Ostturkestan: Wo Kultur auf Unterdrückung trifft

Was kann ein Teller Nudeln über ein ganzes Volk erzählen? Um das herauszufinden, besuchen wir ein uigurisches Restaurant und treffen einen Menschen, der mit seiner Küche nicht nur Gerichte, sondern auch die Kultur seiner Heimat bewahren möchte.

Reportage: Elif Koca, Fotos: Elif Koca und Teodora Tunaru

Erkin lächelt, während er uns zwei Teller dampfender Nudeln hinstellt. Es ist ein Gericht, das nach Heimat schmeckt – und für ihn heute weit mehr ist als nur ein Gericht auf der Speisekarte. Für unsere Reportage haben wir ein uigurisches Restaurant besucht, um anhand der Küche zu verstehen, wie eine bedrohte Kultur ihre Traditionen am Leben erhält.

Schon beim Eintreten in das Restaurant werden wir von dem Zischen und Braten aus der Küche begrüßt. Im Hintergrund läuft leise ein altes türkisches Lied und ergänzt die Atmosphäre perfekt. Der Duft verschiedenster Gewürze liegt in der Luft – Gerüche, die sich nicht sofort einordnen lassen. Für uns ist schon vor dem Probieren klar, dass uns etwas Besonderes erwartet. Die Speisekarte bietet eine große Auswahl an Gerichten – von Plov mit Lammfleisch bis hin zu gefüllten Teigtaschen. Doch ein Detail fällt sofort ins Auge: die Vielfalt an hausgemachten Nudeln. Um zu verstehen, was diese Spezialitäten so besonders macht, führt uns unser Weg vorbei an den belegten Tischen direkt dorthin, wo das Handwerk stattfindet: in die Küche.

Dort empfängt uns der Küchenchef persönlich. Zunächst geht es an die Vorbereitung der Nudeln, auf Uigurisch „Laghman“genannt.„Der Teig wird jeden Tag frisch zubereitet, damit die Konsistenz der Nudeln auch stimmt.“, erklärt uns Erkin. Der Teig aus Mehl, Wasser und Salz wird zunächst auf einem Blech ausgerollt und im Kühlschrank aufbewahrt. Vor dem Kochen müssen die Teigsträhnen jedoch erst von Hand in die Länge gezogen werden. Mit geübten Handgriffen wickelt der Küchenchef die Teigstränge um seine Handgelenke und schleudert sie mit voller Wucht auf die Küchenplatte. Dieser Vorgang wird mehrmals wiederholt, damit die Nudeln ihre typische Länge und Dünne erhalten.


Nebenbei erzählt uns Erkin von seiner Motivation: „Das Restaurant habe ich vor zwei Jahren eröffnet. Vorher hatte ich nicht viel Erfahrung in der Gastronomie. Es war mir aber wichtig, ein Stück meiner Heimat in Deutschland sichtbar zu machen.“

Nach der ersten Bearbeitung wird der Teig für einige Minuten in kochendes Wasser gelegt. Währenddessen wird schon die Soße zubereitet: Kleingeschnittene Paprika, Lammfleisch und verschiedene Gewürze werden im Wok gebraten. Während des Kochens füllt sich die Küche mit herzhaften Düften. 

Kurz darauf stehen die dampfenden Teller vor uns: Zurück am Tisch probieren wir die frisch zugebreiteten Laghman. Die Nudeln unterscheiden sich von den in Europa bekannten, üblichen Nudeln: Sie sind weicher, dicker und gefühlt unendlich lang. Die Gewürze ergänzen den feinen Geschmack des Lammfleisches perfekt. „An Wochenenden und Feiertagen ist es hier immer brechend voll. Den Leuten hier schmeckt die uigurische Küche.“, erzählt uns Erkin weiter. Kein Wunder, denn wie ein uigurisches Sprichwort besagt: „Alle Welt liebt chinesisches Essen und alle Chinesen lieben uigurisches Essen.“

Der Sage nach hat Marco Polo die uigurischen Nudeln während seiner Weltreise gesehen und die Idee mit mach Europa genommen. 
Die Heimat, von der viele Uiguren erzählen, ist für viele Menschen in Deutschland unbekannt. Das ist auch einer der Gründe, warum Erkin so gerne in der Gastronomie arbeitet: Jeder Gast weiß nach seinem Besuch viel mehr über die uigurische Kultur als zuvor. Deshalb ist auch das Innere des Restaurants traditionell dekoriert. An den Wänden sieht man von Porträts von bekannten turkischen Gelehrten wie Mahmūd al-Kāschgarī sowie traditionellen Kopfbedeckungen und Musiknstrumente.

Die Heimat der Uiguren liegt im Nordwesten Chinas, umgeben von großen Gebirgen und Wüsten. Der offizielle Name lautet „Xinjiang“ und stammt aus dem Chinesischen. Wörtlich übersetzt heißt er „Neue Grenze“. Unter den Uiguren wird die Region aber häufig als Ostturkestan bezeichnet. Denn vor der Eroberung des Gebiets im 18. Jahrhundert durch das chinesische Kaiserreich wurde Xinjiang von uigurischen Herrschern kontrolliert. „Turkestan“ heißt hingegen „Land der Türken“. Historisch bezeichnete Turkestan ein riesiges Gebiet in Zentralasien, das überwiegend von turksprachigen und muslimischen Völkern bewohnt war (z.B. Kasachen, Usbeken und Kirgisen).

