GESELLSCHAFT

Was ist Dein Abi wirklich wert?

Maximilian Mühlens / jugendfotos.de
Maximilian Mühlens / jugendfotos.de

Nach zwölf oder dreizehn Jahren Schule halten in diesen Wochen viele Schülerinnen und Schüler voller Stolz ihr Abiturzeugnis in den Händen. Über ein Viertel von ihnen hat ein Einser-Abitur hingelegt und stellt sich jetzt die Frage, was sie mit so einem wertvollen Abitur anfangen können.

Die Anzahl der Abiturienten hat sich in den letzten zehn Jahren mehr als verdoppelt und bei einem Viertel der Abiturienten stand bereits 2013 auf ihrem Abschlusszeugnis eine Eins vor dem Komma.

Aber wieviel Wert hat das Abitur heute noch wirklich? Leider nicht so viel, denn die mit dem Abitur verliehene Studienberechtigung bedeutet heute nicht unbedingt auch eine Studienbefähigung.Geht man von der massiven Bestnotenentwicklungen der letzten zehn Jahren aus, so müssen Deutschlands Schüler unvergleichbar intelligenter geworden sein. Aus Sicht des Deutschen Philologenverbandes liegt “die nachweisbare massive Zunahme von Einser-Schnitten mit Sicherheit nicht daran, dass in Deutschland bei Abiturienten plötzlich eine Leistungsexplosion stattgefunden hat.”

Wieso werden die Abschlüsse immer besser?

Die Statistik der Kultusministerkonferenz belegt einen stetigen Anstieg der Bestnoten. Vor zehn Jahren hatte in Deutschland noch nicht einmal jeder hundertste Abiturient einen Schnitt von 1,0. Seitdem steigt ihr Anteil beständig. 2014 waren es schon 50 Prozent mehr als 2006, die die Bestnote erhielten.

Angefangen hat der Anstieg der sehr guten Abitur-Schnitte mit der Einführung des Zentralabiturs. Um zu gewährleisten, dass auch wirklich jeder Schüler die Aufgaben lösen konnte, wurden die Wahloptionen der Fächer schülerfreundlicher, die mündlichen Noten gestärkt und die Abituraufgaben auf einem niedrigeren Niveau angepasst. Dass sich die Abituraufgaben verändert haben, ist ein bundesweiter Trend, der viel mit dem Pisa-Schock von 2001 zu tun hat. Seither wird in Lehrplänen und Prüfungen weniger Wert auf Fachwissen gelegt. Stattdessen zählt die Anwendung der erlernten Kompetenzen, es geht um Teamfähigkeit, Lesekompetenz oder darum, gelungene Präsentationen zu geben. Kompetenzorientierung nennen Bildungsforscher dieses Konzept.

Heute rückt Fachwissen in den Hintergrund und stattdessen zählt vor allem Selbst-, Sozial- und Methodenkompetenz.

Kein Wunder also, dass es einfacher wurde, eine Top-Note im Abitur zu erreichen. Derzeit plant die Kultusministerkonferenz für das Jahr 2017 sogar einen Abituraufgabenpool für alle Bundesländer zu erstellen. Da die Lerninhalte immer noch von den einzelnen Länderregierungen festgelegt werden, steht zu befürchten, dass das Abitur noch leichter wird. Denn das Ziel, möglichst alle Schüler zum Abitur zu bringen, funktioniert nur über eine Leistungssenkung.

Für manche Abitur-Aufgaben reicht es schon aus, lesen zu können, denn die Antworten sind ohnehin schon in der Aufgabenstellung versteckt.

Daher attestieren viele Universitäten und Unternehmen den Schulabgängern bereits eine mangelhafte (Allgemein-)Bildung und geringere Grundkenntnisse in den Naturwissenschaften und in der Rechtschreibung. Experten schätzen, dass nur sechzig Prozent der erfolgreichen Abiturienten überhaupt studierfähig sind.

Ein sinkendes Niveau wirkt sich für alle nachteilig aus. Zum Ersten ist die mit dem niedrigen Leistungsanspruch einhergehende Erreichbarkeit besserer Noten auch für die zukünftigen Abiturienten problematisch. Denn schon jetzt sind viele Studienfächer mit einem hohen NC belegt, so dass sich noch mehr Bewerber um die gleiche Anzahl an Studienplätzen bewerben würden. Und zweitens werden die schwächeren aber trotzdem gut benoteten Schüler spätestens im Studium ihre Probleme bekommen.

Die Noten zeigen den Schülern ein illusorisches Bild ihrer Leistungen – meinen zukünftige Arbeitgeber, die mit eigenen Prüfungsaufgaben bei ihrem Personalauswahlverfahren in Assessmentcentern auf die Noteninflation reagieren.

Chancengleichheit kann nicht über geschönte Noten erzielt werden, denn spätestens in der Weiterbildung scheitern die Schüler im System. Und wissen nicht warum, sie wähnten sich als besonders gut.