Gewaltsame Auseinandersetzungen, Plünderungen und große Demonstrationen sorgen in Frankreich für Aufmerksamkeit. Hunderttausende Menschen protestieren dort gegen das Schulssystem und hohe Lebenshaltungskosten. Aber was genau steckt hinter den Forderungen der Schüler und wie marode ist das Bildungssystem dort wirklich? Wir haben mit Schülern gesprochen, die selbst an den Protesten teilgenommen haben oder durch ein Auslandsjahr sowohl das deutsche als auch das französische System kennen. Anlässlich der ersten Schulblockaden in Deutschland stellt sich die Frage: Wie unzufrieden ist die Jugend in Deutschland und inwiefern es auch in Deutschland zu Massendemonstrationen kommen kann.
Der Funke im Pulverfass: Worum es in Frankreich geht
Mehr als eine halbe Million Menschen nahmen an den Protesten in Frankreich teil. Angefangen hat alles mit Schulblockaden, die von Schülerinnen und Schülern selbst organisiert wurden. Der Auslöser: Die Debatte um einen harten Sparhaushalt, der auch Kürzungen im Bildungssystem vorsieht. Schüler kritisieren dabei vor allem den akuten Lehrermangel, überfüllte Klassen und völlig marode Schulen. In den sozialen Medien teilen sie Videos von tiefen Rissen in den Decken und überfluteten Klassenzimmern.
Die Schülerproteste erfuhren in kürzester Zeit eine riesige Welle der Solidarität – auch aus dem Ausland. Längst sind nicht mehr nur Jugendliche auf der Straße: Auch die großen Gewerkschaften haben sich angeschlossen. Einzelne Proteste werden sogar von den “Gelbwesten“ organisiert. Die Gelbwesten sind eine Bürgerbewegung, die 2018 gegen Emmanuel Macron rebellierte und zuletzt für einen höheren Mindestlohn kämpfte.

Das geringe Vertrauen in die Regierung könnte dazu beigetragen haben, dass sich die Proteste auf weitere gesellschaftliche Gruppen ausgeweitet haben. Laut dem Politbarometer des französischen Forschungsinstituts CEVIPOF trauten im Februar nur noch 22 Prozent der Franzosen der Politik zu, Lösungen für die drängenden Probleme wie die Inflation zu finden. Welche Rolle dieser Faktor tatsächlich spielt, lässt sich jedoch nicht allein anhand der Umfragewerte beurteilen.
Tränengas und Plünderungen: Warum die Lage eskaliert
Nach Angaben des Innenministeriums wurden bisher mehr als 1.800 Menschen festgenommen. Die Polizei setzt wiederholt Tränengas und Wasserwerfer gegen die Demonstranten ein; im Netz kursieren zahlreiche Videos von Polizeigewalt. Medienberichten zufolge wurde in Saint-Étienne einem 17-Jährigen durch eine Polizeigranate die Hand abgerissen. Auch Sicherheitspersonal wurde während den Ausschreitungen verletzt.
Am 17. Oktober nahmen die Proteste eine neue Dimension an. Maskierte Gruppen griffen Geschäfte an und plünderten diese. An diesem Tag vermischten sich jedoch zwei verschiedene Protestbewegungen: Neben den Schulstreiks gingen viele Menschen anlässlich des Jahrestags des Massakers von 1961 auf die Straße, bei dem die Pariser Polizei damals zwischen 120 und 300 algerische Demonstranten tötete.
Eine französische Schülerin erzählt uns, dass mittlerweile auch viele Schüler nur an den Protesten teilnehmen um nicht zur Schule gehen zu müssen oder um Krawall anzustiften. Die Demonstrationen werden laut der Schülerin auch genutzt um auf andere Themen aufmerksam zu machen, die die Jugend beschäftigen. Es sind vermehrt Palästina-Flaggen oder kommunistische Symbole in der Menge zu erkennen.
Blick nach Deutschland: Droht uns das gleiche Szenario?
Für den 31. Oktober sind bereits in vielen deutschen Städten Proteste angemeldet. Die Social-Media-Initiative “GenZ regelt“ mobilisiert seit Wochen die Massen. In Kassel und Berlin gab es sogar schon die ersten Schulblockaden. Bund und Länder bereiten sich bereits auf potenzielle Ausschreitungen vor. Ob sich die Situation ähnlich wie in Frankreich entwickeln wird, lässt sich derzeit jedoch nicht sicher sagen.
