Kabelsalat, Glitzertacker und ein kaputter Gameboy: Vieles, was Lehrer täglich in die Schule schleppen, hat mit Unterricht erst mal wenig zu tun. Unsere Redakteur*innen haben sich umgehört und nachgefragt, welche Gegenstände Lehrkräfte immer dabeihaben und warum sie ohne sie scheinbar kaum durch den Schultag kommen.

Der Tigerenten-Schlüsselanhänger
„Meinen Schulschlüssel habe ich einfach immer bei mir, meist auch in der Hand, denn seien wir mal ehrlich: Ein Lehrer ist ohne seinen Schlüssel in der Schule verloren.
Die ersten Jahre meines Lehrerlebens hatte ich verschiedene Kuscheltiere als Schlüsselanhänger und ob Ente, Fledermaus oder Phantasietier, vor allem die jüngeren Schülerinnen und Schüler hatten diese Tierchen zum Streicheln gern. Aber irgendwann riss immer die Öse zum Befestigen am Schlüsselring ab und das Tierchen ging in den „Ruhestand“.
Vor einigen Jahren fiel mir dann beim Aufräumen die kleine Tigerente in die Hände, die ich im 6. oder 7. Schuljahr von einem guten Freund zum Geburtstag geschenkt bekommen habe. Seitdem erinnert mich mein Schlüsselanhänger in der Schule immer an einen lieben Menschen und auch an meine eigene Schulzeit.“
Nina K., Lehrerin Sekundarstufe II, Gesamtschule

Das Überlebens-Trio
„Drei Dinge, die ich schon seit Jahren griffbereit in meiner Schublade UND in meiner Schultasche aufbewahre, sind für mich unverzichtbare Begleiter, die mir helfen, den Alltag als Lehrerin ein bisschen entspannter und konzentrierter zu meistern. Sie mögen unscheinbar wirken, sind für mich aber kleine Lebensretter im oft turbulenten Schulalltag.
Da wäre zunächst die Handcreme. Durch das viele Händewaschen, das im Schulalltag einfach dazugehört, werden die Hände oft rau und trocken. Ein kleiner Klecks davon sorgt dafür, dass sie geschmeidig bleiben.
Der Lippenpflegestift ist für mich Wellness pur und das tut im stressigen Schulalltag einfach gut und gibt einen kleinen Energiekick.
Und schließlich meine absoluten Favoriten: Die Noise Cancelling In Ear Plugs. Jeder, der schon einmal im Lehrerzimmer war, weiß: Dort kann es richtig laut werden! Vor allem, wenn mehrere KollegInnen gleichzeitig telefonieren oder dir vom letzten Wochenende erzählen wollen, ist konzentriertes Arbeiten kaum möglich. Mit diesen kleinen Wunderdingern kann ich die Welt um mich herum einfach mal ausschalten und in Ruhe Unterricht vorbereiten oder Arbeiten korrigieren.
Peggy G., Lehrerin Sekundarstufe II, Gesamtschule

Der Mini-Wasserkocher
»Ich habe einen winzigen Wasserkocher im Lehrerzimmer versteckt. Offiziell natürlich nicht. Eigentlich darf man solche Geräte dort gar nicht benutzen, wegen Brandschutz und so. Aber ich brauche morgens meinen Tee, sonst bin ich vor der dritten Stunde kein angenehmer Mensch. Früher bin ich immer zur Cafeteria gegangen, aber irgendwann hatte ich keine Lust mehr auf diese riesige Schlange aus Achtklässlern mit Käsebrezeln. Jetzt mache ich mir heimlich Jasmintee hinter einem Stapel Ordner.
Irgendwann kamen dann Kolleginnen dazu. Erst nur eine, inzwischen stehen manchmal fünf Leute um meinen kleinen Wasserkocher herum wie an einer illegalen Bar. Wir nennen die Ecke inzwischen Teestation. Einmal ist während einer hitzigen Notenkonferenz die Sicherung rausgeflogen, weil gleichzeitig der Wasserkocher, eine Mikrowelle und ein Laminiergerät liefen. Danach haben wir besser auf die Reihenfolge geachtet- aber laminieren muss jetzt ja keiner mehr.«
Markus G., Gymnasiallehrer

