Letzten Freitag in der Zentralbibliothek Carl Brandts Haus. Aus den Lautsprechern klingen die ersten Töne, und im Saal wird es schlagartig ruhig. Die jungen Teilnehmenden der „Ohrenbibliothek“ präsentieren ihr eigenes Hörspiel „3LIFE“. Die Geschichte ist klassischer Krimistoff: Eine Bibliothek bei Nacht, heimliche Bewegungen durch die Räume und eine Gruppe Kinder, die plötzlich Zeugin eines Verbrechens wird. Das Publikum hört konzentriert zu. Als das Stück endet, folgt ein kräftiger, anerkennender Applaus.
Im Anschluss betreten alle Kinder gemeinsam die Bühne. Aus den acht Stimmen hinter dem Mikrofon wurden plötzlich acht junge Produzentinnen und Produzenten, die ihr eigenes Werk präsentierten. Der Applaus zeigte ziemlich deutlich, dass sich die Arbeit gelohnt hatte. Auch der Leiter der Bibliothek, Yilmaz Holtz-Ersahin, würdigte das Ergebnis in einer kurzen Rede. Und das Workshopleitungsteam war ohnehin überzeugt: „Besser hätte es nicht laufen können.“






Der Blick zurück zum Anfang der Woche zeigt jedoch, wie viel Arbeit in diesen wenigen Minuten Hörspiel steckt. Am Montag sitzen die acht Jugendlichen gemeinsam im Wandelsaal und stehen vor einer großen Aufgabe: Ein Computer, viele lose Ideen, aber noch keine feste Geschichte. Dabei geht es der Workshopleitung in den ersten Stunden gar nicht darum, sofort eine fertige Story zu erzwingen. Ziel des Projekts ist es vielmehr, den Kindern und Jugendlichen den gesamten Weg einer Audioproduktion aufzuzeigen, von der ersten Idee über das Konzept und das Skript bis hin zur Aufnahme und dem finalen Schnitt. Doch welche Erwartungen hatten die Gruppe, welche Herausforderungen gab es und was war überraschend? Helene und Malina waren für Standpunkt dabei und haben nachgefragt.
Vom 3. bis 7. August wurde die Stadtbibliothek Mönchengladbach zum Tonstudio. Bei der „Ohrenbibliothek“ entwickelten acht Kinder und Jugendliche zwischen 10 und 14 Jahren ihre eigene Hörspielreportage. Angeleitet und „angesteckt“ wurden sie von der Medienpädagogin Saskia Schmitt, die u.a. auch beim WDR zum Team für die Sendung mit der Maus gehört, und Andreas Müllauer. Koordiniert wurde das Workshop-Projekt von Sabine Kainth, Medienpädagogin der Stadtbibliothek Mönchengladbach. Der Workshop war kostenlos und wurde durch den Kulturrucksack NRW gemeinsam mit dem Kulturbüro Mönchengladbach ermöglicht.
Was hat euch überhaupt hierhergebracht? Warum seid ihr in euren Ferien zur Ohrenbibliothek gekommen?
Bei einer von uns war es zunächst so, dass die Eltern arbeiten mussten. Aber ich war schon beim letzten Mal hier und das hat sehr viel Spaß gemacht. Diese Woche hatte ich nichts zu tun und bin deshalb einfach wieder hingekommen. Außerdem hat sich das Ferienprogramm sehr cool angehört.
Wenn ihr an die nächsten Tage denkt: Worauf freut ihr euch denn am meisten?
Darauf, dass wir viel Spaß haben und ein tolles Hörspiel kreieren. Ich freue mich vor allem darauf, dass ich mir das fertige Hörspiel am Ende anhören kann und dann denke: Wie cool, was wir gemacht haben. Und ich freue mich auch darauf, am Ende etwas darüber gelernt zu haben, wie man so ein Hörspiel macht.
Gibt es etwas, das ihr in dieser Woche unbedingt einmal machen oder ausprobieren möchtet?
Ich freue mich vor allem auf die Kreativität beim Erstellen des Hörspiels. Dass wir gemeinsam etwas ausprobieren, viel Spaß haben und am Ende sehen, was daraus geworden ist.
Fünf Tage lang eine eigene Geschichte entwickeln, Aufnahmen machen und sich am Ende auch noch mit Tonschnitt, das klingt nach ziemlich viel Arbeit und vielleicht nicht unbedingt nach dem klassischen Ferienprogramm. Wenn ihr jetzt auf euer fertiges Hörspiel schaut: Worauf seid ihr trotzdem besonders stolz?
