Wir sind ständig online. Aber wissen wir auch, was stimmt?

Nachrichten erreichen uns zwischen Videos, Chats und Memes. Künstliche Intelligenz verfasst Texte, Plattformen sortieren Inhalte und manchmal sieht eine Falschmeldung überzeugender aus als eine echte Nachricht. Wie finden wir heraus, was wir glauben können? Und wer bringt uns das eigentlich bei?

Ein Video taucht zwischen zwei Clips auf. Jemand behauptet, etwas sei gerade passiert. Die Kommentare überschlagen sich, andere schicken den Beitrag weiter. Ist das eine Nachricht, eine Meinung oder einfach erfunden? Meistens haben wir nur wenige Sekunden, um uns dazu eine Meinung zu bilden und meistens scrollen wir schon weiter, bevor wir überhaupt darüber nachgedacht haben.

Teilnehmende der MedienWerksatt, einer Initiative des DesignCampus in Kooperation mit der Stadtbibliothek Mönchengladbach (Foto: www.design-campus.com

So sieht ein Teil unseres Medienalltags aus. Nachrichten kommen längst nicht mehr nur aus der Zeitung, der Nachrichtensendung oder von einer Nachrichtenseite. Sie begegnen uns auf Instagram, TikTok und YouTube, in Podcasts, Gruppen-Chats und manchmal auch in Chats mit einer KI-App. Wir suchen nicht immer gezielt nach Informationen. Oft finden sie auch uns. Das verändert nicht nur, wie wir Nachrichten konsumieren. Es verändert auch, wem wir zuhören, was wir für wichtig halten und wie wir entscheiden, ob eine Information glaubwürdig ist.

Nachrichten zwischen Story und Schulchat

Dass soziale Medien für junge Menschen eine wichtige Rolle spielen, zeigt der Digital News Report 2025 des Reuters Institute for the Study of Journalism. Bei den 18- bis 24-Jährigen in Deutschland nutzt etwa die Hälfte regelmäßig soziale Medien, um Nachrichten zu verfolgen. Für ungefähr ein Drittel sind sie sogar die wichtigste Nachrichtenquelle. Ein Teil dieser Altersgruppe begegnet laut dem „Digital News Report 2025 vom Reuters Institut Nachrichten ausschließlich auf solchen Plattformen.

Das bedeutet nicht, dass junge Menschen sich nicht für Politik, Krisen oder das Weltgeschehen interessieren. Es bedeutet vor allem, dass Nachrichten dort auftauchen, wo wir ohnehin Zeit verbringen. Ein Bericht über eine Wahl kann neben einem Comedy-Video stehen, ein Interview mit einer Politikerin zwischen Beauty-Tipps und Sportclips. Die Plattform macht zunächst kaum einen Unterschied zwischen Unterhaltung, Werbung, Meinung und Journalismus: Alles steht in Form von Bildern, Texten und Videos nebeneinander.

Die Herausforderung besteht darin, diese Inhalte auseinanderzuhalten. Wer hat den Beitrag veröffentlicht? Was will die Person damit erreichen? Beruht die Behauptung auf überprüfbaren Informationen? Und vielleicht fehlt der Kontext der ganzen Geschichte. 

Dazu kommt: Nicht jede Nachricht fühlt sich relevant an. Große Krisen und negative Schlagzeilen können belasten. Die repräsentative JIM-Studie 2024, für die in Deutschland 1.200 Jugendliche zwischen zwölf und 19 Jahren befragt wurden, zeigt, dass 83 Prozent grundsätzlich Interesse an Nachrichten haben. Bereits 2024 ist in der JIM-Studie festgestellt worden, dass ein großer Teil zu viele negative Meldungen als belastend empfindet und daher Nachrichten gelegentlich bewusst vermeidet.

Manchmal sind es auch einfach zuviele Nachrichten und dann bleibt die Frage, wie wir informiert bleiben können, ohne uns von der täglichen Flut überrollen zu lassen.

Ein professionelles Video ist noch kein Beweis

Ein Beitrag kann seriös aussehen und trotzdem falsch sein. Ein Bild kann aus einem anderen Zusammenhang stammen. Eine Überschrift kann etwas behaupten, das der Text gar nicht belegt. Und ein Video kann echt wirken, obwohl es bearbeitet oder mit künstlicher Intelligenz erstellt wurde.

Gerade online verlassen wir uns schnell auf äußere Merkmale wie eine professionelle Gestaltung, viele Likes oder eine Person, die selbstbewusst redet. Doch Reichweite und Bekanntheit sind kein Beweis für Richtigkeit.