Das Lavendelöl
»Ich habe immer eine kleine braune Glasflasche mit Lavendelöl dabei. Das klingt vielleicht esoterisch, aber ehrlich gesagt hat mich die Schule dazu gemacht. Vor allem donnerstags in der sechsten Stunde. Da ist die Luft im Klassenraum so dick, dass man das Gefühl hat, alle denken gleichzeitig ans Wochenende.
Vor Prüfungen oder wenn die Klasse komplett aufgedreht ist, mache ich manchmal einen Tropfen auf meinen Ärmel. Die Schülerinnen und Schüler merken das sofort. Dann sagen sie: Ah okay, heute wird’s ernst. Inzwischen verbindet die Klasse den Geruch mit Ruhe. Das war nie geplant. Aber Rituale entstehen in der Schule irgendwie von allein.«
Katrin M., Grundschullehrerin

Der Tacker mit Glitzersteinen
»Mein Tacker sieht aus wie der einer Zwölfjährigen. Voll mit kleinen Glitzersteinen beklebt. Ich habe ihn vor drei Jahren von einer Klasse geschenkt bekommen, die wirklich schlimm war. Also nicht böse, aber laut, chaotisch, ständig Streit. Ich bin damals oft heulend nach Hause gefahren.
Kurz vor dem Abschluss haben sie mir den Tacker geschenkt. Die haben sich heimlich getroffen und ihn dekoriert. Seitdem benutze ich nur noch den. Selbst wenn er dauernd klemmt. Einmal habe ich in einer Lehrerkonferenz aus Versehen gesagt: Hat jemand meinen Glitzertacker gesehen? Da haben alle gelacht. Aber ich finde, Lehrerzimmer könnten sowieso ein bisschen weniger grau sein.«
Helga Sch., Gesamtschullehrerin

Ein kaputter Gameboy
»Auf meinem Pult liegt ein alter Gameboy ohne Batteriedeckel. Der funktioniert nicht mal mehr richtig. Ich habe ihn einem Schüler weggenommen. Das war 2019. Damals hatte der Junge riesige Probleme. Er war ständig aggressiv, hat Unterricht gesprengt und irgendwann fast gar nicht mehr gesprochen.
Eines Tages blieb er nach dem Unterricht da und erzählte mir plötzlich zwei Stunden lang von Pokémon. Das war das erste normale Gespräch, das wir je geführt hatten. Kurz vor den Sommerferien sagte er dann: Behalten Sie den ruhig. Ich brauch den eh nicht mehr.
Inzwischen macht er eine Ausbildung als Elektriker. Manchmal schreibt er mir noch. Der kaputte Gameboy erinnert mich daran, dass man bei manchen Schülern jahrelang denkt, man erreicht sie überhaupt nicht. Und dann merkt man irgendwann doch, dass irgendwas hängen geblieben ist.«
Harald B., Realschullehrer

Drei Ladekabel und kein eigenes
»Ich habe grundsätzlich keine eigenen Ladekabel mehr. Alle Kabel in meiner Tasche stammen von Schülerinnen und Schülern. Irgendwann bleibt immer eins liegen. Früher habe ich noch versucht herauszufinden, wem welches gehört. Inzwischen habe ich aufgegeben.
Mittlerweile komme ich mir vor wie so ein wandelnder Elektronikladen. In jeder Pause steht jemand vor mir und fragt: Haben Sie ein iPhone Kabel? USB C? Einen Adapter? Einmal habe ich während einer Klassenarbeit gleichzeitig drei Handys geladen wie ein DJ mit Mischpult. Das Verrückte ist: Sobald ich selbst ein Kabel brauche, sind plötzlich alle verschwunden.«
Torsten M., Berufsschullehrer

