
Eine Shakespeare-Tragödie mit Totengräbern, Glitzerkostümen, Live-Musik und einem Kasten voller Luftballons? Klingt erstmal nicht unbedingt nach dem Hamlet, den man aus dem Schulunterricht kennt. Genau so aber sieht die neue Inszenierung von Christoph Roos am Theater Krefeld und Mönchengladbach aus. Annika Krüll und Teodora Tunaru waren dabei und haben einiges entdeckt, womit sie nicht gerechnet hatten.
Shakespeare. Hamlet. Tot, Verrat, Rache, Wahnsinn. Für viele klingt das erstmal nach schwerem Stoff, vielleicht sogar nach einer dieser Geschichten, bei denen man im Unterricht irgendwann aufhört mitzuschreiben und einfach hofft, dass die Klausur nicht zu schlimm wird.

Auf der Bühne des Theaters in Mönchengladbach beginnt Hamlet allerdings ziemlich anders, als man es vielleicht erwartet. „Mein erster Eindruck war zunächst überraschend düster“, schreibt Annika Krüll. Zu Beginn stehen die beiden Totengräber auf der Bühne. Dunkle Mäntel, ungewöhnliche Kostüme, eine etwas unheimliche Atmosphäre. Auch die Sprache wirkt zunächst ungewohnt und anspruchsvoll.

Und dann verändert sich plötzlich alles. Die Bühne bewegt sich, weitere Figuren kommen dazu und aus der zunächst dunklen Situation wird eine deutlich buntere und lebendigere Bühnenwelt. Genau dieser Wechsel ist für Annika einer der Punkte, die ihr besonders gefallen haben: „Man hatte das Gefühl, dass man nicht einfach eine alte Geschichte vorgesetzt bekommt, sondern eine komplett neue Interpretation davon erlebt.“
Auch Teodora fällt schon beim Reinkommen etwas auf: Die Schauspieler, die die Totengräber spielen, sind bereits in ihren Rollen. Nicht erst, wenn die eigentliche Szene beginnt, sondern schon vorher. Ihre Körpersprache verrät die Figuren. Sie wirken, als wären sie einfach schon da. Und dann ist da noch die Musik.
Aylin Leclaire sitzt nicht irgendwo versteckt hinter der Bühne, sondern erzeugt die Musik live. Für Annika war das sogar einer der stärksten Momente des Abends. Teilweise arbeitet Leclaire mit Loops, ihre Stimme und die elektronischen Klänge verändern die Atmosphäre immer wieder und bleiben dabei eng mit dem Geschehen auf der Bühne verbunden. Für Teodora war ihre „wunderschöne Stimme“ ebenfalls sofort auffällig. Die Musik gibt dem Stück dadurch eine eigene Stimmung – und macht aus dem alten Shakespeare-Stoff etwas, das ziemlich gegenwärtig klingt.
Ein Glaskasten voller Luftballons


Das Bühnenbild von Peter Scior ist gleichzeitig schlicht und ziemlich speziell: Ein großer, gläserner Kasten steht im Mittelpunkt. Er lässt sich über die Bühne drehen und verändert dadurch immer wieder die Perspektive. Für Annika ist gerade das spannend. „Ich fand es spannend, dass ein einziges Bühnenbild ausreichen konnte, um so viele unterschiedliche Situationen entstehen zu lassen.“
Im Inneren befinden sich unter anderem bunte Luftballons und Yogabälle. Und die Luftballons sind schwer zu übersehen. Sie wirken fast ein bisschen kindlich – und stehen damit ziemlich deutlich im Kontrast zu einer Geschichte, in der es um Tod, Verrat, Rache und Wahnsinn geht. Was sie bedeuten, bleibt für die beiden offen. Annika hat das Gefühl, dass sie je nach Szene unterschiedliche Bedeutungen bekommen könnten. Vielleicht stehen sie für Hamlets Gedanken oder Gefühle. Besonders auffällig wird das nach der Pause: Plötzlich sind die Luftballons zerplatzt.
„Für mich hat dieses Bild deshalb fast mehr erzählt als eine einzelne Szene“, sagt Annika. Auch Teodora vermutet, dass die Ballons mit Hamlets innerem Konflikt zusammenhängen. Eine eindeutige Antwort gibt die Inszenierung darauf nicht. Und vielleicht ist genau das der Punkt: Man kann das Bild einfach auf sich wirken lassen und selbst überlegen, was darin steckt.