Wir sind vor allem darauf stolz, dass wir selbst ein eigenes Hörspiel zustande gebracht haben und man es sich jetzt auch anhören kann. Wir haben es selbst kreiert und anschließend auch geschnitten. Das macht uns besonders stolz.
Gerade das Schneiden und Arbeiten mit einem Audioprogramm ist wahrscheinlich etwas, mit dem man vorher nicht unbedingt Erfahrung hat. War das für euch tatsächlich so kompliziert, wie es vielleicht zunächst klingt und was habt ihr dabei gelernt?
Wir haben gelernt, wie man Szenen schneidet und wie man Audio aufnimmt, also eigentlich so ziemlich alles, was man für die Produktion eines Hörspiels braucht.
Und wenn man dann schon einmal hier ist, bleibt es natürlich nicht beim Zuhören. Ihr habt euch inzwischen auch eine eigene Geschichte ausgedacht. Wie sieht diese Geschichte denn momentan aus? Was wollt ihr in eurem Hörspiel erzählen?
Wir hatten die Idee, dass ein Teil der Geschichte nachts in einer Bibliothek spielt. Eine kleine Gruppe von Kindern hat dort etwas vergessen und kommt nachts zurück, um es zu holen. Eigentlich dürfen die Kinder zu dieser Zeit gar nicht dort sein. Sie schleichen sich also in die Bibliothek und beobachten dabei eine Straftat. Jemand versucht, etwas zu holen, das dort ausgestellt wird.
Damit habt ihr also schon einen richtigen Krimi als Grundidee. Und weil ihr gerade von der Ausstellung und dem Ablenken gesprochen habt: Gibt es denn schon weitere Ideen, wie diese Szene funktionieren und was dabei in der Bibliothek passieren soll?
Wir wissen noch nicht alle Details ganz genau. Es soll aber unter anderem eine Sammlung beziehungsweise Ausstellung mit Büchern und Buchfiguren geben. Außerdem sind Projektionen geplant, die in den Raum projiziert werden und andere Personen ablenken sollen.
Wenn man mehrere Tage mit einer Gruppe an einem Projekt arbeitet, kann das natürlich auch mal anstrengend werden. Was waren für euch die Momente, bei denen der Spaß am Ende doch überwogen hat?
Am meisten Spaß gemacht hat uns das Aufnehmen mit Audio. Und natürlich auch, alles gemeinsam als Gruppe zu machen. Ein Highlight war außerdem das Eisessen.
Nicht jeder würde seine Ferien freiwillig mit Aufnahmen, Technik und Tonschnitt verbringen. Was würdet ihr jemandem sagen, der bei „Ohrenbibliothek“ erst einmal denkt: Klingt nach Arbeit, warum sollte ich da mitmachen?
Ja, auf jeden Fall. Man kann dort Neues lernen und hat gleichzeitig sehr viel Spaß. Außerdem werden immer tolle Projekte angeboten, bei denen man mitmachen kann.
Wenn acht Kinder fünf Tage lang gemeinsam an einem Hörspiel arbeiten, könnte man sich vorstellen, dass es zwischendurch auch mal schwierig wird: unterschiedliche Ideen, technische Herausforderungen oder einfach die Konzentration, die irgendwann nachlässt. Wie zufrieden seid ihr deshalb mit dem Ergebnis?
Wir sind total zufrieden. Wir finden es immer wieder klasse, am Anfang gemeinsam Ideen zu sammeln und noch gar nicht zu wissen, wohin das Ganze führt und dann nach fünf Tagen ein fertiges Hörspiel zu hören, das von den Kindern relativ aufwendig produziert wurde. Wir sind super happy damit, wie es geworden ist. Besser hätte es eigentlich nicht laufen können. Die Kinder sind zufrieden, sie hatten Spaß alles wunderbar.
Wenn am Ende ein fertiges Hörspiel stehen soll, steckt dahinter natürlich einiges mehr als nur die Aufnahme. Was sollen die Kinder in dieser Woche eigentlich alles lernen und am Ende selbst können?
Sie sollen am Ende in der Lage sein, ein eigenes Hörspiel beziehungsweise eine kleine Reportage zu produzieren. Dazu gehört zunächst, sich zu überlegen, was sie eigentlich genau machen wollen und ein Konzept zu entwickeln. Sie sollen außerdem die Grundschritte von Audioaufnahmen lernen: Wie nehme ich etwas auf? Wie spreche ich vor einem Mikrofon und wie unterscheidet sich das eigentlich vom normalen Sprechen? Danach kommt die technische Komponente dazu: das Material zu schneiden und mit Geräuschen zu versehen. Alle einzelnen Schritte der Audioproduktion, von der Idee bis zum fertigen Hörspiel, sollen sie zumindest einmal in dieser Woche gemacht haben.
