„Die Menschen hier sind von Putin sehr abhängig“

In Zeiten internationaler Krisen sind Manipulation und Propaganda als politisches Instrument stark in Mode. Nicht nur in Russland muss man aufpassen, wenn von der Regierung mit dubiosen Zustimmungswerten für die eigene Politik geworben wird. Der Wahrheitsgehalt verbreiteter Informationen sind in einem Land, das die Medienlandschaft weitestgehend kontrolliert, schwer einzuschätzen. Wir haben mit dem Soziologen Denis Volkov gesprochen, der sich am Lewada-Zentrum für unabhängige Meinungsforschung um die Wahrung unvoreingenommener Zahlen kümmert. Im Gespräch mit standpunkt gab es überraschende Erkenntnisse, die aber vor allem helfen, politische Prozesse und dessen gesellschaftlichen Hintergründe besser zu verstehen.

IMG_2788

Wir glauben, dass es in Deutschland ein stereotypes Bild von der russischen Jugend gibt, das sehr negativ ist. Was würden Sie über junge Leute in Russland sagen?

Ich glaube, das hängt vom Wohnort ab. Wenn wir von großen Städten wie Moskau oder Sankt Petersburg reden wird sich das nicht groß unterscheiden von Frankfurt oder Berlin in Deutschland. Junge Leute in großen Städten sind offener. Sie reisen mehr und sind daher vielleicht toleranter. Hier in Russland ist jedoch die Zustimmung gegenüber Migration nicht besonders groß, auch bei der jungen Generation. Zudem haben wir die Situation, dass es eine breite Zustimmung für die Regierung gibt, was ich mir durch fehlendes, politisches Interesse erkläre. Viele junge Leute hier kennen die historischen Hintergründe nicht und werden dadurch anfälliger für Propaganda. In kleineren Städten haben die Leute wenig Möglichkeiten, sich überhaupt zu informieren. Soziale Netzwerke sind da als Alternative sehr beliebt. Oft werden diese aber nur zum Vergnügen genutzt und nicht, um sich politisch zu informieren.

Wenn wir über soziale Netzwerke reden, was gibt es sonst noch für Kanäle, die von Jugendlichen genutzt werden?

Fernsehen ist hier sehr stark verbreitet. Etwa 90 Prozent der Bevölkerung informieren sich über staatliche Fernsehkanäle. Dazu wächst das Internet gerade sehr schnell. Es gibt dort beliebte Newskanäle, die seit der Ukraine-Krise aber zum größten Teil von der Regierung kontrolliert werden, was die Situation schwierig macht. Seit den Massenprotesten in den Jahren 2011 und 2012 sind auch unabhängige Zeitungen dem Druck der Regierung zum Opfer gefallen. Und seit den Maidan-Protesten hat sich noch einmal alles verändert, weil es ein dominierendes Thema in den Medien gibt, was dazu sehr emotional diskutiert wird. In dieser Periode und insbesondere nach der Annektierung der Krim sind die Beliebtheitswerte für Putin um etwa 20 Prozent gestiegen. Die starke Propaganda ist sicher ein Grund für diese Zahlen. Dazu muss man aber auch verstehen, dass es seit dem Zerfall der Sowjetunion ein Bedürfnis in der Bevölkerung gibt, zu alter Stärke zurückzukehren. Die russische Regierung hat darauf zu ihrem eigenen Nutzen klug reagiert.

Gibt es einen Zusammenhang zwischen Wohlstand und der Meinung zu Putin?

Bei Untersuchungen konnten wir sehen, dass es keine Rolle spielt, ob arm oder reich. Die Zustimmungswerte sind insgesamt sehr hoch zur Zeit. Wir nehmen aber an, dass diese Werte im Frühjahr vielleicht schon zurückgehen werden. Ein Trend zeichnet sich dort schon ab.

Wir haben mit jungen Bloggern geredet, die jetzt auf Facebook verbreiten, weil sie dort nicht unter das russische Medien- und Journalistengesetz fallen. Glauben Sie, dass diese Leute einen Einfluss auf die Bevölkerung haben oder ist das nicht sehr stark verbreitet?

Eher letzteres. Soziale Netzwerke können sicher nicht als eigenes Medium angesehen werden. Alexej Nawalny [Anm. d. R.: oppositioneller Aktivist und Kreml-Kritiker] hat vielleicht noch den größten Einfluss. Auf Twitter folgen ihm etwa eine Million Menschen, soweit ich weiß. Im Prinzip ist er die Medien. Leute wie Nawalny gibt es vereinzelt. Erfolgreich wird das aber auch erst mit der Hilfe unabhängiger Medien.

Gibt es Unterschiede bei dem politischen Engagement von Männern und Frauen im Vergleich?