Wie schwierig es sein kann, die Glaubwürdigkeit von Informationen einzuschätzen, zeigt eine wissenschaftliche Untersuchung von Sam Wineburg und Sarah McGrew aus dem Jahr 2019. Die Forschenden ließen erfahrene Internetnutzer*innen, Historiker*innen, professionelle Redakteur*innen und Studierende Onlinequellen bewerten. Dabei zeigte sich: Selbst Menschen mit viel Wissen konnten sich von professionell wirkenden Webseiten täuschen lassen. Redakteur*innen gingen anders vor. Statt lange auf einer einzigen Seite zu bleiben, öffneten sie weitere Tabs und recherchierten, wer hinter einer Behauptung steckt und was andere zuverlässige Quellen darüber berichten. Diese Methode wird häufig als lateral reading bezeichnet. Das bedeutet: querlesen, indem man die ursprüngliche Seite verlässt und andere Quellen hinzuzieht.

Das lässt sich auch im Alltag anwenden. Wir können nach der ursprünglichen Quelle suchen, die Meldung mit anderen seriösen Berichten vergleichen und prüfen, ob Bilder und Zitate tatsächlich zum behaupteten Ereignis gehören. Wichtig ist dabei, zwei Fragen zu unterscheiden: Ist die Quelle vertrauenswürdig? Und stimmt die konkrete Behauptung tatsächlich? Die Studie zeigt auch, dass kritisches Prüfen keine angeborene Fähigkeit ist, die manche Menschen einfach besitzen. Es ist eine Praxis, die man lernen und üben kann.

Teilnehmende der Medienwerkstatt des DesignCampus bei der Recherchearbeit und Vorbereitung einer Berichterstattung

Wenn die KI eine Antwort hat

Mit KI kommt eine weitere Ebene hinzu. Chatbots können Texte zusammenfassen, Begriffe erklären und bei der Recherche helfen. Sie liefern Antworten in Sekunden und formulieren oft so flüssig, dass sie überzeugend klingen. Genau darin liegt auch eine Schwierigkeit: Eine gut formulierte Antwort ist nicht automatisch eine richtige Antwort.

Die JIM-Studie 2024 zeigt, wie schnell KI-Anwendungen im Alltag Jugendlicher angekommen sind: 62 Prozent der Befragten nutzten KI-Anwendungen wie ChatGPT. Häufig ging es um Schule und Hausaufgaben, aber auch um Unterhaltung und Informationssuche.

KI kann also ein praktisches Werkzeug sein. Sie kann uns einen Einstieg in ein unbekanntes Thema ermöglichen oder komplizierte Begriffe verständlicher machen. Doch wenn sie falsche Angaben macht, Quellen ungenau wiedergibt oder wichtige Zusammenhänge auslässt, hilft ihre überzeugende Sprache wenig. Wer eine Antwort übernimmt, ohne sie zu überprüfen, gibt einen Teil der eigenen Urteilsarbeit ab.

Auch für den Journalismus stellt sich damit eine neue Frage: Was darf eine Redaktion einer KI überlassen und wofür muss ein Mensch verantwortlich bleiben? KI kann bei der Auswertung von Informationen oder beim Formulieren unterstützen. Aber sie kann nicht von selbst garantieren, dass eine Behauptung ausreichend geprüft ist. Entscheidend ist daher, wie transparent ihr Einsatz ist, wie Informationen überprüft werden und wer für veröffentlichte Inhalte einsteht.

Wer bringt uns bei, was wir glauben können?

Medienkompetenz klingt nach einem Schulfach. In Wirklichkeit begegnet sie uns an vielen Orten: im Unterricht, zu Hause, in der Bibliothek, beim Lesen einer Nachricht, im eigenen Podcast oder in der Schülerzeitung oder bei Freunden.

Auch wenn wir Medien täglich nutzen, versteht deshalb nicht jeder automatisch, wie Plattformen funktionieren, wie Nachrichten entstehen oder wie man Informationen überprüft. Umgekehrt bedeutet ein älteres Alter nicht automatisch mehr Medienkompetenz. Auf der einen Seite bringen Jugendliche viel Erfahrung im Nutzen aktueller Plattformen, Formate und digitaler Kommunikationsweisen mit und auf der anderen Seite gibt es Lehrkräfte, Journalist*innen und Medienpädagog*innen, die Wissen über Recherche, Quellenprüfung, journalistische Standards und die Wirkung von Medien einbringen können. Diese Erfahrungen ergänzen einander, ersetzen sich aber nicht.

Dass Medienkompetenz gezielt vermittelt werden muss, betont auch die Europäische Kommission in ihren 2026 aktualisierten Leitlinien für Lehrkräfte und pädagogische Fachkräfte. Sie verweisen auf Herausforderungen durch Falschinformationen, KI und soziale Medien und stellen konkrete Ansätze für die Bildungsarbeit vor. Die Leitlinien machen deutlich, dass Lehrende dabei Unterstützung und praxisnahe Materialien benötigen.