Dabei geht es also nicht nur um das klassische Hörspiel, sondern auch um journalistisches Arbeiten. Was möchten Sie den Kindern über die Verbindung von Reportage, Radio und Hörspiel mitgeben?
Die Kinder sollen vor allem viel Spaß haben. Gleichzeitig geht es darum, dass sie lernen, was die Aufgabe von Reporterinnen und Reportern ist und wie ein Hörspiel funktioniert und wie man beides miteinander verbinden kann. Also Radio- und Reportagearbeit genauso wie Hörspiel, Geschichtenschreiben und kreatives Arbeiten.
Der erste Schritt ist dabei wahrscheinlich trotzdem immer die Geschichte selbst. Wenn die Kinder mit vielen verschiedenen Einfällen kommen: Wie wird daraus irgendwann eine konkrete Idee?
Man wirft erst einmal ein paar Sachen an die Wand und überlegt: Was finde ich eigentlich interessant und was finde ich cool? Viele der Kinder haben schon Hörspiele gehört und können Erfahrungen daraus mitnehmen. Sie versuchen dann, Dinge, die ihnen gefallen, auf ihre eigene Geschichte zu übertragen. Und so kann man zum Beispiel das, was man hier in der Bibliothek um sich herum sieht, schnell in eine tatsächliche Idee ummünzen.
Der Ort selbst wird damit also direkt Teil des kreativen Prozesses. Wie war es bei der Geschichte, die die Kinder diesmal entwickelt haben?
Wir haben gesagt, wir wollen gerne irgendetwas mit der Bibliothek machen, und dann haben die Kinder gedacht: „Ah, dann wird hier irgendwas gestohlen.“ So findet der Kriminalfall direkt bei uns in der Bibliothek statt. Aus der Idee wird dann ganz schnell etwas Praktisches.
Aus diesem ersten Einfall muss dann aber noch eine Geschichte werden, die man tatsächlich aufnehmen kann. Wie arbeitet ihr mit den Kindern daran, aus der Grundidee ein richtiges Skript zu entwickeln?
Viel über das Sprechen und Diskutieren. Wir haben eine Idee, aber zunächst müssen viele Details geklärt werden: Wie schreiben wir diese Geschichte auf? Warum macht die Person das? Wie funktioniert das eigentlich? Was passiert als Nächstes? Wir diskutieren gerade die Feinheiten der Geschichte, um daraus ein Skript zu schreiben, in dem wirklich steht: „Hey, Security, sag das und das.“ Also letztendlich wie in einem Buch. Danach werden auch Geräusche und Musik ins Skript eingetragen. All das muss anschließend aufgenommen, geschnitten und zusammengestellt werden.
Bei diesem Prozess dürften wahrscheinlich eher zu viele Ideen als zu wenige das Problem sein. Wie schafft ihr es, aus den vielen Einfällen der Kinder am Ende eine Geschichte zu machen, die in fünf Tagen auch wirklich produziert werden kann?
Wir haben hunderte Ideen. Die Kinder haben ganz viele Ideen und es ist gerade so ein bisschen: Okay, wir haben es jetzt geschafft, uns auf eine zu einigen, und daraus muss jetzt ein Skript entstehen.
Gerade der technische Teil könnte bei einem Ferienworkshop schnell zum schwierigen Punkt werden. Tonschnitt und Audioprogramme sind schließlich nicht unbedingt das, womit Zehn- bis 14-Jährige morgens freiwillig anfangen. Wie haben die Kinder darauf reagiert und hat sich das im Laufe der Woche verändert?
Am Anfang hatten viele noch gar keine Ahnung, was Tonschnitt eigentlich bedeutet und wie man in einem Audioprogramm arbeitet. Wir hatten den Eindruck, dass einige zunächst dachten, das Schneiden würde eher anstrengend sein und nicht so viel Spaß machen. Am Ende kamen dann aber Fragen wie: „Habt ihr noch was zum Schneiden?“ Das war eine tolle Entwicklung, weil der Tonschnitt plötzlich selbst zu einem Teil des Workshops geworden war, der ihnen Freude gemacht hat.
Normalerweise sind Pausen bei einem Ferienworkshop wahrscheinlich ziemlich willkommen. Bei euch scheint es genau andersherum gewesen zu sein. Wann habt ihr gemerkt, dass aus einer anfänglichen Herausforderung echte Begeisterung geworden ist?
