Wie kann ein Gemälde tanzen? Diese Frage begleitete die Redakteurinnen schon lange vor dem Besuch des Balletts „Getanzte Bilder“ im Theater Mönchengladbach-Rheydt. Gemeinsam besuchten Sofija, Annika, Helene, Malina und Ida die Aufführung, Helene und Malina hatten bereits im Vorfeld am Workshop zur kulturellen Bildung „Stadt im Austausch – expressionistische Spiegelungen“ teilgenommen. Dort beschäftigten sie sich intensiv mit dem Expressionismus, setzten eigene Eindrücke künstlerisch um und lernten auch die Ideen von bekannten Malern dieser Kunstepoche kennen. Dieses Vorwissen machte neugierig auf die Frage, ob sich Gefühle, Farben und Formen tatsächlich in Tanz übersetzen lassen.

„Ich war vor allem neugierig, wie man die eigentlich starren Motive und Pinselstriche eines Gemäldes in fließende Bewegungen übersetzen kann. Ich habe gehofft, dass die Bilder auf der Bühne lebendig werden, ohne dass man einfach nur starre Posen nachstellt.“, beschreibt Sofija ihre Erwartungen.
Annika hatte eine ähnliche Vorstellung: „Ich habe erwartet, dass Gemälde oder Bilder gezeigt oder sogar nachgestellt werden. Außerdem dachte ich, dass die Stimmung der Bilder durch Tanz, Musik und die Kostüme dargestellt wird. Genau so war es am Ende auch – die Tänzerinnen und Tänzer haben die Bilder auf ihre eigene Art lebendig gemacht.“
Auch Helene wollte vor allem die Gedanken hinter den Bildern wiederfinden: „Ich erwarte, dass die Tänzer die Bilder so ausdrücken, dass man erkennen kann, was sich der Künstler bei seinem Kunstwerk gedacht hat und, was er damit verbindet.“
Dass Tanz Gefühle ausdrücken kann, darin waren sich alle schnell einig.
„Ja, absolut. Meiner Meinung nach kann Tanz Gefühle sogar noch dynamischer ausdrücken als ein Bild. Ein Gemälde hält einen einzigen Moment fest, während sich der Tanz im Laufe der Zeit entwickelt. Wenn dann noch die passende Musik hinzukommt, entsteht eine ganz andere emotionale Tiefe, die einen direkt mitreißt.“, sagt Sofija.
Annika ergänzt: „Ja, meiner Meinung nach sogar noch stärker. Durch die Bewegungen, die Mimik und die Körpersprache kann man die Gefühle der Tänzerinnen und Tänzer direkt sehen. Dadurch wirken die Emotionen sehr lebendig und ausdrucksstark.“
Diese Gedanken passten genau zu dem, was Helene und Malina bereits im Workshop erlebt hatten. Dort ging es nicht darum, die Wirklichkeit möglichst genau abzubilden. Entscheidend waren Stimmung, Emotion und die eigene Sicht auf die Welt. Während der vorbereitenden Recherche hatte die Redaktion außerdem erfahren, dass Choreograf Robert North die Gemälde der Expressionisten bewusst nicht nachstellen wollte. Vielmehr sollten ihre Geschichten und Gefühle durch Bewegung, Musik und Bühnenbild neu entstehen. Die Aufführung bestätigte genau diesen Ansatz.