Heute ist Xinjiang eine autonome Region in der Chinesischen Volksrepublik. Der autonome Status von Xinjiang verspricht in der Theorie Selbstverwaltung, aber in der Praxis sieht das ganz anders aus.

Erkin, der Inhaber von Atush ist in der Türkei geboren und aufgewachsen – einem der Länder, in das viele uigurische Familien auf der Flucht vor der Unterdrückung in Xinjiang gelangt sind. Die weltweite Diaspora wird mittlerweile auf über 500.000 Menschen geschätzt. Denn in ihrer Heimat sind Uiguren schwerer Unterdrückung ausgesetzt. Laut vielen Menschenrechtlern begeht China einen Genozid an den Uiguren. Als Teil der strengen Assimilationspolitik Chinas, werden ihnen kulturelle und religiöse Praktiken verboten. Tausende Uiguren werden in sogenannte „Umerziehungslager“ verschleppt, wo laut UN-Berichten zahlreiche Verbrechen gegen die Menschlichkeit von chinesischen Sicherheitskräften begangen werden. In den „Xinjiang Police Files“, die 2022 durch einen Hackerangriff an die Öffentlichkeit gelangten, werden die unmenschlichen Bedingungen und die systematische Folter in den Internierungslagern dokumentiert.

Als Erwachsener kommt Erkin schließlich nach Deutschland, wo er zunächst in München wohnt. Unter Exiluiguren ist München sehr beliebt, denn dort existiert schon seit den 1970er-Jahren eine kleine uigurische Gemeinschaft. Auch der Hauptsitz des Weltkongresses der Uiguren (WUC) befindet sich seit 2004 in München. Der WUC ist die mit Abstand wichtigste und einflussreichste Institution für die uigurische Diaspora weltweit. Er verschafft den Anliegen der Uiguren Gehör bei den Vereinten Nationen (UN), der EU und westlichen Regierungen. Zudem werden hier Belege über Menschenrechtsverletzungen in Xinjiang gesammelt. Trotz des großen Einflusses steht der Weltkongress der Uighuren unter dauerhafter Beobachtung. Die chinesische Regierung stuft den WUC als eine separatistische Organisation ein, weshalb Aktivisten im Ausland und deren Familien in der Heimat oft starkem Druck, digitaler Spionage und Bedrohungen ausgesetzt sind.

Um mehr über die chinesische Einschüchterung von Exil Uyghuren zu erfahren, haben wir mit dem Präsidenten des Weltkongresses der Uighuren, Turgunjan Alawdun, gesprochen. Er ist selbst als junger Erwachsener aus Xinjiang ausgewandert, da ihm in seiner Heimat aufgrund seiner politischen Aktivität kein Studienplatz gewährt wurde.


Ich kann mit niemandem aus meiner Familie in Verbindung treten, da alle Gespräche abgehört werden.“

Turgunjan Alawdun


Laut ihm werden politisch aktive Uighuren im Ausland durch Anrufe mit Familienmıtgliedern und Angehörigen in der Heimat bedroht. „Meine Mutter wurde im Alter von 75 Jahren in ein Umerziehungslager verschleppt. Sie konnte den dortigen Bedingungen nicht standhalten.“, erinnert sich Turgunjan Alawdun.„Es werden mehr als 20 Personen in einem geschlossenen Raum untergebracht. Die hygenischen Bedingungen sind katastrophal. Außerdem erhalten die Insassen nicht genügend Nahrung. Muslimische Insassen werden dazu gezwungen, Schweinefleisch zu essen, nur um sie zu erniedrigen“ erzählt er weiter. Seine Mutter verstarb später an den Folgen ihrer Erkrankung.

Was für uns im Westen unvorstellbar ist, ist für viele uyghurische Menschen bittere Lebensrealität. Mit dem Wissen, dass ein Volk so viel Ungerechtigkeit erfährt, verändert sich der Blick auf ein scheinbar normales Restaurant. „Atush“ steht nicht nur für ein kulinarisches Angebot – es repräsentiert vielmehr den Widerstand der Uiguren gegen ihre Assimilation und einen andauernden Völkermord.

„Viele Menschen wissen gar nicht, wer die Uyghuren sind. Aufklärungsarbeit würde uns deshalb viel helfen.“

Turgunjan Alawdun

Beim Verlassen des Restaurants verabschieden wir uns von Erkin mit dem Verpsrechen, die Geschichte seines Restaurants an mehr Menschen weiterzutragen. Trotz der dramatischen Lage in seiner Heimat blickt er hoffnungsvoll in die Zukunft und freut sich, wenn sich mehr Menschen für die uighurische Kultur interessieren. Wie viel sich verändern kann, liegt auch an den Menschen, die in Freiheit leben – etwa durch bewusste Aufklärungsarbeit oder den gezielten Boykott von Unternehmen, die mit Zwangsarbeit in Xinjiang in Verbindung gebracht werden.

Quellen:

https://dip.bundestag.de/vorgang/v%C3%B6lkermord-an-den-uiguren-der-kommunistische-partei-chinas-in-xinjiang/277306

https://www.bpb.de/themen/asien/china/541075/chinas-umgang-mit-den-uiguren/

https://www.amnesty.de/informieren/amnesty-journal/china-minderheiten-uiguren-xinjiang-perfide-unterdrueckung

https://www.tagesschau.de/investigativ/ndr/china-cables-uiguren-103.html

https://www.bundestag.de/resource/blob/842378/Stellungnahme-SV-Pils.pdf

https://www.deutschlandfunkkultur.de/unterdrueckte-uiguren-in-china-das-ausloeschen-einer-kultur-100.html