Die Gründe der Jugendlichen in Deutschland ähneln denen in Frankreich. Hinzu kommen die Wut über die neu eingeführte verpflichtende Musterung und eine wachsende Unzufriedenheit mit der Bundesregierung und dem Kanzler Friedrich Merz. Laut einer aktuellen Umfrage des RTL-Trendbarometers sind nur noch 11 Prozent der Bundesbürger mit der Arbeit des Kanzlers zufrieden. Außerdem wird die Forderung nach einer radikalen Reform des Schulsystems immer lauter.
Wie schlecht ist das Schulssystem in Frankreich im Vergleich zum deutschen Schulsystem?
“Es ist keine Seltenheit, dass man mehrere Leistungsüberprüfungen an einem einzigen Tag schreibt.“ erzählt unsere Chefredakteurin Charlotte Schmitz, die ein Schuljahr in Frankreich verbracht hat. In unserem Gespräch erzählt sie von den dortigen Umständen im Vergleich zum deutschen Bildungssystem. Charlotte erinnert sich vor allem an den extremen Druck: Der Unterricht geht oft von 8 bis 18 Uhr, danach kommen Hausaufgaben und Klausurvorbereitungen. “Mündliche Noten existieren praktisch nicht, da nur schriftliche Leistungen bewertet werden, deren Umfang und Bewertung die Lehrkräfte allein bestimmen.“
Schülerinnen und Schüler in Frankreich werden permanent miteinander verglichen. Im Halbjahreszeugnis wird der eigene Notendurschnitt direkt mit dem Klassendurschnitt und der Bestnote der Klasse optisch gegenübergestellt. Wer da nicht mithält, fühlt sich sofort als Versager. Zwar sind Privatschulen in Frankreich weit verbreitet und oft besser ausgestattet, der enorme Leistungsdruck bleibt jedoch derselbe. Dazu kommt ein akuter Lehrermangel, der zu massivem Unterrichtsausfall führt.
Auch das deutsche Bildungssystem steht vor großen Herausforderungen. Bundesweit fehlen zehntausende Lehrkräfte, Schüler klagen über psychische Belastungen und Zukunftsängste. „Wir sind in einer tiefen Krise der psychischen Gesundheit von Kindern und Jugendlichen“, warnt Quentin Gärntner, Generalsekretär der Bundesschülerkonferenz. Über ein Fünftel aller Schülerinnen und Schüler bezeichnen sich selbst als psychisch belastet.
Professor John Hattie, einer der renommiertesten Bildungsforscher weltweit, kritisiert in einem Interview mit „Spiegel“ die frühe Aufteilung der Kinder in verschiedene Schulformen als gesellschaftlich schädlich. Eine echte, bundesweite Reform bleibt jedoch aus – nicht zuletzt, weil der Staat zu wenig in die Jugend investiert.
Fazit: Die Jugend lässt sich nicht mehr vertrösten
Die “GenZ“ Proteste weiten sich mittlerweile auf viele europäische Länder aus. Auch in Albanien, Belgien und Italien demonstrieren junge Menschen seit Tagen für eine bessere Zukunft. Die neue Generation zeigt deutlich: Sie ist nicht mehr bereit, politische Entscheidungen stillschweigend hinzunehmen, die zu ihren Lasten gehen.
Für die Regierungen in Europa bedeutet das im Endeffekt, dass sie zwingend den Dialog mit der Jugend suchen müssen, statt über deren Köpfe hinweg zu entscheiden. Dutzende Umfragen zeigen, dass viele junge Menschenin Deutschland so unzufrieden sind, dass sie sogar über das Auswandern nachdenken. Die kommenden Monate werden zeigen inwiefern die Bundesregierung auf die Forderungen von jungen Menschen eingehen wird.
Unsere Beiträge zum Thema Schule:
Quellen:
Studie „Jugend in Deutschland 2024“
https://www1.wdr.de/politik/frankreich-proteste-gewalt-ursache-deutschland-100.html
https://www.tagesschau.de/inland/innenpolitik/vertrauen-regierung-umfragewerte-100.html
