SPIELRÄUME der Stadt

Spielen passiert überall. Am Küchentisch, im Wohnzimmer, im Voice-Chat oder auf großen Messen. Brettspiele, Rollenspiele, Videospiele. Sie sehen unterschiedlich aus, aber oft passiert das Gleiche: Menschen kommen zusammen.
Spielen ist keine Flucht vor der Realität. Es ist ein Ort, an dem sie stattfindet. Hier werden Rollen ausprobiert, Regeln verhandelt und Gemeinschaft erlebt. Man reagiert aufeinander, diskutiert, lacht, verliert, gewinnt und merkt dabei oft gar nicht, wie viel zwischen den Menschen passiert. Am Ende kennt man sich ein bisschen besser als vorher. Gerade jetzt, wo vieles gleichzeitig passiert und unsere Aufmerksamkeit ständig gefordert ist, wirken Spiele wie Gegenräume. Sie geben Struktur, schaffen Fokus und bringen Menschen direkt miteinander in Kontakt egal ob analog oder digital.
Unsere Serie „Spielräume“ beginnt genau dort, wo dieses Zusammenspiel am direktesten sichtbar wird: bei einem offenen Brettspielabend. Im Gespräch mit Sarah Steinweg, Initiatorin von eigenen Brettspieltreffs in Düsseldorf, wird deutlich, wie aus Fremden Mitspieler und manchmal Freund:innen werden.

Von dort aus weitet sich der Blick: Wir sprechen mit Organisatoren von Kulturprojekten wie „Kultur aus der Konsole“ im ZAKK und mit anderen Institutionen und Veranstaltern, die neue Spielräume in Städten schaffen.
Wir fragen Expert:innen für Spielkulturpädagogik, die sich wissenschaftlich mit der Bedeutung von Spielen für Lernen, Sozialverhalten und Persönlichkeitsentwicklung beschäftigt, und Lehrende an Universitäten, wie Spiele nicht nur unterhalten, sondern gezielt Wissen vermitteln und als eigenes Studien- und Forschungsfeld immer wichtiger werden.

Wir schauen außerdem hinter die Kulissen der Spieleentwicklung, sprechen mit dem Verlagen, Nachwuchsdesigner:innen und Ausstellern auf Spielemessen. Dabei wird deutlich, dass Spiele längst auch ein kreatives und professionelles Arbeitsfeld sind.
Auch die kulturelle Perspektive spielt eine Rolle: Die Szenografinnen Paula und Annika entwickeln eine Ausstellung im uzwei im Dortmunder U, die zeigt, wie nah sich Spiel und Kunst inzwischen sind.

Zum Abschluss richtet sich der Blick nach vorn: auf die gamescom 2026 in Köln und damit auf die Frage, wie eng analoge und digitale Spielwelten heute miteinander verbunden sind.

Ankommen, hinsetzen, mitspielen: Ein Abend im Brettspiel-Event

Während digitale Spiele immer größer und vernetzter werden, wächst gleichzeitig das Bedürfnis, sich wieder direkt gegenüberzusitzen. Brettspielabende sind genau solche Räume. Hier geht es nicht nur ums Gewinnen oder Verlieren, sondern darum, gemeinsam Zeit zu verbringen, ins Gespräch zu kommen und neue Leute kennenzulernen. Spielen bringt Menschen zusammen und das zeigt sich besonders bei offenen Brettspielabenden. Doch was steckt eigentlich hinter solchen Events?

Um das herauszufinden, haben wir mit Sarah Steinweg gesprochen. Sie organisiert seit Jahren offene Brettspieltreffs und schafft genau diese Räume, in denen aus Fremden schnell Mitspieler und manchmal sogar Freund:innen werden.

