Lesen wir noch? Und welche Geschichten berühren uns?

Unser erstes Treffen der Standpunkt-Redaktion nach den Sommerferien fand am 14. September zum ersten Mal im neuen newSroom-Format im Wandelsaal der Zentralbibliothek Carl Brandts Haus statt. Einige Redakteur*innen, mehrheitlich aus dem Ressort Mensch+Kultur haben sich getroffen, um gemeinsam und öffentlich Themen für ihr Ressort zu entdecken, Fragen zu entwickeln, zu recherchieren und aus ihren Ideen eigene Geschichten für Standpunkt zu machen.
Und genau darum ging es: Lesen wir noch und warum? Welche Geschichten berühren uns? Wann bleibt eine Geschichte bei uns hängen? Und wo können uns diese Geschichten begegnen?
Ausgangspunkt waren aktuelle Zahlen zur Mediennutzung Jugendlicher und die überraschende Erkenntnis, dass das gedruckte Buch trotz Smartphone, TikTok, Streaming, Gaming und künstlicher Intelligenz längst nicht verschwunden ist.

Die JIM-Studie 2025 zeigt: 91 Prozent der 12- bis 19-Jährigen nutzen inzwischen mindestens eine KI-Anwendung, 98 Prozent regelmäßig ein Smartphone. Gleichzeitig lesen 84 Prozent zumindest gelegentlich gedruckte Bücher oder Comics. Jugendliche sind also keineswegs geschichtenarm, im Gegenteil. Geschichten begegnen uns heute fast überall: im Buch, auf TikTok, in Serien und Filmen, in Games, Podcasts, Comics, Hörspielen, in der Musik und natürlich auch im Theater. Mehr zur Studie hier.

Warum lesen wir und welche Geschichten erreichen uns wirklich? Genau darüber haben wir in der Redaktion gesprochen. Dabei wurde schnell deutlich, dass Lesen für jede und jeden der Anwesenden etwas anderes bedeutet. Die einen verbinden damit Ruhe und Rückzug, andere Spannung, Neugier oder die Möglichkeit, für eine Weile in eine andere Welt einzutauchen. Manchen geben sie auch das Gefühl, verstanden zu werden. So kann man auch einer Figur oder einer Geschichte begegnen, die mit dem eigenen Leben etwas zu tun hat, beschreibt eine Gesprächsteilnehmende. Eine Redakteurin sieht im Lesen auch die Chance andere Perspektiven und Lebenswelten kennenzulernen. Aber auch die Möglichkeit seine Konzentration und Fokussierung zu verbessern wird als Anlass zum Lesen genannt genau so wie das Informationsbedürfnis. Einig waren sich jedoch alle, dass die Zeit fürs private Lesen neben dem Schulalltag immer knapper wird und manchmal nur die Ferien dazu genutzt werden können.
Wer entscheidet eigentlich, was wir lesen? Wer entscheidet überhaupt, welche Bücher in den Regalen stehen? In Buchhandlungen ebenso wie in Bibliotheken kann schließlich nicht jedes Buch angeboten werden.

Malina, Helene, Niko, Sofija, Valentina, Giulia und Teodora werden ihre Lieblingsbücher oder ihre Lieblingsautorinnen beziehungsweise ihren Lieblingsautor zusammentragen und befragen dazu auch ihre Mitschüler*innen. So versuchen sie herauszufinden, wie sich ihre persönliche „Bestsellerliste“ mit den Buchempfehlungen großer Verlage vergleichen lässt.
Beim Austausch über die Frage, woher die Redakteur*innen ihre Buchempfehlungen bekommen, kam man schnell über Bücher, die bereits im Familienregal daheim stehen zu Empfehlungen unter Freundinnen und Freunden und zu Online Buchvorstellungen wie „BookTok“ auf TikTok.
Teodora hat uns in diesem Zusammenhang in die Welt von BookTok mitgenommen. Auf TikTok werden Bücher empfohlen, besprochen und manchmal innerhalb kürzester Zeit zu Gesprächsthemen und Bestsellern. Für Standpunkt möchte sie deshalb genauer untersuchen, was hinter dem Erfolg von BookTok steckt und welchen Einfluss die Plattform auf aktuelle Bestsellerlisten haben kann. Vielleicht führt diese Recherche sogar zu einem besonderen Termin: einem redaktionell begleiteten Spaziergang mit dem Bibliotheksleiter Yilmaz Holtz-Ersahin durch die Regale der Jugendbibliothek. Welche Bücher werden dort angeboten? Warum gerade diese? Wer sucht sie aus? Und nach welchen Kriterien entscheidet eine Bibliothek, welches Buch seinen Platz im Regal bekommt? Und inwieweit finden sich Parallelen zu „BookTok“?