Damit stellt sich eine Frage, die im Schulalltag leicht untergeht: Wie gut sind eigentlich diejenigen vorbereitet, die uns den kritischen Umgang mit Medien vermitteln sollen? Kennen sie die Plattformen, auf denen wir unterwegs sind? Haben sie Gelegenheit, ihr Wissen über KI und digitale Desinformation zu aktualisieren? Und wie verbinden sie persönliche Medienerfahrung mit fachlichem Wissen und pädagogischer Praxis?

Medien verändern sich schnell. Niemand kann jede Plattform, jeden Trend und jede neue KI-Anwendung kennen. Gerade deshalb gehört es zur Medienkompetenz, die eigenen Grenzen zu kennen, Fragen zuzulassen und selbst weiterzulernen. Vielleicht macht es mehr Sinn, Medienkompetenz nicht als fertiges Wissen zu verstehen, das Erwachsene an Jugendliche weitergeben. Sie ist eher eine gemeinsame Aufgabe: Informationen hinterfragen, Fehler erkennen, die eigenen Gewohnheiten reflektieren und offen dafür bleiben, dazuzulernen.

Teilnehmende der Medienwerkstatt vom Design-Campus bei der Podcast-Produktion

Nicht nur zuschauen, sondern selbst berichten

Jugendliche sind nicht nur Zielgruppe. Sie können selbst journalistisch arbeiten und in Schülerzeitungen, Podcasts, Schulblogs oder anderen eigenen Formaten veröffentlichen . Sie können Themen aufgreifen, die in großen Medien zu wenig vorkommen, Menschen aus ihrem Umfeld befragen und aus ihrer Perspektive erzählen, was sie beschäftigt.

Das ist mehr als eine praktische Übung. Wer selbst einen Beitrag produziert, merkt schnell, wie viele Entscheidungen hinter einer Veröffentlichung stecken: Welche Informationen sind relevant? Wen muss man fragen? Wie lässt sich eine Behauptung belegen? Welche Überschrift passt, ohne etwas zu verdrehen? Und was tun, wenn sich später herausstellt, dass etwas nicht stimmt?
Solche Erfahrungen können auch den Blick auf professionellen Journalismus verändern. Nachrichten entstehen nicht einfach, weil jemand eine Kamera einschaltet oder einen Text schreibt. Gute journalistische Arbeit braucht Recherche, Einordnung, Überprüfung und die Bereitschaft, Verantwortung für Veröffentlichungen zu übernehmen.

Der Reuters Institute Digital News Report beschreibt, wie junge Erwachsene sich zunehmend über soziale Netzwerke, Videos und einzelne Nachrichtenmacher*innen informieren. Für Medienhäuser wird es damit wichtiger, junge Menschen dort zu erreichen, wo sie tatsächlich Inhalte entdecken und Themen in verständlichen, passenden Formaten aufzubereiten. Dabei bleibt die Frage, wie in einer Umgebung von persönlichen Meinungen, Unterhaltung und Nachrichten eine seriöse Berichterstattung sichtbar gemacht werden kann.

Eigene Medienprojekte können hier einen Unterschied machen. Sie ermöglichen es, nicht nur über Medien zu reden, sondern selbst zu erfahren, wie Berichterstattung funktioniert und wo ihre Grenzen liegen.

Teilnehmende bei einer Interviewsituation im Rahmen der Medienwerkstatt des DesignCampus

Am 5. November 2026 bringt der newSroom von Standpunktmagazin Menschen zusammen, die diese Fragen aus unterschiedlichen Perspektiven kennen:

Wie erleben wir Medien und Journalismus? Die Frage klingt zunächst einfach. Doch dahinter stecken viele weitere: Wem vertrauen wir, wenn unterschiedliche Quellen einander widersprechen? Wie verändert KI unsere Vorstellung von Wahrheit? Was können wir von professionellen Journalist*innen lernen und was können Erwachsene von Jugendlichen lernen? Und wie gelingt Medienbildung, wenn sich die digitalen Werkzeuge schneller verändern als die Lehrpläne?

