Im Carl Brandts Haus werden aus Spiegelungen plötzlich expressionistische Welten
Was passiert, wenn aus einem Handyfoto plötzlich ein Kunstwerk wird? Wenn Spiegelungen zu Farben werden und es nicht darum geht, alles „richtig“ zu machen, sondern etwas Eigenes auszuprobieren?

Genau das konnten zwölf Schülerinnen und Schüler einer Jahrgangsstufe 7 im Workshop „Stadt im Austausch – Expressionistische Spiegelwelten“ am 18. Juni erleben. In der Zentralbibliothek Mönchengladbach erkundeten sie im Rahmen einer Workshops, der vom Design-Campus in Kooperation mit der Stadtbibliothek durchgeführt wurde, die Bildsprache des Expressionismus und die Werke von Paul Klee, August Macke, Robert Delaunay und Ernst Ludwig Kirchner. Ausgangspunkt waren Spiegelungen in Glasfassaden, Lichtstimmungen, die Architektur der Zentralbibliothek Carl Brandts Haus und ungewöhnliche Perspektiven, die fotografisch festgehalten und anschließend künstlerisch weiterentwickelt wurden. (Weitere Infos hier)
Schon beim Betreten des Workshopraums wurde deutlich: Hier gibt es heute kein „richtig“ oder „falsch“. Auf den Tischen lagen Aquarellfarben, Gouache, Pastellkreiden, Pinsel, Papier und Arbeitsmaterialien bereit. Daneben die Smartphones und Tablets mit den zuvor aufgenommenen Fotos der Bibliotheksfassaden, Spiegelungen und Lichtreflexe. Aus digitalen Momentaufnahmen sollten analoge Kunstwerke entstehen.

Zunächst waren viele noch vorsichtig. Die ersten Linien wurden zögerlich gesetzt, Farben bedacht ausgewählt. Doch je länger gearbeitet wurde, desto mehr verwandelte sich die Atmosphäre. Aus konzentrierter Zurückhaltung wurde Experimentierfreude. Farben wurden kräftiger, Formen mutiger, Perspektiven ungewöhnlicher. Immer häufiger hörte man Sätze wie: „Ich probiere noch ein zweites Bild“ oder „Mal sehen, was passiert, wenn ich das anders mache.“
Besonders beeindruckend war zu beobachten, wie schnell die Jugendlichen verstanden, worum es den Expressionist*innen eigentlich ging: Nicht die Wirklichkeit möglichst exakt abzubilden, sondern eine eigene Sicht auf die Welt zu zeigen. Gefühle konnten dabei ebenso Ausdruck finden wie Beobachtungen, Erinnerungen oder spontane Ideen, fotografisch, malerisch oder in anderen künstlerischen Formen.
„Dass man bei Bildern nicht nur malen soll, was man sieht, sondern auch das, was man fühlt“, formulierte eine Teilnehmerin ihre wichtigste Erkenntnis des Tages.
Diese Erfahrung veränderte die Arbeitsweise vieler Jugendlicher. Plötzlich ging es nicht mehr darum, ob ein Bild dem Lehrer, den Eltern oder anderen gefällt. Es musste keiner Vorgabe entsprechen und keiner Note gerecht werden. Jedes Werk wurde als persönliche Perspektive verstanden, als Ausdruck der eigenen Wahrnehmung.
Genau diese Freiheit schien etwas auszulösen. Viele beließen es nicht bei einem einzigen Bild. Sie entwickelten ihre Ideen weiter, begannen neu, veränderten Motive, experimentierten mit anderen Farben und Materialien. Aus Neugier wurde Forschergeist.
„Mir hat mein erstes Bild nicht gefallen. Dann konnte ich einfach noch ein zweites machen“, erzählte eine Schülerin. Andere berichteten, dass sie normalerweise kaum malen würden, an diesem Tag aber überrascht gewesen seien, wie viel Freude ihnen das kreative Arbeiten bereitet.
So wurde der Workshop mehr als eine Einführung in den Expressionismus. Er zeigte, wie wichtig es ist, sich auf Neues einzulassen, Fragen zu stellen, eigene Erfahrungen zu sammeln und Dinge auszuprobieren, ohne das Ergebnis vorher zu kennen. Genau darin liegt nicht nur die Kraft der Kunst, sondern auch die Grundlage für Lernen überhaupt: neugierig bleiben, Perspektiven wechseln und den Mut haben, den eigenen Blick auf die Welt zu entdecken.



























Der Workshop wurde vom Design-Campus Mönchengladbach in Kooperation mit der Stadtbibliothek Mönchengladbach durchgeführt und von jungen Redakteur*innen des Jugendmagazins Standpunkt begleitet, um sich auf den Besuch und die Berichterstattung zum Ballett „Getanzte Bilder“ im Theater Mönchengladbach vorzubereiten.
Ziel des Workshops war es auch, die Stadtbibliothek als gestaltbaren Kulturraum wahrzunehmen, eigene Ausdrucksformen zu entdecken und zu erfahren, wie Gefühle, Eindrücke und Beobachtungen in Kunst übersetzt werden können. Im Workshopraum wird schnell klar: Hier geht es nicht um richtige Lösungen, sondern ums Ausprobieren. Die O-Töne der Jugendlichen machen diese Atmosphäre deutlich.
„Expressionismus heißt halt, dass man nicht malt, wie es wirklich aussieht, sondern wie es sich anfühlt. Also eher die Stimmung so im Bild.“
„Eigentlich ist das hier einfach Kunst. Also abstrakte Kunst. Und man probiert halt Sachen aus, ohne vorher genau zu wissen, wie es am Ende aussieht.“
„Das Beste ist gerade, dass wir einfach frei malen können. Einfach anfangen, nicht so lange überlegen, sondern direkt los.“
„Ich hätte echt nicht gedacht, dass wir so frei arbeiten dürfen. Das ist ganz anders als in der Schule – und irgendwie viel entspannter.“
„Ich dachte erst, wir machen viel mit dem Handy. Aber am Ende ist es viel mehr richtiges Malen und Kreativsein. Und das ist eigentlich voll gut so.“
„Wenn ein Bild nicht klappt, ist es auch egal. Dann macht man halt einfach ein neues.“
„Hier gibt’s halt kein richtig oder falsch. Jeder macht sein eigenes Ding, und trotzdem wird alles irgendwie cool.“
„Ich finde es gut, dass man nicht bewertet wird. Man muss hier niemandem gefallen oder irgendeine Note kriegen.“
„Am Ende geht’s nicht nur darum, was man sieht, sondern auch darum, was man fühlt. Das nimmt man echt mit.“
„Und irgendwie macht genau das richtig Lust, noch mehr auszuprobieren.“