Hintergrundinfo: Der erste Teil des Ballettabends greift Werke bedeutender Künstlerinnen und Künstler des Expressionismus und der Moderne auf. Choreograf Robert North und Komponist Christopher Benstead übersetzen Gemälde von August Macke, Emil Nolde, Otto Dix, Max Beckmann, George Grosz und Max Ernst in Tanz und Musik. Die Bilder werden dabei nicht einfach nachgestellt. Vielmehr entstehen neue Interpretationen, die die Geschichten, Konflikte und Gefühle hinter den Werken sichtbar machen. Der Choreograf beschreibt diesen Ansatz folgendermaßen: „Die deutsche expressionistische Malerei habe ich immer als eine sehr kraftvolle, unmittelbare und teilweise rohe Ausdrucksform empfunden. Aus diesem Spektrum wollte ich eine Art künstlerische Reise entwickeln – von lyrischen bis hin zu grotesken Bildwelten.“ Besonders eindrucksvoll ist die Entwicklung, die der Abend nachzeichnet. Zu Beginn begegnen wir den hellen, lebensfrohen Bildern August Mackes. Seine farbigen Szenen voller Bewegung und Leichtigkeit spiegeln die Aufbruchsstimmung einer Generation wider. Doch mit dem Ersten Weltkrieg verändert sich alles. Die Kunst wird dunkler, kritischer und verstörender. In den Werken von Otto Dix oder George Grosz treten Krieg, Gewalt und gesellschaftliche Spannungen in den Vordergrund. Die Choreografie macht diese Veränderung körperlich spürbar: Aus fließenden Bewegungen werden kantige Gesten, aus Harmonie wird Konflikt. Der künstlerische Ansatz dahinter wird so beschrieben: „Mich hat die Idee fasziniert, Malerei als Ausgangspunkt für Ballett zu nutzen. Statt Bühnenbild und Choreografie getrennt zu denken, sollten die Werke der Künstler selbst zum strukturellen Fundament der Tanzstücke werden.“
Schon die ersten Szenen sorgten für unterschiedliche Lieblingsmomente.
„Besonders aufgefallen ist mir direkt die Eröffnungsszene im ersten Teil, als die Tänzerinnen und Tänzer die Bildwelten des Expressionismus betraten. Der Übergang von der visuellen Kulisse hinein in die Bewegung war faszinierend und hat sofort meine Aufmerksamkeit gefesselt.“, erinnert sich Sofija.
Malina blieb dagegen die erste Gruppenszene besonders im Gedächtnis: „Die erste Gruppenszene ist mir besonders aufgefallen, weil sich alle Tänzer gleichzeitig bewegt haben und das direkt spannend und eindrucksvoll aussah.“
Annika nennt wiederum eine ganz andere Szene: „Besonders aufgefallen ist mir die zweite Szene, in der nur zwei Personen zusammen getanzt haben. Die Musik hatte einen ungewöhnlichen Rhythmus und auch die Bewegungen waren ganz anders als das, was man normalerweise aus dem Ballett kennt. Gerade diese Außergewöhnlichkeit hat mich fasziniert.“
Obwohl jede eine andere Lieblingsszene hatte, beschrieben alle ähnliche Mittel, mit denen die Bilder lebendig wurden.

„Farben und Formen wurden durch die Dynamik der Choreografie ausgedrückt. Schnelle, kraftvolle und teilweise eckige Bewegungen vermittelten die Unruhe und die starken Kontraste des Expressionismus.“, beobachtete Sofija.
Malina formuliert denselben Eindruck so: „Die Bewegungen waren mal weich und ruhig, mal schnell und eckig. Die Farben waren mal hell und mal Dunkel. Dadurch konnte man verschiedene Gefühle und Stimmungen erkennen.“
Auch Annika fiel auf, wie eng Bewegung und Stimmung zusammenhingen: „Vor allem durch den Rhythmus und die Geschwindigkeit der Bewegungen. Ruhige Bewegungen wirkten eher harmonisch, schnelle und kraftvolle Bewegungen haben eine ganz andere Stimmung.“
Eine zentrale Rolle spielte für alle die Musik.

„Die Musik spielte für mich eine extrem wichtige Rolle. Ich habe sie quasi wie gesprochene Wörter oder Sätze empfunden, die die Handlung erklären. Sie hat mir geholfen, mich im Stück zu orientieren, und meine Gefühle in den einzelnen Szenen stark verstärkt. Besonders intensiv war das durch das Live-Orchester: Die Akustik im Saal des Theaters Rheydt hat den Klang wunderbar warm getragen, wodurch die Stimmung im Raum noch einmal spürbar verstärkt wurde.“, beschreibt Sofija.