Was steckt eigentlich hinter einem Brettspielevent? Wie fühlt sich so ein Abend an, wenn man einfach alleine hingeht?
Sarah: Es ist Dienstagabend und du sitzt alleine in deiner Wohnung. Du würdest gerne etwas unternehmen, hast aber keine Leute und bist auf der Suche nach etwas Gemütlichem. Online findest du einen Brettspieleabend und beschließt spontan hinzugehen.
Du kommst alleine oder mit Freunden zum Event und wirst direkt vom Organisator begrüßt. Welche Spiele spielst du gerne? Was hast du zuletzt gespielt? Manchmal kennst du kein Spiel oder bist unsicher – kein Problem. Vor Ort gibt es anfängerfreundliche Spiele und alles wird erklärt.
Aus jedem Event gibt es eine Auswahl an Spielen, einige Teilnehmer bringen ihre eigenen Spiele mit. Die Tische füllen sich, jeder kann sich dazusetzen und das Spiel wird allen Neulingen erklärt – und schon geht es los. Pro Event sind es etwa 20 bis 25 Teilnehmer. Manche Spiele dauern eine halbe Stunde, andere mehrere Stunden.
Während des Spielens lernst du die anderen Mitspieler kennen. Wenn man nicht am Zug ist, hat man genug Zeit, Fragen zu stellen oder ganz entspannt ins Gespräch zu kommen. Du kommst als Fremder und gehst als Freund.

Fotos: Sarah Steinweg

Dass solche Abende so gut funktionieren, ist kein Zufall – sie werden bewusst organisiert.

Was hat dich dazu gebracht, selbst solche offenen Brettspieltreffs zu organisieren?
Sarah: Seit etwa sechs Jahren organisiere ich offene Brettspieletreffs in Düsseldorf. Die Veranstaltungen sind offen und inklusiv und für alle Level geeignet. Im Fokus steht für mich ganz klar: Menschen kennenlernen und Gemeinschaft durch das gemeinsame Hobby schaffen.
Als ich vor ein paar Jahren nach Düsseldorf gezogen bin, musste ich meinen Freundeskreis neu aufbauen. Neue Freundschaften zu finden ist mittlerweile schwierig geworden, und bei vielen Events gibt es bereits feste Gruppen. Ich wollte einen Rahmen schaffen, in dem man besonders alleine gut Anschluss finden kann.
Ich habe selbst vor etwa zehn Jahren in einer Stammtischrunde Brettspiele kennengelernt, die über das klassische Catan hinausgehen. Diese gemütliche und einladende Atmosphäre hat mich inspiriert. Jeder konnte Spiele mitbringen oder einfach mitspielen und hat so zum Abend beigetragen.
Durch Corona sind viele dieser Spielerunden zerbrochen und auch viele Orte verschwunden, an denen sie stattgefunden haben. Damals habe ich beschlossen, diese Lücke zu füllen und selbst zu organisieren. Ich finde es schön zu sehen, wie Menschen bei den Events zusammenfinden und sich an ganz unterschiedlichen Spielen ausprobieren.

Damit solche Treffen funktionieren, braucht es jemanden, der den Rahmen hält und die Leute zusammenbringt.

Welche Rolle übernimmst du als Organisator bei den Abenden?
Sarah: Mein Anliegen als Organisator ist dabei, dass niemand alleine bleibt und ich vermittle die Leute zu den jeweiligen Gruppen, empfehle Spiele, erkläre, und stehe für alle organisatorischen Fragen zur Verfügung. Vor allem ist es mir wichtig, die Leute beim Brettspielen kennenzulernen. Um diese Orte zu schaffen, kooperiere ich mit Brettspielgeschäften, Coworking Spaces, Büchereien, etc..
Der Großteil der Spiele stammt aus meiner eigenen Sammlung, denn ich finde, Brettspiele sind zum Teilen da. Daher gibt es bei jedem Event eine Auswahl vor Ort. Organisiert wird es Online aber auch per Flyer oder Empfehlungen von Freunden.

Warum Menschen überhaupt zu solchen Abenden kommen, ist dabei ganz unterschiedlich.