Auch die persönlichen Erfahrungen der Redaktion haben gezeigt, wie unterschiedlich der Weg zu einem Lieblingsbuch sein kann. Sofija erinnerte sich daran, dass Buchempfehlungen bereits in der 10. Klasse ein Referatsthema waren. Giulia und Valentina, ganz neu in der Standpunkt-Redaktion und für ein Jahr als Austauschschülerinnen aus Palermo bei uns, erzählten, dass auch sie ihren Lieblingsautor Cammillieri im Schulunterricht kennengelernt haben. Aus einer Unterrichtslektüre wurde Begeisterung und daraus die Lust, weitere Geschichten dieses Autors zu lesen. Jetzt möchten die beiden selbst einen Beitrag über Cammillieri für Standpunkt schreiben.
Geschichten müssen nicht zwischen Buchdeckeln stecken. Im Laufe unseres Treffens wurde außerdem klar: Unsere Frage nach Geschichten darf nicht bei Büchern aufhören.
Malina und Helene werden sich deshalb mit einer Geschichte beschäftigen, die seit Jahrhunderten immer wieder neu erzählt wird: „Romeo und Julia“ von William Shakespeare. Ihren Theaterbesuch im Theater Mönchengladbach haben sie noch vor sich. Im Zentrum der Tragödie stehen zwei junge Menschen aus verfeindeten Familien, die sich ineinander verlieben. Ihre Liebe scheitert schließlich an der Feindschaft ihrer Familien und endet für beide tödlich.
Auch Teodora und Annika werden am 19. September ins Theater Mönchengladbach gehen. Sie wollen sich auf „Hamlet“ einlassen – die Geschichte eines Prinzen, der erfährt, dass sein Vater von seinem eigenen Bruder ermordet wurde. Hamlet soll den Mord rächen. Doch zwischen Zweifel, Täuschung, Verrat und der Frage, wem er überhaupt noch vertrauen kann, entwickelt sich eine tragische Geschichte über Rache und die Suche nach Wahrheit. Beide Theaterbesuche stehen noch bevor. Wir sind gespannt, ob die Geschichten auf der Bühne bei uns dieselben Gefühle auslösen wie beim Lesen oder vielleicht ganz andere.

Eine Geschichte kann auch Heimat sein. Sofija hat ihre ganz eigene Form gefunden, eine Geschichte zu erzählen: In einem Video über Mazedonien verbindet sie beeindruckende Landschaftsaufnahmen mit kleinen Anekdoten und persönlichen Familiengeschichten aus ihren jährlichen Reisen in die Heimat. Gerade die scheinbar nebensächlichen Momente, Alltagssituationen, Begegnungen und Erinnerungen, machen ihren Film persönlich. Auch das ist eine Form des Erzählens: eine Geschichte nicht nur über einen Ort zu erzählen, sondern darüber, was dieser Ort für einen selbst bedeutet.
Niko wiederum hat seine Geschichte in der aktuellen Bildungspolitik gefunden. Auslöser war ein spontaner Besuch bei einer Veranstaltung mit Schulministerin Dorothee Feller in der vergangenen Woche in Waldniel. Die Begegnung und die dort geführten Gespräche brachten ihn dazu, sich intensiver mit dem Umgang der Politik mit Bildungsthemen auseinanderzusetzen. Ihn beschäftigt insbesondere die Frage, ob die Perspektive von Schüler*innen dabei ausreichend berücksichtigt wird. Die Ergebnisse der PISA-Studie möchte er deshalb nicht nur als Aussage über die Leistungen deutscher Schülerinnen betrachten, sondern auch als Anlass, genauer auf das System Schule und seine Bedingungen zu schauen, die für dieses schlechte Abschneiden mit verantwortlich ist.
Was bleibt hängen? Unsere Recherche und Gespräche zum Thema Lesen und Geschichten, die uns berühren hat gezeigt: Jugendliche verbringen zwar immer weniger Zeit mit gedruckten Büchern, gleichzeitig begegnen ihnen mehr Geschichten als je zuvor. Eine Geschichte kann heute drei Minuten dauern oder 600 Seiten haben. Sie kann auf Papier stehen, über Kopfhörer kommen, über einen Bildschirm flimmern oder auf einer Bühne erzählt werden. Vielleicht kommt es deshalb am Ende gar nicht darauf an, welches Medium wir benutzen.
Es gibt diese besonderen Geschichten, denen wir uns aus eigenem Antrieb widmen. Geschichten, die uns neugierig machen, die wir unbedingt weiterlesen, weiterhören oder weiterverfolgen wollen. Vielleicht ist das die Antwort, die wir bei unserem ersten Redaktionstreffen gefunden haben: Nicht das Medium allein entscheidet darüber, ob eine Geschichte uns berührt, sondern ob sie etwas in uns auslöst.