Hamlet ist gar nicht so weit weg. Hamlet ist ein Prinz aus Dänemark, William Shakespeare schrieb das Stück vor mehr als 400 Jahren. Trotzdem wirkt die Figur in dieser Inszenierung für Annika erstaunlich nah.
„Hamlet wirkte auf mich vor allem ziemlich zerrissen und überfordert“, schreibt sie. Er weiß selbst nicht richtig, wie er mit allem umgehen soll. Er ist wütend auf seine Familie, gleichzeitig einsam und mit einer Situation konfrontiert, die ihn offensichtlich überfordert. Damit wird Hamlet plötzlich weniger zum „alten Shakespeare-Helden“ und mehr zu einem jungen Menschen, der mit einer Welt klarkommen muss, die gerade komplett aus dem Gleichgewicht geraten ist.
Das passt auch zu dem, was Schauspieler Cornelius Gebert im Programmheft über seine Rolle sagt. Für ihn ist Hamlet ein Mensch, der immer wieder nach einem Ausweg sucht: „Wie komme ich hier raus?“ Hamlet steckt zwischen Trauer, Rache, Verantwortung und der Frage fest, was eigentlich richtig ist. Sein Zögern ist dabei nicht einfach Feigheit. Gebert beschreibt es vielmehr als moralisches Problem: Darf man einen anderen Menschen aus Rache töten?
Vielleicht liegt genau darin etwas, das auch heute noch ziemlich vertraut wirkt. Nicht unbedingt in der Frage, ob man einen König rächen muss. Sondern in diesem Gefühl, zwischen verschiedenen Möglichkeiten festzustecken: handeln oder abwarten, reagieren oder erstmal nachdenken, das Richtige tun wollen und trotzdem nicht wissen, was das Richtige überhaupt ist. Hamlet kann nur schwer mit Grauzonen umgehen. Gebert beschreibt ihn als jemanden, der häufig in einem „Entweder-oder“ denkt. Und gerade das macht ihn gleichzeitig kompliziert und erstaunlich modern.

Alt trifft Neu. Dass Hamlet mehr als 400 Jahre nach seiner Entstehung immer noch funktioniert, liegt vielleicht auch daran, dass sich die Inszenierung nicht davor scheut, Vergangenheit und Gegenwart aufeinanderprallen zu lassen.
Die Sprache bleibt Shakespeare. Die Geschichte bleibt Shakespeare. Aber auf der Bühne gibt es Glitzer, Pailletten, auffällige Frisuren, Live-Musik, einen beweglichen Glaskasten und Luftballons.
Hamlet selbst trägt häufig dunkle Kleidung und später sogar ein Skelettkostüm. Teodora fällt außerdem auf, dass Hamlet als einziger kein glitzerndes Kostüm trägt. Gertrud dagegen, seine Mutter, erscheint in einem langen weißen Kleid. Ophelia hat auffällige bunte Haare. Für Annika funktioniert gerade dieser Gegensatz: „Die Sprache und die Geschichte haben weiterhin etwas eindeutig Shakespearehaftes, während Bühnenbild, Kostüme, Musik und Inszenierung sehr modern wirken.“
Es fühlt sich für sie deshalb nicht einfach so an, als hätte jemand Shakespeare mit Gewalt „modern gemacht“. Eher wird die alte Geschichte aus einer neuen Perspektive erzählt. Und vielleicht ist genau das eine ziemlich gute Beschreibung dafür, warum man mit einem Stück wie Hamlet heute überhaupt noch etwas anfangen kann. Die Welt sieht anders aus als zu Shakespeares Zeiten – die Fragen nach Verlust, Misstrauen, Familie, Wahrheit, Verantwortung und dem eigenen Platz in einer komplizierten Welt sind deshalb aber nicht verschwunden.

Wenn plötzlich alle Luftballons weg sind. Besonders stark bleibt bei Annika das Bild der Bühne mit dem Glaskasten und den bunten Luftballons. Bei Teodora ist es eine andere Szene: Ophelias Tod. Ophelia gehört zu den Figuren, die in Hamlets Welt kaum einen eigenen Raum bekommen. Auch Schauspieler Cornelius Gebert beschreibt sie im Programmheft als eine besonders tragische Figur. Sie wird von anderen für deren Interessen benutzt und gerät immer stärker zwischen die Fronten.
Teodora hatte zu Ophelia deshalb eine besondere Verbindung während der Vorstellung. Gerade ihre Trauer nach dem Tod ihres Vaters machte die Situation für sie noch tragischer. Und dann gibt es diese zwei sehr unterschiedlichen Eindrücke: Auf der einen Seite eine tragische Geschichte voller Verlust und Gewalt. Auf der anderen Seite bunte Luftballons, Glitzer und eine Bühne, auf der ständig etwas in Bewegung ist.
Vielleicht muss man sich bei Hamlet auch gar nicht für eine Seite entscheiden. Denn Annika hatte während der Vorstellung „eigentlich ständig das Gefühl, dass ich irgendetwas Interessantes auf der Bühne entdecke“. Und trotz der düsteren Geschichte musste sie „ziemlich oft grinsen“, weil sie die ganze Zeit Spaß beim Zuschauen hatte. Das ist vielleicht der überraschendste Eindruck von allen: Hamlet muss nicht staubig sein. Er kann laut sein, bunt, manchmal ziemlich schräg – und gleichzeitig von Menschen erzählen, die nicht wissen, wohin mit ihren Gedanken und Gefühlen. Also irgendwie gar nicht so weit weg von unserer eigenen Welt.
Wir geben 15 Punkte für die Inszenierung und den Erlebniswert! Also unbedingt hingehen – mehr Infos gibts auf der Theaterseite.
Fotos: Matthias Stutte Theater KRMG