Annika stimmt zu: „Die Musik war für die Aufführung unglaublich wichtig. Je nachdem, welche Instrumente gespielt wurden und wie laut, schnell oder hoch die Musik war, hat sich auch die Stimmung verändert. Ohne die Musik hätte die Aufführung meiner Meinung nach nicht halb so gut gewirkt. Die Musikerinnen und Musiker haben einen großen Teil dazu beigetragen.“
Und Malina fasst ihre Wahrnehmung knapp zusammen: „Die Musik hat die Stimmung verstärkt und geholfen, die Gefühle der Tänzer besser zu verstehen.“
Genau diese Verbindung zwischen Musik, Tanz und Malerei hatte Robert North im Vorbericht beschrieben. Die Bilder sollten nicht bloß Kulisse sein, sondern zum Ausgangspunkt der Choreografie werden. Besonders im zweiten Teil Farbenspiel, der von den abstrakten Werken Bridget Rileys inspiriert wurde, wurde dieser Gedanke sichtbar.

Hintergrundinfos: Der zweite Teil des Abends, Farbenspiel, eröffnet noch einmal eine andere Perspektive. Hier stehen keine erzählerischen Bilder im Mittelpunkt, sondern die Wirkung von Farben und Mustern. Inspiriert von den Werken der britischen Künstlerin Bridget Riley entstehen abstrakte Tanzbilder, die zeigen, wie Farbe, Bewegung und Musik miteinander verschmelzen können. Auch das erinnert an unsere eigenen Experimente im Workshop, bei denen Farben und Formen oft wichtiger wurden als konkrete Motive. Der Choreograf beschreibt diese Zusammenarbeit so: „Ich habe mit Bridget Riley zusammengearbeitet, deren op-art Werke eine völlig andere, sehr abstrakte visuelle Sprache einbringen. Sie hat mehrere Bühnenhintergründe entworfen, die den Ausgangspunkt für die Choreografie bildeten.“ Und weiter heißt es zur musikalischen Umsetzung: „Die Musik wurde eigens zu diesen visuellen Welten komponiert, sodass sich eine Art Suite von Tänzen ergab – jede Szene in direkter Beziehung zu einem der Hintergründe.“ Abschließend betont er die Wirkung dieser Abstraktion: „Gerade durch die Abstraktion der Bilder von Bridget Riley wurde auch das Ballett selbst stärker abstrahiert und öffnete sich für eine neue, reduzierte Form des Ausdrucks.“
„Besonders aufgefallen ist mir die erste Szene des zweiten Teils, da die Tänzer nun Farben anstatt von Figuren getanzt haben. Mit Hilfe der Musik konnte man die Bilder besser verstehen und sie hat die Stimmung verdeutlicht, die einem schon durch verschiedene Tanzschritte näher gebracht wurde.“, sagt Helene.
Auch die Entwicklung der Atmosphäre beschäftigte die Redaktion.
„Die Atmosphäre wandelte sich spürbar von einer anfänglichen Leichtigkeit und spielerischen Neugier hin zu einer schweren, fast greifbaren Ernsthaftigkeit. Die düsteren Themen des Expressionismus, wie Krise, Angst und Krieg – wurden sowohl im Tanz als auch in der Musik immer dominanter und schwerer.“, beschreibt Sofija.
Annika hatte denselben Eindruck: „Am Anfang wirkte die Atmosphäre eher ruhig und teilweise sogar romantisch. Im Laufe des ersten Teils wurde sie immer ernster und düsterer glaube ich, was man sowohl an der Musik als auch an den Bewegungen erkennen konnte.“
Malina beobachtete: „Ja, an den ernsten Gesichtsausdrücken, den hektischen Bewegungen und daran, dass die Tänzer in dem ersten Teil oft vor einander weggelaufen sind.“
Gerade hier erkannten Helene und Malina viele Parallelen zum Workshop.