Teilnehmende beim newSroom Redaktionsgespräch im September 2026

Wie erleben wir Medien und Journalismus? Darüber wollen wir nicht nur schreiben, sondern miteinander ins Gespräch kommen. Am Donnerstag, 5. November 2026, um 18 Uhr lädt die Standpunkt-Redaktion wieder zum newSroom in den Wandelsaal ein.
Mit Dr. Susanne Vollstädt vom Journalistischen Seminar der Universität Mainz, Sabine Kainth als Medienpädagogin der Stadtbibliothek Mönchengladbach, Peggy Gennes und Christian Wagner als Lehrkräfte und Digitalisierungsbeauftragte sowie den Redakteur*innen des Standpunktmagazins und der Podcastredaktion des Gymnasiums Gartenstraße kommen ganz unterschiedliche Erfahrungen zusammen. Genau das macht den Austausch für uns spannend.
Wir möchten darüber sprechen, wie junge Menschen Nachrichten nutzen, wie sie verlässliche Informationen erkennen und was sich durch soziale Medien und KI verändert. Auch die Frage, wie Medienkompetenz vermittelt wird und was wir dabei voneinander lernen können, soll Raum bekommen.
Gemeinsam wollen wir darüber sprechen, wie junge Menschen Nachrichten nutzen, wie sie verlässliche Informationen von Falschmeldungen unterscheiden und was sich durch soziale Medien und künstliche Intelligenz verändert. Dabei geht es auch um die Frage, wie Medienkompetenz vermittelt wird und wie gut diejenigen, die sie lehren, auf die Herausforderungen der digitalen Medienwelt vorbereitet sind.
Der newSroom ist als offener Austausch gedacht: Unterschiedliche Erfahrungen und Meinungen sind ausdrücklich willkommen. Es geht nicht darum, fertige Antworten zu präsentieren, sondern Fragen zu stellen, voneinander zu lernen und gemeinsam neue Perspektiven zu entdecken. Also kommt vorbei und bringt eure Erfahrungen und Perspektiven mit!

Auch bei der neuen Gesprächsreihe mit Sema Kouschkerian „Vier Feiertage für ein junges Mönchengladbach“ in der Zentralbibliothek steht unser digitaler Alltag im Mittelpunkt:

Felix Peters und Elif Koca im Kennenlerngespräch zur Podiumsdiskussion mit der Moderatorin Sema Kouschkerian

Wie frei sind wir in sozialen Medien? Welche Risiken birgt die digitale Dauerpräsenz? Und braucht es eine Altersgrenze für Instagram und Co.? 
Mit diesen Fragen beschäftigten sich die Gäste der Auftaktveranstaltung „Auf Sendung: Immer online“ in der Zentralbibliothek Carl Brandts Haus, am Freitag, den 6. November 2026, um 19:30 Uhr. Sie ist der erste von 4 Terminen der neuen Gesprächsreihe „Vier Feiertage für ein junges Mönchengladbach“. Oberbürgermeister Felix Heinrichs eröffnet den Abend, an dem unterschiedliche Perspektiven auf die digitale Lebenswelt aufeinandertreffen. 
Unter der Moderation von Journalistin Sema Kouschkerian diskutieren: Elif Koca und Felix Peters vom Gladbacher Jugendmagazin „Standpunkt“, Influencer Marvin Sperber, Dr. Susanne Vollstädt vom Journalistischen Seminar der Uni Mainz und Leitung der Stadtbibliothek, Yilmaz Holtz-Ersahin. Über Chancen und Schattenseiten sozialer Medien.
Die Gesprächsreihe versteht sich als Einladung zur offenen Debatte. Denn online zu sein bedeutet nicht automatisch, sich auch auszukennen. Umso wichtiger ist es, Erfahrungen auszutauschen, Widersprüche auszuhalten und gemeinsam darüber nachzudenken, wie ein verantwortungsvoller Umgang mit sozialen Medien aussehen kann. Der WandelSaal wird zum Ort für Fragen und Argumente. Und natürlich für ganz neue Sichtweisen, auch im Austausch mit dem Publikum. Die Teilnahme ist kostenlos und anmeldefrei.

Quellen und redaktionelle Hinweise

Für die Recherche wurden vor allem diese Quellen verwendet:

  • JIM-Studie 2024, repräsentative Befragung von 1.200 Jugendlichen zwischen zwölf und 19 Jahren in Deutschland zu Mediennutzung, Nachrichteninteresse und KI: Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest, JIM-Studie 2024⁠
  • Reuters Institute Digital News Report 2025 – Deutschland, Untersuchung der Nachrichtennutzung und der Rolle sozialer Medien: Leibniz-Institut für Medienforschung Hans-Bredow-Institut⁠
  • Reuters Institute, Digital News Report 2025, internationale Analyse des Wandels im Nachrichtenkonsum: Reuters Institute for the Study of Journalism⁠
  • Wineburg & McGrew (2019), wissenschaftliche Studie zum Prüfen der Glaubwürdigkeit digitaler Quellen: Lateral Reading and the Nature of Expertise⁠
  • Europäische Kommission (2026), Leitlinien zur Förderung digitaler Medienkompetenz und zum Umgang mit Desinformation im Bildungsbereich: Guidelines for teachers and educators on tackling disinformation⁠