„Basiskompetenzen stärken, Unterrichtsqualität verbessern, Digitalisierung voranbringen, individuelle Förderung und Demokratiebildung“, die politischen Ziele klingen richtig. Doch Schülerinnen und Schüler erleben Schule nicht in Reformpapieren, sondern jeden Tag im Klassenzimmer. Und dort klaffen Anspruch und Wirklichkeit häufig weit auseinander.

Wir erleben Unterrichtsausfall, überfüllte Klassen, Vertretungsunterricht und eine Unterrichtsqualität, die stark davon abhängt, welche Lehrkraft vor uns steht. Es gibt hervorragende, engagierte Lehrerinnen und Lehrer. Gleichzeitig sind viele durch Personalmangel, Bürokratie und ständig neue Aufgaben überfordert oder demotiviert. Manche können oder wollen deshalb nur noch Dienst nach Vorschrift leisten. Das ist nicht allein ein individuelles Problem, sondern auch ein strukturelles.
Gleichzeitig wird Lernen häufig mit Abarbeiten verwechselt: Arbeitsblätter, Hausaufgaben, Tests und Klassenarbeiten bestimmen den Rhythmus. Entscheidend ist oft, was sich benoten lässt, weniger, ob wir als Schülerinnen und Schüler Inhalte wirklich verstehen, Zusammenhänge erkennen, kritisch denken, diskutieren oder eigene Lösungswege entwickeln. Hausaufgaben werden dabei nicht selten zur Fleißarbeit.
Im Normalfall gibt es in mehreren Fächern gleichzeitig und kurzfristig umfangreiche Aufgaben zur Unterrichtsvorbereitung für den nächsten Tag, vom vorbereitenden Lesen und schriftlichen Zusammenfassen von Texten bis hin zu Referaten. Am nächsten Tag geht es in denselben Fächern bereits mit neuen Hausaufgaben zum gerade behandelten Stoff weiter, den viele nach 45 oder 90 Minuten Unterricht noch längst nicht verstanden haben. Und damit ist es noch nicht getan: Zusätzlich muss für Klausuren gelernt werden, die sich innerhalb einer Klausurwoche teilweise täglich aneinanderreihen und im Laufe des Schuljahres mehrfach geschrieben werden. Man stelle sich dieses Pensum nach einem Unterrichtstag mit durchschnittlich fünf bis sieben Fächern von 8 bis 16 Uhr vor, bei insgesamt gerade einmal 50 bis 60 Minuten Pausen. Wann bleibt da eigentlich noch Zeit, Inhalte wirklich zu verstehen, sich mit ihnen auseinanderzusetzen oder einfach einmal durchzuatmen?
Von individueller Förderung ist viel die Rede. Im Alltag bleibt dafür jedoch häufig wenig Zeit. Interessen, Begabungen und persönliche Stärken werden ebenso wenig systematisch gefördert wie individuelle Lernschwierigkeiten. Ein standardisierter eng getakteter Schulalltag versucht, sehr unterschiedliche Menschen im gleichen Tempo nach denselben Maßstäben zu beschulen.
Auch bei der Digitalisierung zeigt sich die Lücke zwischen Anspruch und Realität. Geräte und Förderprogramme allein machen noch keinen besseren Unterricht. Technik, die nicht funktioniert, veraltet oder nicht alltagstauglich eingesetzt werden kann, hilft niemandem. Gleichzeitig fehlt es an Zeit und hochwertiger Fortbildung für Lehrkräfte. KI kann sinnvoll unterstützen, darf aber nicht zum Ersatz für pädagogische und didaktische Kompetenz werden. Ein mit ChatGPT erstellter Unterrichtsentwurf oder ein automatisch erzeugter Erwartungshorizont ist noch keine bessere Bildung.Und viele von uns nutzen angesichts der Aufgabenflut auch KI für unsere Hausaufgaben, damit die Noten auch gut ausfallen.