Eine Zimmerpflanze namens Helga
»Ich habe eine Monstera im Klassenzimmer stehen. Sie heißt Helga. Eigentlich nur als Scherz. Aber die Schülerinnen und Schüler behandeln diese Pflanze inzwischen wie ein Haustier. Wenn jemand Quatsch macht, sagt sofort jemand anders: Nicht vor Helga.
Während der Ferien nehmen Kinder sie mit nach Hause und schicken mir Updates. Ein Schüler hat ihr sogar mal eine Weihnachtskarte geschrieben. Ich glaube, Pflanzen helfen tatsächlich gegen dieses sterile Schulgefühl. Klassenräume sehen oft aus wie Behörden aus den Achtzigerjahren. Alles beige, grau und laut. Die Pflanze macht den Raum irgendwie menschlicher.«
Barbara T., Gymnasiallehrerin

Die Taschentücher mit Dinosauriern
»Normale Taschentücher funktionieren bei Fünftklässlern nicht besonders gut. Dinosaurier-Taschentücher schon. Ich habe irgendwann aus Versehen eine Packung mit T Rex drauf gekauft und plötzlich wollten alle freiwillig Nase putzen.
Seitdem kaufe ich nur noch welche mit Motiven. Dinosaurier, Weltraum, manchmal Katzen mit Sonnenbrille. Das klingt albern, aber viele Kinder kommen aus der Grundschule und sind eigentlich noch ziemlich klein. Vor allem wenn sie traurig sind. Dann hilft es oft mehr, ein lustiges Taschentuch hinzulegen, als einen pädagogischen Satz zu sagen.«
Petra K., Gesamtschullehrerin, Sekundarstufe l

Eine alte Eieruhr
»In meinem Unterricht steht immer eine mechanische Eieruhr auf dem Tisch. Kein Handy Timer, keine Smartwatch. Dieses klassische Ding, das laut tickt und das man aufdrehen muss. Die Schülerinnen und Schüler hassen und lieben sie gleichzeitig.
Ich benutze sie für Arbeitsphasen, Diskussionen oder Referate. Wenn die Uhr tickt, arbeiten plötzlich alle konzentrierter. Vielleicht weil man die Zeit wirklich hört. Digitale Zeit verschwindet irgendwie. Aber dieses Tick Tick Tick macht Druck. Ein Schüler meinte mal, die Uhr klinge wie in einem Escape Room. Das fand ich eigentlich ganz passend für Schule.«
Helmut F., Gymnasiallehrer

Die Notfall-Haargummis
»Ich habe bestimmt zwanzig Haargummis in meiner Schublade. Nicht für mich, sondern für Schülerinnen. Vor Sport, im Chemieunterricht oder einfach an Tagen, an denen plötzlich jeder seinen vergessen hat.
Irgendwann sprach sich das herum. Jetzt klopfen selbst ehemalige Schülerinnen noch an meine Tür und fragen: Haben Sie zufällig einen Haargummi?
Man unterschätzt total, wie viele kleine Probleme Lehrkräfte jeden Tag lösen. Eigentlich unterrichte ich Französisch. Aber gefühlt bin ich zusätzlich Friseurin, Mediatorin, IT Support und manchmal auch Seelsorgerin.«
Esther G., Gymnasiallehrerin

Ein Stoffpinguin
»Der Pinguin heißt Klaus und sitzt hinten auf dem Regal. Ich habe ihn mir ursprünglich nur gekauft, weil mein Klassenzimmer so trostlos aussah. Irgendwann fing eine Schülerin an, Klaus morgens zu begrüßen. Dann machten es alle.
Inzwischen bekommt Klaus manchmal kleine Zettel. Oder jemand setzt ihm im Winter eine Mütze auf. Einmal haben die Zehntklässler ihn sogar heimlich mit auf Klassenfahrt genommen und mir später Fotos geschickt, wie er am Bahnhof sitzt oder Döner isst. Ich glaube, Jugendliche brauchen manchmal einfach Dinge, über die man gemeinsam lachen kann, ohne dass es peinlich ist.«
Eva K., Hauptschullehrerin
