
Die nordrhein – westfälische Schulministerin Dorothee Feller hat die aktuellen Herausforderungen des Schulsystems und die geplanten Maßnahmen des Landes bei einer öffentlichen Informationsveranstaltung der CDU in der Achim-Besgen-Halla in Schwalmtal vorgestellt. Anlass war unter anderem die kurz zuvor veröffentlichte PISA – Studie. Die Ergebnisse seien auch für Nordrhein – Westfalen ernüchternd. Gleichzeitig, so Feller, sei der Rückgang der Leistungen kein ausschließlich deutsches oder nordrhein – westfälisches Problem. Auch andere Länder hätten schlechter abgeschnitten. Die PISA – Studie zeige zudem Entwicklungen auf, erkläre aber nicht deren Ursachen. Als mögliche Faktoren nannte Feller unter anderem die Folgen der Corona – Pandemie von 2020 und die zunehmende Bedeutung sozialer Medien, die seit rund einem Jahrzehnt aufkommt.

Besonders problematisch sei die Entwicklung bei den Basiskompetenzen. Bereits die IQB – Studie von 2022 habe gezeigt, dass ein erheblicher Teil der Viertklässler die grundlegenden Anforderungen in Lesen, Schreiben und Rechnen nicht erreicht. Feller betonte, dass diese Entwicklung nicht erst seit wenigen Jahren bestehe, sondern sich bereits über rund 15 Jahre abzeichne. Wer nicht ausreichend lesen und verstehen könne, habe auch Schwierigkeiten, am gesellschaftlichen und demokratischen Leben teilzunehmen.
Mit dem „Schulkompass NRW 2030“ soll deshalb langfristig gegengesteuert werden. Im Mittelpunkt stehen die Basiskompetenzen Lesen, Mathematik und Schreiben. Beim Schreiben gehe es dabei nicht nur um die Beherrschung von Buchstaben, sondern auch darum, Gedanken zu strukturieren und verständlich in Texten auszudrücken.
Feller machte zugleich deutlich, dass sich die Ergebnisse nicht kurzfristig verbessern ließen. Andere Länder hätten für vergleichbare Entwicklungen 10 bis 15 Jahre gebraucht. Ein weiterer Schwerpunkt ist die Einführung von „ABC – Klassen“. Kinder, denen bei der Schuleingangsuntersuchung wichtige Vorläuferkompetenzen fehlen, sollen künftig bereits vor dem regulären Schulbeginn gezielt gefördert werden. Dabei gehe es nicht allein um Sprache, sondern um grundlegende Fähigkeiten, die für den Schulstart notwendig seien. Die ersten ABC – Klassen sollen zum Schuljahr 2028/29 eingerichtet werden. Die Ausgestaltung wird derzeit gemeinsam mit Kitas, Schulen, Wissenschaft und dem Kinder – und Jugendministerium erarbeitet. Feller betonte, dass die Förderung möglichst früh beginnen müsse und Kita und Schule dabei stärker miteinander verbunden werden sollten.
Parallel soll die Qualität der Schulen stärker datengestützt weiterentwickelt werden. Schulen sollen künftig regelmäßig Daten zu ihrer eigenen Situation erhalten und diese mit Schulen derselben Schulform und vergleichbarer sozialer Ausgangslage vergleichen können. Ziel sei nicht, Schulen zu kontrollieren, sondern gemeinsam zu erkennen, wo Verbesserungen notwendig seien und wo Schulen bereits erfolgreich arbeiteten. Auch Schülerfeedback soll dabei eine größere Rolle spielen. Mehr als 2.800 Schulen hätten sich bereits freiwillig beteiligt.
Beim Lehrkräftemangel verwies Feller auf die weiterhin angespannte, regional, aber sehr unterschiedliche Situation. Unter anderem würden Lehrkräfte zeitweise von besser versorgten an stärker belastete Schulen abgeordnet. Zusätzlich wurden Studienplätze für Grundschullehramt und Sonderpädagogik ausgeweitet, weitere Maßnahmen zur Gewinnung von Lehrkräften umgesetzt und die Besoldung angepasst. Feller erwartet, dass sich die Situation bei den Grundschullehrkräften Anfang der 2030er – Jahre verbessern wird. Auch die Lehrerfortbildung soll stärker landesweit koordiniert werden.