Wenn ein Großteil der Geräte, die z.B. über den DigitalPakt oder während der Corona-Zeit angeschafft wurden, noch immer originalverpackt in den Kellern von Schulen liegt oder längst nicht mehr mit den vorhandenen digitalen Umgebungen kompatibel ist, weil niemand sie anschließen, einrichten oder bedienen konnte, wird deutlich, wie weit Anspruch und Realität auseinanderliegen können. Gleichzeitig stellt sich die Frage, wie praxisnah Videokameras, Greenscreens, Podcaststudios, VR-Brillen und andere aufwendig angeschaffte Technik tatsächlich sind, wenn man eine heterogene Lerngruppe mit 30 unterschiedlichen Schülerinnen und Schülern vor sich hat. Die Lehrkraft soll dann innerhalb einer 45-Minuten-Stunde nicht nur Inhalte vermitteln und auf unterschiedliche Lernvoraussetzungen eingehen, sondern sich nebenbei auch noch mit Technik auseinandersetzen, die sie vielleicht einmal in einem Fortbildungsseminar gezeigt bekommen, aber noch nie unter realen Unterrichtsbedingungen erprobt hat. Was auf dem Papier nach modernem und digitalem Unterricht klingt, kann im Klassenzimmer deshalb schnell zum zusätzlichen Organisations- und Stressfaktor werden. Digitalisierung ist eben nicht allein eine Frage der vorhandenen Geräte, sondern vor allem der Zeit, der Praxistauglichkeit, der technischen Betreuung und der Kompetenz, sie sinnvoll in den Unterricht zu integrieren.
Auch kulturelle Bildung droht dabei zum Randthema zu werden. Kunst, Musik, Literatur, Theater, Geschichte und die Auseinandersetzung mit kultureller Vielfalt sind keine verzichtbaren Zusatzangebote. Sie helfen jungen Menschen, Ausdrucksmöglichkeiten zu entwickeln, Perspektiven anderer zu verstehen und die eigene kulturelle Identität zu reflektieren. Wer Bildung allein auf Lesen, Schreiben, Rechnen und prüfbare Leistung reduziert, greift zu kurz.
Fächer wie Kunst und Musik werden abgeschafft und durch ein Fach namens „Kult“ ersetzt, begründet unter anderem mit dem bestehenden Fachlehrermangel. In der Praxis mutiert dieses Fach dann nicht selten zur Bastelstunde für Klassendekorationen oder zur Vorbereitung von Feiertagen. Fachfremde Kolleginnen und Kollegen werden für „Kult“ eingesetzt, nicht zuletzt, weil das Fach als wenig korrekturintensiv und damit als vergleichsweise geringer Aufwand gilt. Da lässt sich eben schneller ein TikTok-Tanzvideo als vermeintlicher Beitrag zur kulturellen Bildung auf dem schuleigenen Kanal veröffentlichen, als einen Theaterbesuch aufwendig vorzubereiten, pädagogisch zu begleiten und anschließend gemeinsam mit den Schülerinnen und Schülern auszuwerten. Wenn kulturelle Bildung auf Dekoration, Bastelarbeiten und Social-Media-Content reduziert wird, bleibt von ihrem eigentlichen Bildungsauftrag nicht mehr viel übrig.
Dasselbe gilt für Demokratiebildung. Es reicht nicht, Schülerinnen und Schüler dazu aufzufordern, „andere Meinungen auszuhalten“. Demokratie muss im Schulalltag erlebt werden: durch echte Beteiligung, Mitsprache, Diskussion, Meinungsfreiheit, den respektvollen Umgang mit Konflikten und die Erfahrung, dass die eigene Stimme tatsächlich etwas bewirken kann. Wer Schüler nur verwaltet, aber nicht ernsthaft beteiligt, kann schwer glaubwürdig Demokratie vermitteln.
Wenn Schülervertretungen für Schulkonferenzen z.B. unter Druck gesetzt werden, entsprechend auf Schulkonferenzen abzustimmen, Anträge mit angeblicher Fristüberschreitung abgelehnt werden, entsteht kaum das Gefühl echter Beteiligung. Wenn Schülerzeitungsredakteure ihre Berichte vor der Veröffentlichung von der Schulleitung genehmigen lassen sollen, wird Meinungs- und Pressefreiheit zur Theorie. Wie soll unter solchen Bedingungen Vertrauen in demokratische Prozesse entstehen, wenn Schülerinnen und Schüler erleben, dass ihre Beteiligung zwar formal vorgesehen ist, ihre tatsächliche Einflussnahme aber unerwünscht sein kann?
Genau hier liegt ein grundlegendes Problem: Über uns als Schülerinnen und Schüler wird viel gesprochen, aber zu selten mit uns. Wir sind Gegenstand von Studien, Tests und Reformprogrammen, obwohl wir selbst am besten wissen, welche Unterrichtsmethoden funktionieren, wo Schule scheitert und was uns beim Lernen tatsächlich hilft.
PISA sollte deshalb nicht nur ein Weckruf an Schülerinnen und Schüler sein. Es muss auch ein Systemtest sein. Wenn sich Probleme über 15 Jahre entwickeln, können Corona und soziale Medien nicht die alleinige Erklärung sein. Dann muss auch gefragt werden, was in einem Bildungssystem grundsätzlich nicht funktioniert.