Ich glaube, die gibt es. Unter den Regierungskritikern bei den Protesten der letzten Jahre gab es eine geringe Mehrheit bei der männlichen Gruppe. Ein weiterer Punkt ist interessant. Inzwischen sind viele Bürger des Landes beruflich abhängig vom Staat. Wladimir Putin hat nach seiner Wiederwahl 2012 hohe Gehaltserhöhungen versprochen und das hat viele Bürger dazu veranlasst sich in den Dienste des Staates zu stellen und sich loyal zu verhalten. Diese Gruppe wird oft als „dienende Klasse“ bezeichnet und ich glaube, das stimmt. Jedoch sehen wir auch, dass Wohltätigkeit in der Bevölkerung zunimmt und sich vielleicht eine Chance für sozialen Wandel ergibt, was auch zu einem politischen Umdenken führen kann. Das muss aber nicht zwingend der Fall sein.

Glauben Sie, dass es möglich ist, politische Veränderungen in drei Schritten zu erreichen?

Volkov: (grinst) Sie wollen von mir ein politisches Programm haben? Also, ich bin nicht in der Opposition und selbst die hat so etwas nicht. Trotz allem: Man sollte versuchen, die Bedürfnisse, Ängste und Interessen der Mehrheit zu verfolgen und ihre Positionen zu verstehen. Dazu ist es wichtig, die Bedeutung der zivilen Gesellschaft zu erkennen und zu unterstützen. Ich glaube, dass der Schutz von unabhängigen Organisationen sehr wichtig ist.

Gab es Zeiten, in denen es schwierig ist, unabhängige Forschung zu betreiben?

Ja und Nein. Wir hatten schwierige Situationen, in denen wir auch den Druck von Zeitungen gespürt haben. Heute sind wir in einer sicheren Position, bei der uns auch das befreundete Sacharow-Zentrum hilft. Das liegt aber sicher auch daran, dass wir hohe Zustimmungswerte des Präsidenten aufweisen können. Wir können aber nicht behaupten, das sich unsere Lage nicht jederzeit ändern kann.

Hier mehr Informationen zu den Hintergründen zur Meinungs- und Medienfreiheit in Russland.

Leave a reply

Antigone – schwerer klassischer Stoff?

Antigone – schwerer klassischer Stoff?

Vor 2500 Jahren hat Sophokles das Stück geschrieben. Die Botschaft des Dramas ist dennoch aktuell. Woran glauben, wofür leben wir? Was kann uns Antigone heute zum Thema Menschsein sagen? Die Aufführungen an der Gesamtschule Hardt wurden begeistert gefeiert. Wie bringt man so einen „schweren klassischen Stoff“ auf die Bühne? Auf die Bühne einer Schultheater-Aufführung? Michael Lange, der sich die…

Jetzt umsonst durch Europa reisen!

Jetzt umsonst durch Europa reisen!

Endlich 18. und alleine reisen! Einfach in den Zug steigen, nach Ungarn fahren, Lappland kennenlernen, mit Italienern durch Neapel ziehen. 30 Tage lang. Umsonst. Das klingt nach einem ziemlich tollen Traum. Vor vier Jahren war das auch noch einer. Aber seit Dienstag 12 Uhr könnte er für 15.000 junge Europäer wahr werden. Die EU-Kommission verlost 15.000 sogenannte Travel-Pässe (Interrail-Tickets) an 18-jährige EU-Bürger, mit denen sie für…

Jeder Tropfen zählt!

Jeder Tropfen zählt!

Es ist ein hochsommerlicher Maitag, als ich in Frankfurt ins Flugzeug steige um ins herbstliche Kapstadt, Südafrikas „Mother City“, aufzubrechen. Das Thema Bewusstseinswandel am Beispiel der Wasserkrise Südafrikas führen mich nach Kapstadt, der ersten Millionenmetropole der Welt, in der die Wasserversorgung abgestellt werden könnte. Die Ankündigung des „Day Zero“, dem Tag, an dem das Wasser endgültig zur Neige…

Kampf mit Worten

Kampf mit Worten

Mit Sonnenbrille, Mütze und Kapuzenpulli holte Sido rund 1500 Fans während der 1Live-Nacht mit alten und neuen Songs in der Red Box in Mönchengladbach ab. Insbesondere mit seinen alten Hits wie zum Beispiel „Bilder Im Kopf“ brachte der Rapper den Saal zum kochen. Die gleichnamige Single ist die mit Abstand erfolgreichste in Sidos Karriere. Eingängiger Radiosound, eingängige Texte – das…

Post aus Potsdam!

Post aus Potsdam!