Auch Digitalisierung und Künstliche Intelligenz seien, trotz Kritik, aus dem Schulalltag nicht mehr wegzudenken. Gemeinsam mit der Universität Siegen und 25 Schulen entwickelt das Land derzeit KI – Assistenten für Mathematik und Deutsch. Diese sollen Schülerinnen und Schüler beim Lösen von Aufgaben unterstützen und nicht die Lehrkraft ersetzen. Feller sieht darin auch eine Möglichkeit, Lehrkräfte zu entlasten und ihnen mehr Zeit für einzelne Schülerinnen und Schüler zu geben.
Daneben betonte die Ministerin die Bedeutung der beruflichen Bildung. Nicht jeder müsse das Abitur machen; berufliche und akademische Bildung seien gleichermaßen wichtig. Schülerinnen und Schüler müssten besser beim Übergang von der Schule in Ausbildung und Beruf unterstützt werden. Auch der Wunsch nach mehr praktischem „Lebenswissen“ sei berechtigt. Themen wie Versicherungen, Verträge, Ernährung oder Steuern könnten allerdings nicht beliebig als neue Fächer in den Stundenplan aufgenommen werden, sondern sollten stärker in bestehende Fächer integriert werden. Praktiker aus Unternehmen und anderen Bereichen könnten dabei ihr Wissen direkt in die Schulen bringen.
Zum Abschluss stellte Feller die Demokratiekompetenz als weitere wichtige Basiskompetenz heraus. Schülerinnen und Schüler müssten lernen, sich eine eigene Meinung zu bilden und zugleich andere demokratische Positionen auszuhalten. Schule könne dabei einen wichtigen Beitrag leisten, dürfe die Verantwortung ab er nicht allein tragen. Gerade angesichts sozialer Medien und der kommenden Landtagswahl müsse jungen Menschen die Möglichkeit gegeben werden, sich sachlich und möglichst neutral über politische Positionen zu informieren.
Fragen aus dem Publikum
In der anschließenden Fragerunde standen vor allem die praktischen Schwierigkeiten der Umsetzung im Mittelpunkt. Eine Grundschulleiterin schilderte den Lehrkräftemangel an ihrer Schule und fragte, wie zusätzliche Aufgaben wie die ABC – Klassen bewältigt werden sollten, wenn bereits heute viele Unterrichtsstunden fehlten. Feller verwies auf die geplanten Maßnahmen gegen den Lehrkräftemangel und betonte, dass konkrete Engpässe gemeinsam mit Schulamt und Bezirksregierung betrachtet werden müssten.
Auch der fehlende Schulraum wurde angesprochen. Eine Schulleiterin berichtete, dass Förderangebote teilweise auf Fluren oder anderen eigentlich nicht dafür vorgesehenen Flächen stattfinden müssten. Feller verwies auf die Verantwortung der Schulträger und auf zusätzliche Investitions möglichkeiten des Landes.
Ein weiterer Schwerpunkt war das AOSF – Verfahren zur Feststellung sonderpädagogischer Förderbedarfe. Kritisiert wurde, dass entsprechende Verfahren teilweise zu spät eingeleitet würden. Feller verwies auf eine wissenschaftliche Überprüfung des Verfahrens und kündigte Änderungen beziehungsweise Erprobungen in einzelnen Regierungsbezirken an. Kritisch hinterfragt wurden außerdem die ABC – Klassen selbst. Ein ehemaliger Lehrer verwies auf Bedenken aus einer Landtagsanhörung und warnte unter anderem vor einer möglichen Stigmatisierung der Kinder. Feller verteidigte das Konzept. Sie halte eine frühzeitige und verbindliche Förderung für notwendig und sehe es als problematischer an, wenn Kinder erst später im regulären Unterricht dauerhaft erleben, dass sie den Anforderungen nicht folgen können. Gleichzeitig stellte sie klar, dass die ABC – Klassen allein die Probleme nicht lösen könnten und Förderung bereits früher beginnen müsse.
Weitere Fragen betrafen eine überparteilichere und langfristigere Bildungspolitik, die Umsetzung der Digitalisierung an Ersatzschulen sowie die Situation von Leistungssportlerinnen und Leistungssportlern an Sportschulen, die durch Training und Wettkämpfe häufig im Unterricht fehlen. Bei der Frage nach den Sportschulen kündigte Feller an, die konkrete Problematik zunächst prüfen zu lassen.
Am Ende blieb damit vor allem eine Botschaft: Die Probleme im Bildungssystem lassen sich nach Fellers Einschätzung nicht mit einer einzelnen Reform lösen. Entscheidend seien langfristige Maßnahmen – von der frühen Förderung über Basiskompetenzen und bessere Qualitätsentwicklung bis hin zu Lehrkräfte versorgung, Digitalisierung und Demokratiebildung.