Die Welt hat sich in den vergangenen Jahrzehnten radikal verändert. Schule in ihren grundlegenden Strukturen dagegen erstaunlich wenig. Neue Labels, Programme und Reformpapiere ändern daran wenig, wenn Unterricht weiterhin ausfällt, Lehrkräfte überlastet sind, Bürokratie pädagogische Arbeit verdrängt und Schülerinnen und Schüler zu wenig gehört werden.
Da wird dem Wunsch von Schülerinnen und Schülern, etwas zu lernen, was man auch im Leben braucht, scheinbar entsprochen und in Form von neuen Unterrichtsangeboten „Lebenspraxis“ verkauft. Diese werden von Ehrenamtlern unterrichtet, wenn sie dann nicht ausfallen. Sie werden weder benotet noch taucht ihr Entfall in der Unterrichtsstatistik auf. Inhaltlich sind sie an keinen Lehrplan gebunden und haben eher den didaktischen Anspruch einer AG. So entpuppt sich das vermeintliche „Backen und Kochen“ auch schon einmal darin, dass lediglich Fertigteig ausgerollt, Plätzchen ausgestochen oder Brötchen für die nächste Lehrerfortbildung geschmiert werden. Das „Reparaturcafé“ wird schnell zur praktischen Hausmeisterhilfe, Aufgaben, die früher nicht selten im Rahmen von Sozialstunden bei Schulverstößen erledigt wurden. Und auch der Garten- und Landschaftsbau kann schnell dazu führen, dass Schülerinnen und Schüler bei der Pflege und Instandhaltung der schuleigenen Grünflächen eingesetzt werden. Lebenspraxis zu vermitteln ist sinnvoll. Sie darf aber nicht zum Etikett werden, unter dem letztlich vor allem Aufgaben erledigt werden, für die eigentlich andere zuständig wären.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht nur: Was müssen die Schüler besser machen? Sondern auch: Was muss Schule endlich besser machen?
Denn Schülerinnen und Schüler sind nicht das Problem, das es zu verwalten gilt. Sie sind die Menschen, für die Bildungspolitik Verantwortung trägt und deren Stimme bei der Gestaltung ihrer Schule endlich ernst genommen werden muss.
Gerade deshalb lohnt sich ein Blick auf das „Zentrale Schülerfeedback“ des Schulministeriums NRW. Die Idee klingt erst einmal gut: Schülerinnen und Schüler sollen sagen können, wie sie ihre Schule erleben, was gut läuft und wo es Probleme gibt. Die Ergebnisse werden den Schulen anschließend zur Verfügung gestellt. Was die Schule dann daraus macht, ist allerdings ihr eigenes Thema. Ob Ergebnisse gemeinsam mit Schülerinnen und Schülern besprochen werden, ob sich daraus tatsächlich etwas verändert oder ob die Auswertung am Ende einfach irgendwo abgelegt wird, entscheidet die jeweilige Schule.
Und genau da stellt sich für uns als Schülerinnen und Schüler die entscheidende Frage: Was bringt es eigentlich, unsere Meinung abzufragen, wenn wir danach nicht wissen, was damit passiert? Eine Umfrage allein ist noch keine Mitbestimmung. Wenn wir unsere Meinung abgeben, möchten wir auch wissen, ob jemand sie gelesen hat, was daraus folgt und warum bestimmte Dinge vielleicht trotzdem nicht verändert werden.
Demokratische Beteiligung bedeutet schließlich nicht nur, dass man seine Meinung sagen darf. Sie bedeutet auch, dass diese Meinung ernst genommen wird und dass nachvollziehbar ist, was mit ihr passiert. Wenn Schülerinnen und Schüler regelmäßig befragt werden, die Ergebnisse anschließend aber nur der Schule zur Verfügung gestellt werden und jede Schule selbst entscheidet, ob und wie sie damit arbeitet, bleibt genau diese Frage offen.
Dann kann das Ministerium zwar von Schülerbeteiligung, Mitbestimmung und demokratischer Schulentwicklung sprechen. Im Schulalltag entscheidet sich aber erst danach, ob Schülerinnen und Schüler tatsächlich etwas davon merken. Denn wenn am Ende niemand mit uns über die Ergebnisse spricht und sich nichts verändert, war unsere Beteiligung vielleicht statistisch erfasst, aber noch lange nicht wirklich gelebt.