Besonders überrascht hat uns, wie oft die Kinder in den Pausen gefragt haben: „Können wir jetzt weiterarbeiten?“ Das war eine Entwicklung, die wir am Anfang so nicht erwartet hatten. Wir dachten zwischendurch sogar: „Boah, wir müssen aber auch mal kurz Pause machen.“ Und die Kinder waren eher so: „Hey, jetzt geht’s weiter, bitte.“ Da haben wir gemerkt: Sie haben richtig Bock bekommen.
Wenn man die Kinder dabei begleitet, wie aus den ersten Ideen langsam eine Geschichte entsteht, weiß man am Anfang selbst noch nicht, wo die Reise hingeht. Worauf seid ihr deshalb als Workshopleitende bei einem solchen Projekt besonders gespannt?
Am Anfang ist es immer die Frage: Wo geht es überhaupt hin? Da haben wir selbst noch keine Ahnung. Wir wissen vorher nicht, was die Kinder sich ausdenken werden. Jetzt haben wir schon einen groben Überblick und ich bin besonders gespannt, wie die Geschichte am Ende im Detail aussieht.
Ein paar Eckpunkte gibt es inzwischen aber schon. Was wisst ihr zu diesem Zeitpunkt bereits über die Geschichte?
Wir wissen, dass es eine Geschichte geben wird, in der Gestalten aus Büchern herauskommen und quasi die Leute ablenken und dass es einen großen Diebstahl gibt. Das ist im Moment aber noch die Grundidee. Ich bin sehr gespannt, wie das nachher tatsächlich im Detail aussieht.
Die Ideen können ja schnell größer werden, als es die fünf Tage erlauben. Wie viel muss man als Workshopleitung dabei auch bewusst begrenzen?
Meistens sind die Ideen viel größer und viele unterschätzen, wie viel Zeit es kostet, ein Hörspiel zu machen. Die Kinder merken dann schon im Laufe der Woche: „Hui, wir haben aber noch ganz schön viel zu tun.“ Unsere Aufgabe als Leitende ist deshalb auch, das Ganze ein bisschen zu begrenzen, damit wir es realistisch in den fünf Tagen schaffen.
Was ist genau das für euch auch der spannendste Teil der Woche?
Es ist immer ein bisschen spannend, ob wir das wirklich hinkriegen. Am Anfang weiß man noch nicht genau, wo die Geschichte hinführt. Jetzt haben wir schon einen groben Überblick und müssen schauen, wie wir alles in der verbleibenden Zeit schaffen.
Ein Workshop mit Technik, Aufnahmen und Schnitt könnte theoretisch an ganz unterschiedlichen Orten stattfinden. Warum braucht es für die Ohrenbibliothek aus eurer Sicht gerade die Bibliothek und was verändert dieser Ort am Projekt?
Wir glauben, dass es vor allem daran liegt, dass das Angebot über mehrere Tage stattfindet und an einem Ort, der perfekt dazu passt. Es ist nicht einfach ein Workshop, den man überall geben könnte. Die Ohrenbibliothek Mönchengladbach ist eng mit der Stadtbibliothek Mönchengladbach verbunden.
Wir finden es besonders cool, dass der Ort während der Woche im Grunde immer derselbe bleibt, sich aber das Produkt, das am Ende entsteht, und auch das Gefühl während der Woche immer wieder verändern. Aus der Bibliothek wird ein Ort, an dem Ideen entstehen, ausprobiert und schließlich zu einem fertigen Hörspiel werden.
Was bleibt nach fünf Tagen Ohrenbibliothek? Für die Standpunkt-Redaktion vor allem die Erkenntnis, wie viel Kreativität in der Gruppe steckte. „Überrascht bin ich darüber, dass die Kinder so viele tolle, kreative und einfallsreiche Ideen hatten“, lautet das Fazit der Beobachtung. Die Ohrenbibliothek zeigt dabei ziemlich anschaulich, was Medienproduktion mit Medienkompetenz zu tun hat: Eine Geschichte entsteht nicht einfach, weil man ein Mikrofon einschaltet. Man muss auswählen, planen, sprechen, aufnehmen, schneiden, verwerfen, neu aufnehmen und sich immer wieder fragen, wie das Ganze am Ende für andere klingt.
Für die Kinder war am Ende aber genau diese Mischung aus Lernen, Kreativität und gemeinsamem Arbeiten entscheidend. Sie wollten nicht nur ein fertiges Hörspiel hören, sondern selbst erleben, wie es entsteht. Und genau das ist ihnen gelungen: Sie haben eine eigene Geschichte entwickelt, Stimmen aufgenommen, Szenen geschnitten und am Ende ein fertiges Hörspiel produziert. Auch die Teilnehmenden selbst würden das Projekt deshalb weiterempfehlen. Nicht nur, weil es Spaß macht, sondern weil man dabei tatsächlich etwas produziert.