Neues vom Schülerzeitungswettbewerb der Länder. Gerade hat uns die wunderbare Nachricht von der Jurysitzung in Potsdam erreicht: Wir gehören wieder zu den besten Schülerzeitungen bundesweit und haben den Sonderpreis der Vertretung der Europäischen Kommission in Deutschland gewonnen – wir freuen uns auf Berlin!!! Hier gehts zum ausgezeichneten Beitrag

The winner is…#Wertvolles Europa

The winner is…#Wertvolles Europa

Das neue Standpunkt-Team freut sich sehr über den zweiten Platz beim Schülerfoto- und Kurzfilmwettbewerbs „EuroVisions 2017“. Europaminister Stephan Holthoff-Pförtner hat die zehn Gewinnerbeiträge heute mit rund 100 Gästen im Landeshaus in Düsseldorf ausgezeichnet. Unter dem Motto „#Wertvolles Europa“ hatten sich mehr als 1700 Schülerinnen und Schüler der Sekundarstufen I und II in Nordrhein-Westfalen am Wettbewerb beteiligt. Die große Resonanz…

Die machen Bock auf Kunst.

Die machen Bock auf Kunst.

MG_ArtFriends« so nennt sich die neue Keimzelle von jungen Kunstinteressierten, die sich am vergangenen Donnerstag zum ersten Mal im alten Museum an der Bismarckstraße getroffen hatte. Eva Caroline Eick und Felicitas Fritsche-Reyrink sind die Initiatorinnen, die zum Kennenlernen in die derzeitige Ausstellung „VON DA AN“ eingeladen hatten. Ein optimaler Auftakt für die erste Inszenierung der jungen Kunstfreunde.

Thoughts on tortillas, Toledo and trilingualism

Thoughts on tortillas, Toledo and trilingualism

KOMMENTAR – COMMENT We flew to Spain for a few days in collaboration with Erasmus+ and here are just some cheesy thoughts about that journey for you…

Medien nutzen statt nur benutzen.

Medien nutzen statt nur benutzen.

Medien spielen in unserer Welt eine immer größere Rolle. Die Kommunikation und der Austausch von Informationen finden heute gerade bei Jugendlichen mehrheitlich auf multimedialen Kanälen statt. Damit in der Flut der Medien wichtige Informationen wie zum Beispiel schulinterne Aktivitäten und Nachrichten nicht verloren gehen, hat die Schülervertretung gemeinsam mit der Schülerzeitungsredaktion der Gesamtschule Hardt das…

Wie fühlt sich das Leben nach dem Abi so an?

Wie fühlt sich das Leben nach dem Abi so an?

Im Rahmen der bundesweiten Gründungswoche hat die standpunkt-Redaktion der Gesamtschule Hardt einen Tag des Unternehmergeistes 2018 umgesetzt und die Studien- und Berufswahlberatung mal entstaubt. Dazu wurden ehemaligen Mitschülerinnen und Mitschüler eingeladen, zu ihrem Studium, ihrer Ausbildung oder ihrem Beruf befragt und ihre Antworten als  Picterviews festgehalten. Vorbereitet und unterstützt wurde das Treffen von Q1 Schülerinnen und Schülern des aktuellen Erasmus+ Projektes…

Jerusalem – der ultimative Deal.

Jerusalem – der ultimative Deal.

Für Donald Trump ist es „der ultimative Deal“: Frieden zwischen Israelis und Palästinensern. „Ich würde gern den Deal machen, den noch keiner gemacht hat“, sagte der US-Präsident kurz nach seiner Wahl im November über die Lösung des Nahostkonflikts. (Zeit 2/2017) Jetzt hat er den „Deal“ gemacht und in dieser Woche Jerusalem offiziell als Hauptstadt Israels anerkannt und angekündigt,…

Einmischen – die Mischung muss stimmen!

Einmischen – die Mischung muss stimmen!

Der Schulentwicklungsplan 2017 – 2022 für die Sekundarstufe I hat für Aufregung in der Mönchengladbacher Schullandschaft gesorgt. Zur Entscheidung in der Politik steht, mehr Gesamtschulplätze zu schaffen und dafür Hauptschulen in der Stadt zu schließen. Laut Schuldezernent Gert Fischer ist ein Schulneubau wegen fehlender Mittel jedoch nicht möglich. Mehr Gesamtschulplätze können daher nur über Möglichkeit entstehen, die Zügigkeit an den bestehenden…

Perspektive Traumberuf

Perspektive Traumberuf

Das Ergebnisse der Bildungsstudie über das Bildungsniveau von Grundschülern (Studie IQB-Bildungstrends) war vorhersehbar und lässt die Tatsache, dass heute immer mehr junge Menschen beim Übergang in Ausbildung oder Studium scheitern, noch einmal dramatischer erscheinen. Jeder Dritte bricht heutzutage sein Studium oder seine Ausbildung ab. Was könnten die Gründe sein?

Scrollen oder nicht scrollen

Scrollen oder nicht scrollen

Dass dieser Beitrag überhaupt zu Ende gelesen wird, ist eher unwahrscheinlich. Vier Screen-Seiten sind da die magische Grenze, wo auch der geduldigste Leser die Lust verliert.

PICTERVIEW

PICTERVIEW

Eine Frage – Ein Bild. Keine langen Dialoge, sondern 10 Fragen mit jeweils einem Bild beantwortet. „Picterview“ – Die wahrscheinlich kürzeste Form eines Interviews