„Ja, beide haben Gefühle durch Farben, Formen und Bewegungen ausgedrückt.“, sagt Malina über den Vergleich zwischen den eigenen Bildern und der Aufführung.
Helene ergänzt: „Bei dem Tanz konnte man, wie bei den Bildern erkennen, dass nicht jeder das Gleiche mit einer bestimmten Sache verbindet und fühlt.“
Auch beim Verständnis des Expressionismus fanden beide ähnliche Gedanken.
„Ja, ich habe verstanden, dass man den Expressionismus nicht nur sehen, sondern auch durch Tanz erleben und fühlen kann.“, sagt Malina.
Helene formuliert es so: „Meine Grundvorstellung hat sich zu dem Thema Expressionismus nicht verändert, aber die Aufführung hat mir gezeigt, dass es mehrere Wege gibt sich auszudrücken.“
Besonders eindrucksvoll blieben den Schülerinnen ganz unterschiedliche Szenen in Erinnerung.
Sofija erinnert sich an „das ruhige, harmonische Duett zu Beginn des Stücks“, das sie ausführlich beschreibt und das sie mit August Mackes Promenade verbindet.
Annika sagt: „Die zweite Szene (mit den zwei Tänzern in ganz besonderen und außergewöhnlichen Kostümen) werde ich wahrscheinlich am längsten in Erinnerung behalten und hat mich ebenfalls am meisten berührt. Sie war besonders außergewöhnlich und hat sich deutlich von einem klassischen Ballett unterschieden. Gerade diese Mischung aus ungewöhnlichen Bewegungen, Musik und den bunten Kostümen fand ich sehr beeindruckend und total neu.“
Malina wird besonders „Die Szene im ersten Tanz, in der man richtig gemerkt hat das dort eine bedrückende Stimmung war. Sie liefen vor einander weg und die Musik war sehr dramatisch.“ im Gedächtnis bleiben.
Trotz aller unterschiedlichen Eindrücke waren sich alle in einem Punkt einig: Man braucht keine Vorkenntnisse, um dieses Ballett zu genießen.
„Nein, überhaupt nicht. Da die Musik und die Bewegungen wie eine eigene, universelle Sprache funktionieren, erklären sich die Stimmungen von selbst. Man muss die Gemälde nicht vorher studiert haben, um die Emotionen auf der Bühne zu verstehen.“, sagt Sofija.
Annika meint: „Nein, meiner Meinung nach überhaupt nicht. Auch ohne Vorkenntnisse kann man die Musik, die Bewegungen und die Stimmung genießen und seine eigenen Eindrücke …“
Helene ergänzt: „Die Aufführung hat gezeigt, dass man keine Vorkenntnisse über Kunst braucht um sie zu genießen, weil man nur zugucken muss um Spaß zu haben.“
Und Malina fasst zusammen: „Nein, ich finde man kann die Aufführung auch ohne Vorkenntnisse verstehen und genießen.“
Am Ende bleibt für die Redakteurinnen vor allem die Erkenntnis, dass der vorbereitende Workshop und die Aufführung sich auf besondere Weise ergänzt haben. Die Bilder aus dem Workshop halfen dabei, die Choreografien besser zu verstehen und gleichzeitig zeigte das Ballett, dass sich der Expressionismus nicht nur betrachten, sondern mit Musik und Bewegung erleben lässt. Kunst wurde an diesem Abend tatsächlich zu einem Dialog zwischen Bild, Tanz und den ganz persönlichen Eindrücken jedes Einzelnen.
Texte: Sofija Ugrinovska, Annika Krüll, Helene Schmitz, Malina Pelzer. Fotos: Matthias Stutte, Theater MG/KR