Was suchen Menschen bei solchen Brettspielabenden? Und warum funktionieren Spiele so gut, um ins Gespräch zu kommen?
Sarah: Die Gründe für das Spielen und die Teilnahme an solchen Events sind vielfältig. Für einige ist es der soziale Kontakt, das gemeinsame Ausüben vom Hobby, das erst mit anderen wirklich Spaß macht. Einige sind Brettspielkenner und fordern sich gerne mit anspruchsvollen Spielen heraus, genießen komplexe Spielmechaniken und das ständige Lernen neuer Spiele. Für manche ist es auch eine Möglichkeit, Menschen kennenzulernen, in einem vollkommen ungezwungenen Rahmen, die Brettspiele sind dabei die perfekten Icebreaker um sich kennenzulernen.

Auch die Spiele selbst haben sich stark verändert – und tragen viel zu dieser Entwicklung bei.

Was begeistert dich persönlich an Brettspielen und wie haben sie sich verändert?
Sarah: Ich persönlich liebe thematische Spiele, denn sie ermöglichen es noch besser in die jeweilige Welt einzutauchen, wie bei einem gut geschriebenen Buch. Detailreiches Material, starke Farben, auch die Texte auf den Karten, wenn alles zusammenkommt, ist man direkt woanders. Man sieht es auch auf Messen immer mehr, dass Spiele mehr Details und Komponenten haben, und auch die Spielmechanik ausgearbeitet wurde.
Ich finde man sieht durch der Vielfalt der Spiele vor allem die menschliche Kreativität und die Begeisterung am Spielen.
Nehmen wir das klassische Siedler: Das ist fast nur Glücksbasiert. Es gibt kaum Möglichkeiten, eine Strategie zu entwickeln außer zu Handeln. Auch Monopoly ist sehr starr und es ist früh absehbar, wer gewinnen wird.
Spiele heutzutage haben viele Mechaniken: Worker Placement, Deckbuilding, Drafting, um einige zu nennen. Manche nutzen Würfel, andere gar keine. Das Spiel bleibt oft länger spannend, bis zum Schluss ist es ein Wettrennen. Siegpunkte werden öfter am Ende abgerechnet, es gibt auch klare Ziele, auf die man hinarbeiten kann. Es gibt für jeden das passende Spiel.

Diese Entwicklung erklärt auch, warum gerade so viele Menschen wieder spielen.

Warum glaubst du, dass Brettspiele aktuell so beliebt sind?
Sarah: Gesellschaftsspiele gibt es seit Jahrtausenden. Würfelspiele und Schach sind einige Klassiker. Ich glaube, dass das gemeinsame Spielen sowohl hilft, kreativ und strategisch zu denken, als auch, sich auf immer neue Situationen einzulassen. Man lernt zu verlieren und miteinander umzugehen in einem Rahmen, der fester vorgegeben ist als z.B. in einer Kneipe.
Brettspiele sind im Laufe der Jahre unglaublich kreativ geworden. Das Angebot ist riesig, und die Spielemessen wachsen. Mein erster Besuch auf der SPIEL in Essen vor 9 Jahren hat mir die Augen geöffnet: Es gibt wirklich das richtige Spiel für jeden! Als Organisator finde ich es wichtig, ein breites Angebot an Spielen zu haben. Von Kartenspielen über Einsteigerfreundliche Brettspiele bis hin zu „heavy“ Games, die bis zu 4-5 Stunden dauern.
Vor allem aber bieten die Events und das Hobby aber auch eins: Kontakt zu anderen Menschen. In einer Zeit, in der alles digitaler wird, ist das Brettspielen eine bewusste Entscheidung zum Analogen Hobby, zum Austausch mit anderen Menschen und direktem Kontakt. Besonders nach Corona war die Sehnsucht nach sozialem Kontakt spürbar. Genau dort setzen Brettspiele an und schaffen einen sicheren Rahmen. Es geht nicht darum, gut im Small Talk zu sein, oder sich besonders gut in Szene zu setzen. Die Gemeinsamkeit ist bereits da: Das Brettspiel vor den Spielern und der Spaß, gemeinsam zu spielen.
Ein großer Trend in diesem Rahmen sind z.B. kooperative Spiele. Dabei spielt man gemeinsam gegen das Spiel. Das ist ein starker Kontrast zum kompetitiven Spiel, das wir alle von früher kennen.

Mehr Infos zu den BrettspielTreffs: Düsselgamers und auf Insta@brotundspielen