu sehen.
Auf mein Hallo erschien eine Frau. Das Inn sei offen. Voller Erleichterung und Hunger bestellt ich Suppe und Sandwiches. „Bist du die Frau, die mit dem älteren Mann auf dem Mountainbike geredet hat?“, fragte sie mich aus dem Nichts. Ich bejahte. „Er ist hier vorbeigekommen und hat gesagt, ich soll ein bisschen Kaffee warm halten, da kommt später eine Frau die super gerne Kaffee trinken will.“
Was für ein wunderbarer Zufall – es lagen so viele Stunden dazwischen, so viele Möglichkeiten, andere Wege einzuschlagen und nicht einzukehren, und doch war ich hier, und genoss den angebotenen Kaffee auch mit einem warmen Gefühl im Herzen. Das sind die Geschichten, die ich gerne erzähle.
Weitwandern wird dich auf die Geduldsprobe stellen. Nicht immer bin ich so gut vorangekommen, wie ich wollte. Ich musste auch lernen, Pausen einzulegen bevor die Füße schmerzen. Einige Nächte konnte ich schlecht schlafen und habe das während des Wanderns gemerkt. Fazit: Sei nett zu deinem Körper, sonst rächt er sich.
Wie bereitet man sich vor? Glücklicherweise gibt im Internet mittlerweile eine ganze Reihe an Soloreisenden, die Tipps geben können. Es hilft auch, sich mit der Strecke vertraut zu machen und offline Karten mitzugeben. In meinem Fall wusste ich, es wird nachts ganz schön kalt, kann viel regnen und ich musste beispielsweise einen Trinkwasserfilter mitnehmen. Mit meiner Liste gewappnet habe ich meine Ausrüstung zusammengesucht, stolze 15 Kilogramm wog mein Rucksack schließlich.
Zur Vorbereitung gehört auch, ein paar längere Strecken mit Gewicht im Rucksack zu wandern. Sicherlich schaffen es die meisten Menschen auch so – aber die ersten Tage sollten nicht von Muskelkater überschattet werden. Es sollte noch gesagt sein, dass in Schottland Wildcampen erlaubt ist, solange es kein Vorgarten ist und man alle aufgestellten Zäune respektiert.
Ein typischer Tag auf der Wanderung beginnt mit Vogelgesang. Langsam wachst du auf und versuchst, dem warmen Schlafsack zu entkommen. Begrüßt wirst du beim Öffnen des Zeltes von der Aussicht auf den See, umrahmt von Bäumen. Frühstück gibt es in Form von Porridge und Nüssen, und während du den Kaffee schlürfst, lässt du die Kulisse auf dich wirken.
Irgendwann beginnst du mit dem Zeltabbau, in kurzer Zeit ist alles wieder im Rucksack. Es gibt keine Termine, nur den Wunsch, mehr von der Strecke zu sehen, die vor dir liegt. Wie weit du heute gehst weißt du noch nicht.
Ein paar Stunden geht es über Waldpfade und zwischen Feldern entlang. Ab und zu begegnest du einem Wanderer. Bald taucht in der Ferne ein kleines Dorf auf, hier hältst du an. Ein heißer Kaffee und etwas zu essen klingen genau richtig. Die Dörfer sind nicht groß, aber ein Cafe lässt sich immer finden. Die Einheimischen sind nett und neugierig – ob du allein reist wirst du oft gefragt.
So gestärkt mit Essen und Gesellschaft geht es noch etwas weiter. Du hörst Vögel, Schafe, Kühe und den Wind, der über die Highlands fegt. Pausen kannst du immer einlegen. Es gibt heute kein festes Ziel. Als du merkst, dass deine Beine müde werden, beginnst du mit der Suche nach einem Rastplatz. Das kann ein bisschen dauern, aber der richtige Platz mit schöner Aussicht ist es dir wert!
Bald findest du eine schöne Stelle zwischen Bäumen, mit einem Fluss in der Nähe. Dein Essen ist schnell mit heißem Wasser gemacht. Es schmeckt tatsächlich viel besser als erwartet und du genießt es. Jetzt nur noch Zelt aufbauen und den Abend genießen.
Was bereichert die Reise außerdem? Definitiv Hostels! Für mich sind Hostels eine kleine Community aus gleichgesinnten Reisenden. Man teilt Essen, Geschichten und das Zimmer miteinander, das schweißt zusammen. Die meisten Hostels haben eine Art Wohnzimmer in denen man Gesellschaft tanken kann. Für mich war es auch ein guter Ort, um meine Postkarten zu schreiben.
Das ist ein eine wunderbare Gelegenheit, die Stimmung einzufangen und an andere liebe Menschen zu schicken. Aber auch, um meine Füße hochzulegen und den Luxus eines richtigen Betts und einer heißen Dusche zu genießen. Denn auch mit der richtigen Vorbereitung merkt man Füße, Rücken und alle anderen Körperstellen nach einer Weile.
Was nehme ich mit? Nach meiner Wanderung war nicht nur mein Rucksack prall gefüllt mit Andenken. Mein Kopf war gefüllt mit den Bildern der Wanderung, den Eindrücken, die ich ganz in Ruhe für mich aufnehmen konnte. All die Gespräche und kleinen Geschichten, die mit mir geteilt wurden. Neue Freundschaften, die auf dem Weg entstanden sind.
Vor allem aber bin ich beflügelt von neuem Selbstvertrauen und der Warmherzigkeit, die ich erlebt habe. Genau das möchte ich mit euch teilen und kann wirklich nur jedem empfehlen, sich zu trauen.
Geht raus in die Welt und bleibt neugierig!























Fotos: Sarah Steinweg
